Bewerben an der Elite-Uni So kommen deutsche Studenten nach Harvard

"Was für ein Mensch werden Sie in Zukunft sein?" Wer an der Harvard-Universität in den USA studieren will, muss die Auswahljury tief in seine Persönlichkeit blicken lassen. Immerhin: Reich sein ist keine Pflicht.

Corbis

Uni-Seminare bei Nobelpreisträgern, Kamingespräche mit Weltenlenkern und in die Mensa mit dem nächsten Mark Zuckerberg - viele zukünftige Studenten träumen davon, in der amerikanischen Elite-Uni Harvard angenommen zu werden.

Hervorragende Unis, die berühmten Ivys, gibt es an der US-Ostküste einige. Doch Harvard ist ein Mythos. Die älteste Hochschule der USA wird in Rankings wieder und wieder zur besten der Welt gewählt. Barack Obama studierte hier Jura, Bill Gates schmiss sein Mathestudium in Boston, um mit Microsoft zum reichsten Mann der Welt zu werden. Harvard steht für exzellente Bildung und ein Netzwerk einflussreicher Alumni, die jungen Absolventen Türen öffnen können.

Wer sich hier bewirbt, muss früh wissen, was er will - nämlich locker anderthalb Jahren vor Studienbeginn: Ein Dreiviertel Jahr für die Zusammenstellung der Unterlagen und ein weiteres Dreiviertel Jahr für das Bewerbungsverfahren.

Mit einem Standard-Lebenslauf und kurzem Anschreiben kommen Abiturienten hier aber nicht weit. Gleich in der ersten Runde sollen Harvard-Bewerber ihre gesamte Persönlichkeit offenlegen, ihre Ideen, ihre Ambitionen. "Haben Sie ein Ziel?", "Wie offen sind Sie für neue Ideen und Menschen?" oder "Sind Sie ein Spätzünder?" sind Fragen, die die Auswahlkommission in der Bewerbung beantwortet haben will.

Mit wohlklingenden Standard-Floskeln sticht man sicher nicht heraus aus den mehr als 34.000 Konkurrenten, die sich für das aktuelle Studienjahr auf die gut 2000 BA-Studienplätze in Harvard bewarben. Die Jury sucht Visionäre mit Realitätsbezug, aufstrebende Koryphäen, mit denen die Uni später mal angeben kann. Abiturienten müssen umfangreiche Bewerbungsunterlagen einreichen, am Harvard College zum Beispiel:

  • eine individuelle Bewerbung: Hier fordert Harvard ein persönliches Statement, eine Beschreibung der eigenen Aktivitäten und Essays zu vorgegebenen Themen. Zusätzlich können sie einen persönlichen Essay schreiben und außergewöhnliche akademische Arbeiten beifügen.

  • Das Punkte-Ergebnis des allgemeinen SAT-Tests (Scholastic Assessment Test): Dabei handelt es sich um einen standardisierten Eignungstest für angehende Studenten. Vier Stunden lang müssen Abiturienten Texte lesen und verstehen, schreiben und redigieren und dann noch Mathematikaufgaben lösen. Für jeden Bereich (Lesen, Schreiben, Mathe) gibt es zwischen 200 und 800 Punkte - ein Ergebnis von mehr als 700 Punkten pro Bereich ist für Harvard-Studenten üblich. Anmelden kann man sich für den SAT hier, je nach Anbieter kostet der Test zwischen 50 und 100 Dollar.

  • Zusätzlich zum allgemeinen SAT-Test müssen Harvard-Bewerber zwei "SAT Subject Tests" meistern. Das sind Tests zu bestimmten Fachbereichen. Die Bewerber können ihre beiden Prüfungsbereiche aus insgesamt 20 Themen auswählen. Auch hier sind jeweils bis zu 800 Punkte zu holen.

  • Ohne perfektes Englisch geht an US-Elitunis gar nichts: Bewerber aus Deutschland müssen deshalb den Test of English as a Foreign Language (TOEFL) abgelegen. Damit wird gemessen, wie gut Bewerber die englische Sprache beherrschen. Die Maximalpunktzahl beträgt 120 Punkte. Die Harvard-Universität erwartet nach eigenen Angaben einen Wert von mindestens 100 Punkten. Der Test kostet zwischen 160 und 250 Dollar, anmelden kann man sich hier.

  • Zwei Empfehlungsschreiben von Lehrern

  • Ausführliche Zeugnisse zur Mittel- und zur Oberstufe (inklusive Übersetzung)

All das muss bis Herbst oder spätestens Winter bei der Uni eingereicht werden - schon die Bewerbung kostet Geld, in Harvard sind es 75 Dollar. Zudem können Harvard-Bewerber zur Verbesserung ihrer Chancen im Spätherbst ein persönliches Gespräch mit einem Alumnus vereinbaren. Die Universität bietet diese Möglichkeit weltweit an.

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Hochbegabung: Karriere im Schleudergang
Hat die Jury die Bewerbungsunterlagen gesichtet, lädt sie die ihrer Meinung nach vielversprechendsten Kandidaten zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch ein. Im Frühjahr dann werden die Zu- und Absagen verschickt.

Wer eine Einladung in den exklusiven Kreis bekommt, steht vor der nächsten Frage: Wie soll ich die für die für deutsche Verhältisse astronomisch teure Ausbildung bezahlen? Ein Studienjahr an einer Ivy-League-Universität kostet oft mehr als 60.000 US-Dollar - inklusive Gebühren, Unterkunft, Reisekosten, Versicherungen und Studienmaterial.

Wer diese Summe nicht selbst aufbringen kann, muss sich rechtzeitig bei den Universitäten um ein Stipendium bewerben. In Harvard bezahlen Studenten dann beispielsweise nur so viel, wie es die individuelle finanzielle Lage ihrer Familie erlaubt.

Als Kriterien für die Berechnung des individuellen Beitrages werden unter anderem die Größe der Familie, deren Einkommen und Vermögen herangezogen. Familien, die weniger als 65.000 Dollar im Jahr verdienen und kein ungewöhnlich hohes Vermögen besitzen, bezahlen in Harvard gar nichts (hier der Stipendiums-Rechner). Nach Angaben der Universität ist das bei jedem fünften College-Studenten der Fall.

Wem dieser ganze Aufwand zu groß ist oder wer die Fristen verpasst hat, dem bleibt noch der akademische Kurztrip: In Summer-Schools können Studenten einzelne Kurse an einer Elite-Universität besuchen - und zumindest ein bisschen Ivy-League-Gefühl spüren.

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Summer Schools: Sonne vor dem Seminarraum



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hansopitz 30.09.2014
1. Irreführender Artikel
Bei der Bewerbung an Elite-US-Universitäte kommt es nicht auf die schönen Essays zum Thema "Welche Visionen habe ich?" an, sondern vor allem (und fast ausschliesslich!) auf die Testergebnisse, die der Artikel erst im Verlauf so schön auflistet: (1) Das Punkte-Ergebnis des allgemeinen SAT-Tests mit mindestens 700 von 800 Punkten, (2) den zusätzlichen SAT-Subject-Test, (3) bzw. bei Master und PhD-Studiengängen der berüchtigte GRE-Test. Allen diesen Tests ist gemeinsam, dass sie nicht die wirkliche Befähigung eines Kandidaten misst, sondern mit einigen trickreich gestellten Fangfragen (multiple choice unter Zeitdruck) dafür sorgen soll, dass der Kandidat ein möglichst niedrigen Score hat, so dass die Uni die Kosten für ein Stipendium einspart. Studieren kann man schliesslich auch auf Pump, solange es ein Bank gibt, die das Geld leiht. Oder man ist eben doch reich... Die netten Kamingespräche und die Essays sind am Ende allenfalls die Kirsche auf dem Kuchen. P.S.: Ein TOEFL mit 100 von 120 Punkten ist übrigens durchaus machbar!
johna. 30.09.2014
2. The Problem of 'Legacy Admissions'
Before one gets too excited about the admission processes at elite universities, one should read the following article about 'legacy admissions:' "This issue’s cover story, entitled 'How They Got In,' gives a look at Stanford’s admissions process from an alumni perspective....The article is eye-opening, however, in demonstrating just how much of an advantage legacies have. The author writes, “The percentage of alumni children admitted to Stanford is roughly three times the overall percentage of acceptance.'" Seehttp://www.forbes.com/sites/joshfreedman/2013/11/14/the-farce-of-meritocracy-in-elite-higher-education-why-legacy-admissions-might-be-a-good-thing/
European 30.09.2014
3. Das Harvard Studium ist nur bedingt rentabel
Wir haben Bekannte deren Tochter trotz Harvard Studium als Kindergarten Lehrerin arbeitet, für ein entsprechend bescheidendes Gehalt. Anstatt immer mehr Zeit und Geld in die eigene Person zu investieren, lohnt es sich vielmehr parallel zum Erwerbseinkommen ein Kapitaleinkommen aufzubauen. Ich empfehle Allen das Buch "Rich Dad Poor Dad", das genau diese Problematik anspricht. Wer 1972 10,000 $ in Walmart investiert hat nennt heute 3,000,000$ sein eigen. Aber die Deutschen sind ja größtenteils Wahl Finanzanalphabeten und haben somit verdient was sie bekommen.
sigmaplus 30.09.2014
4. Trotzdem
---Zitat--- Immerhin: Reich sein ist keine Pflicht. ---Zitatende--- ...hilft es schon ungemein, wenn Mami oder Papi ein paar Dollars an die Fakultät spenden...;)
LottiMPavarotti 30.09.2014
5. In Netz der Elite-Spinner
Die Perspektive einer deutschen Studentin in den USA: Hard ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr das romantische Akademiker-Idyll, als welches es sich in Broschüren und bei Kampus-Touren verzweifelt verkaufen will. Akademia wird in Cambridge mittlerweile bei Weitem kleiner geschrieben als Dotierung, Spenden, und Kapital. Die so genannten "fraternities" und "sororities", also die geschlechtergetrennten Studentenverbindungen, sind wichtiger im Resumé als wissenschaftlicher Eros der "Visionäre". Darüber hinaus: der SAT und SAT Subject Test sind für jeden deutschen abiturerprobten Menschen ein Spaziergang im Park, und sind lediglich Parameter um beim Bewerbungsprozess überhaupt in Frage zu kommen. Die wahre Entscheidung, wie johna. schön erwähnt, liegt bei genetischen Vorbehalten, oder ob der FAFSA (Free Application for Federal Student Aid) bestätigt, das Mutti und Vati den Studienbeitrag komplett begleichen können. Wegen, wie gesagt, der Dotierung. SPON, bitte tappt nicht in die Falle der "Ivy League" Romanisierung.
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