Harter Studentenjob Nachtwache bei den Pennbrüdern

Streit schlichten, hart durchgreifen, Brötchen schmieren: Nacht für Nacht managt Florian Börner, 26, das Elend. Der Geschichtsstudent jobbt in einer Notunterkunft für Obdachlose - nicht aus Nächstenliebe, sondern des Geldes wegen.

Von Mathias Hamann


"Kanake, lern Deutsch", lallt es durch den stickigen Raum. "Maul", kommt als Antwort. Dann fliegen Fäuste und Blut tropft auf den Boden. Die Polizei und der Notarzt müssen anrücken. Auf so etwas ist Florian Börner, 26, stets gefasst, wenn er bei seinem Studentenjob ist.

Drei Stunden zuvor, gegen 23.00 Uhr, zieht Florian durch grieselnden Schnee über dreckigen Asphalt. Er ist auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, der etwa 150 Meter entfernt liegt vom Berliner Hauptbahnhof: die Notunterkunft für Obdachlose der Stadtmission. Heute leitet Florian die Nachtschicht - als Seelsorger, Tellerwäscher und Ordnungshüter zugleich.

Der Geschichtsstudent Florian Börner betreut Obdachlose. Er macht das nicht ehrenamtlich, nicht aus Nächstenliebe und nicht weil er so ein netter Typ ist. Florian verdient sein Geld damit, sieben Euro die Stunde, er finanziert so sein Studium. Er spricht nüchtern über seinen Job. "Ich versuche, für Ruhe und Ordnung zu sorgen", sagt er. Vielleicht darf man kein träumender Weltverbesserer sein, wenn man Nacht für Nacht auf das Elend trifft.

"Wir suchen nach Drogen, Alkohol und Waffen"

Die Obdachlosen heißen hier Gäste, sie bekommen etwas zu essen und dürfen übernachten. Seit einem Jahr arbeitet Florian hier, vom Job erfuhr er durch eine Freundin. Rund 60 Gäste sitzen, liegen, schlafen bereits im Hauptraum, als er hineinkommt.

Eine Klingel schallt. Draußen steht Marcel, 20, der eine rote Tüte in die Luft hält: "Hey, würd' die gerne einschließen." Florian lässt ihn die Arme heben, tastet ihn ab. "Wir suchen nach Drogen, Alkohol und Waffen", sagt Florian. "Ich hab auch schon mal ne Knarre gefunden." Dann klopft er Marcel auf die Schulter und lächelt, alles okay.

Ein professionelles Kumpelverhältnis pflegt Florian zu den Gästen. Und einen eigenen Ton, wenn er über die heftigeren Seiten seines Jobs spricht, über Pistolen und Spritzen, über Schlägereien und Leichen. Es ist ein Plauderton, in dem andere Leute Party-Gespräche führen. Als seine Kollegen einmal einen Toten gefunden haben, erzählt Florian, sei der Leichenwagen erst nach anderthalb Stunden gekommen. "Dann musste die Putzfrau eben drumrum wischen", sagt er. Zwei Dinge sagt dieser Ton: Der Job ist hart. Und ich kann damit umgehen.

Im Schlafhaus gibt es in sechs Zimmern sechzig Schlafplätze, ein wenig mehr Privatsphäre als im vollen Hauptraum. Durch eine geschlossene Tür tönt lautes Schnarchen. Florian drückt die Klinke, und ein Geruch strömt heraus, so intensiv wie das Geräusch. Schnell zieht er die Tür zu.

Ein Hilferuf aus dem Schlafhaus

Eine 19-jährige Praktikantin kümmert sich in dieser Nacht im Schlafhaus um alles, was anfällt. Sie entlaust Gäste, findet warme Worte, wenn jemand einfach nur reden will. "Es ist schön, weil man Menschen helfen kann, aber es nervt, weil wir manchmal beleidigt oder sogar bedroht werden", sagt sie.

Manchmal, wenn Gäste ausrasten und mit Stühlen um sich schmeißen, sei sie froh, dass jemand wie Florian da ist. "Einen Mann dabei zu haben, ist schon sicherer." Dann sagt sie etwas ernsthafter: "Manche Gäste haben vor uns Frauen einfach weniger Respekt, leider."

Florian besorgt Marcel noch ein leeres Bett im Schlafhaus, serviert Suppe im Haupthaus, wäscht Geschirr. Zwischendurch eilt er zur Tür und durchsucht Gäste - zwei Stunden Hochbetrieb. Dann klingelt sein Handy, Hilferuf aus dem Schlafhaus. "Es gibt ein kleines Problem", sagt Florian.

Ein grauhaariger Mann brummt vor sich hin, manchmal sehr wütend. Florian erfährt von der Nachtwache: "Der flucht schon seit einer Stunde, gehen will er auch nicht, dabei ist jetzt Ruhezeit." Florian bittet den Mann, aufzustehen, erst auf Deutsch, dann auf Russisch. Plötzlich wird der Mann laut, das passt Florian gar nicht. "Du weiß genau, welche Regeln gelten", sagt er, erst auf Deutsch, dann auf Russisch. Der Mann schreit.

Hartes Durchgreifen gehört zu seinem Job

Fünf Minuten geht es hin und her, schließlich droht Florian mit Hausverbot. Da ist Stille, der Gast nimmt seine Sachen und folgt Florian ins Haupthaus. Greift er manchmal zu hart durch? Florian schüttelt den Kopf: "Jeder hat hier einen Grund, sich aufzuregen, dann kann aber niemand schlafen."

Um zwei Uhr in der Nacht eskaliert ein Streit. "Kanake", nennt ein deutscher Gast einen anderen aus Polen, immer wieder. Florian kommt zu spät. Der Provozierte schlägt zu. Vom Kopf des Deutschen tropft Blut auf den Boden, bildet Flecken so groß wie Zwei-Euro-Stücke.

Zehn Minuten dauert es, bis zwei Polizisten und ein Notarztteam da sind. Zwischendurch bringt der Kältebus neue Gäste, Obdachlose, die er wegen der Kälte von der Straße sammelt. Dann klingelt das Telefon, die Polizei Luckenwalde ruft an. Bei ihnen sitzt ein Mann, der wohl im Zug eingeschlafen ist, er gibt als Wohnadresse die Anschrift der Stadtmission an. Florian wird nachts zum Manager der Not, zum Organisator der Hilfe.

Die härteste Strafe: Hausverbot

Die beiden Streithähne haben mittlerweile größere Sorgen als den blutenden Kopf und eine mögliche Strafanzeige. "Gibt es Hausverbot?", fragen sie Florian. Der sagt: "Du musst jetzt gehen, du kennst die Regeln - keine Gewalt." Der Schläger fliegt raus.

Der Gast nickt, nimmt seine Sachen. Florian wischt das Blut auf. "Man muss oft abwägen, man ist hier Ankläger, Richter und Vollstrecker, wenn jemand die Regeln nicht einhält", sagt er. Aber weil er den Mann eigentlich für einen netten Kerl hält, überzeugt er seinen Chef später, dass es für den Gast nur zwei Wochen Hausverbot gibt statt vier.

Langsam kehrt Ruhe ein, aber nicht für Florian. Mit einer Kollegin formt er Kartoffelklöße für den nächsten Tag. Danach schneiden, schmieren und belegen sie 100 Brötchen fürs Frühstück, zu dem er einige Gäste erst drängen muss. Marcel zieht er die Decke weg und droht wieder mit Hausverbot, bis der aufsteht. Dann drängt er die letzten Gäste zum Aufbruch. "Die meisten sind recht nett, nur ein, zwei Prozent nerven," sagt er.

Florian freut sich auf den nächsten Nachteinsatz: "Es ist ja nicht immer so turbulent." Manchmal schreibt er seine Hausarbeiten hier, zwischen drei und fünf Uhr, wenn alle schlafen.



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