Harvard-Schnappschuss Der große liberale Katzenjammer

Bei der US-Wahl hat sich die Mehrheit der Amerikaner gegen einen intellektuellen Grübler und für einen selbstgewissen Werteprediger im Weißen Haus entschieden. Nirgendwo wird das entsetzter registriert als an den akademischen US-Kaderschmieden, vor allem in der Kerry-Hochburg Harvard.

Von , Cambridge


Zwischen Hoffnung und Entsetzen: Harvard-Studenten bangen mit John Kerry
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Zwischen Hoffnung und Entsetzen: Harvard-Studenten bangen mit John Kerry

Noch keine fünf Stunden ist John Kerrys Abschiedsrede alt, da tun sie in Harvard schon so, als könnten sie alles kühl analysieren. "Election 2004. What does it mean?", heißt das Motto der Podiumsdiskussion an der Kennedy School of Government am Tag nach der Wahl. Aber in Wahrheit tun die Diskutanten, was Leute nach einem Trauerfall eben tun - eng zusammenrücken, um zu fühlen, dass man nicht alleine ist.

David Gergen, ehemaliger Berater der Präsidenten Richard Nixon, Ronald Reagan, Bill Clinton und einer der Konservativsten in Harvard, erzählt, dass er sich seit der Wahl wie in einem Club vorkomme, in dem er nicht Mitglied sei: "Die Mehrheit des Landes teilt meine Werte überhaupt nicht mehr." Gergen kann auf den Trost von Maxine Isaacs zählen, die bei der Diskussion neben ihm sitzt. Die Professorin ist enge Kerry-Vertraute, ihr Mann wäre unter dem Demokraten wohl Finanzminister geworden. Isaacs zerkaut immer wieder die beiden Worte, die US-Meinungsforscher als wahlentscheidend benennen: "Moral values", moralische Werte.

Gegen die Sklavenhalterstaaten im Süden

"Moralische Werte habe ich auch", ruft Isaacs, "es wäre nur gut, wenn wir die Religion aus der Politik heraushielten." Gergen nickt dankbar, und die Studenten und Professoren im vollen Saal klatschen so trotzig, als solle es bis nach Ohio schallen. Jemand in den hinteren Reihen ruft, er komme sich wie im Bürgerkrieg vor, man müsse die südlichen Sklavenhalterstaaten bekämpfen. Ein anderer fragt ratlos in die Runde: "Wer sind eigentlich diese Leute, die Bush wählen?"

Enttäuschte Kerry-Anhänger (in Boston): Das Wahlergebnis sprengt die Theorie
AP

Enttäuschte Kerry-Anhänger (in Boston): Das Wahlergebnis sprengt die Theorie

Nun, diese Leute studieren oder arbeiten selten in Harvard, Yale oder Berkeley. In Politikkursen an der Kennedy School of Government muss bei Diskussionen oft der Dozent die republikanische Position übernehmen, weil das kein Student tun möchte. "Harvard ist ein Ort", schreibt die Studentenzeitung, "wo niemand Countrysänger kennt oder Nascar-Fahrer, obwohl diese Autorennen in der konservativen Mitte des Landes der populärste Sport überhaupt sind."

Hier lernen die Studenten in Kursen, wie die "rational choice" funktioniert, nach der jedes Individuum seinen Interessen gemäß handelt. Der wahlentscheidende Bundesstaat Ohio, schwer gebeutelt von der Rezession, ist damit eigentlich einfach zu analysieren: Jemand, der seinen Job verloren hat, dessen Kind in einen dubiosen Krieg ziehen und für dessen Gesundheitsversorgung wegen Steuergeschenken an Superreiche kein Geld da ist, will einen neuen Präsidenten. So weit die Theorie.

Dass aber so viele Wähler wolkige Debatten über "Charakter", die Homo-Ehe oder den Schutz von Ungeborenen höher einstuften als ihre eigenen Lebensumstände, sprengt die Theorie.

Blaue Inseln im roten Ozean

Auf dem Campus verhasst: George W. Bush (als Yale-Student in den Sechzigern)
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Auf dem Campus verhasst: George W. Bush (als Yale-Student in den Sechzigern)

Und so stießen die Denker in Harvard an ihre Grenzen. Ein Professor sagt in seiner Vorlesung, er habe nur am 11. September ähnlich betroffene Menschen vor Fernsehschirmen gesehen wie in der Wahlnacht. Es ist das Entsetzen des kleineren Teils einer zutiefst gespaltenen Nation. Tiefrot - das ist die Parteifarbe der Republikaner - ergießt sich der konservative Ozean in die Mitte der Vereinigten Staaten. Die verbliebenen blauen demokratischen Flecken drängen sich vor allem an den Rändern. Dezidiert liberale Orte wie Cambridge oder das kalifornische Berkeley beginnen so verwegen zu wirken wie das gallische Widerstandsdorf unter den Römern.

Die Blauen halten die Roten für dumm und ignorant, die Roten die Blauen für unmoralisch und wertefrei. Weil die Roten in der Mitte des Landes skrupellos tönen, konnten Polemiken wie die vom Massachusetts-Liberalen, dessen Heimat gar Schwule verheirate, gegen Kerry funktionieren. Schon fordern manche Demokraten, nie mehr einen Kandidaten aus liberalen Regionen aufzustellen - bloß keinen Grübler, der erst nachdenkt anstatt gleich zu handeln. Die Entwürfe von politischer Führung prallen frontal aufeinander. "Ist das der Tag, an dem die Aufklärung endet?", fragt die "New York Times". Werden die USA ein Land, in dem Religion wichtiger wird als Wissenschaft? Glauben bedeutender als Denken?

Der Aufstand der Jungen scheiterte

Da wirkt es fast trotzig, wenn Harvards Präsident Larrry Summers, einst unter Clinton Finanzminister, gerade jetzt die Stammzellenforschung fördern will, die Bush der religiösen Rechten zuliebe einschränken möchte.

Trotzt der religiösen Rechten: Harvard-Präsident Larry Summers im Kreise seiner Studenten
AP

Trotzt der religiösen Rechten: Harvard-Präsident Larry Summers im Kreise seiner Studenten

Trotzig ist auch die Gruppe von Studenten, die auf Bostons Copley Square noch 20 Stunden nach Beginn der Wahlnacht bis zu Kerrys emotionaler Abschiedsrede ausharrt. Eine Studentin schluchzt ins Handy, dass sie nicht verstehen kann, dass der Aufstand der Jungen nicht wie erwartet geklappt hat.

Zwar hat Kerry an den meisten Hochschulen klar gewonnen. Doch trotz des monatelangen Buhlens von Rockstars und Hollywoodgrößen um junge Wähler ("Vote or Die") kam nur jede zehnte Stimme von Leuten zwischen 18 und 24, obwohl diese Gruppe jeden fünften Wahlberechtigten stellt. "Ein neuer republikanischer Senator will die Todesstrafe für Ärzte, die Abtreibungen durchführen", ruft das Mädchen am Telefon. "Wie kann man da nicht wählen?"

Weitere vier Jahre Sarkasmus

Als im Januar der Demokrat Howard Dean aus dem Rennen ausschied, beschieden Kommentatoren seinen studentischen Unterstützern, es gehöre zum Erwachsenwerden, das politische Herz einmal gebrochen zu bekommen. Mit John Kerry ist es komplizierter: Geliebt hat ihn kaum einer. Die meisten Studenten haben ihn aber bedingungslos unterstützt, weil sie Bush hassen.

ZUR PERSON
Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Und vielleicht ist keine Frage wichtiger, als was aus den ganzen Gefühlen werden wird: Apathie oder noch mehr Hass? Bush hat versprochen, ein Versöhner zu sein. Das hat er aber auch schon vor vier Jahren. Und in der traurigen Bostoner Wahlnacht sind im Fernsehen bereits republikanische Senatoren zu sehen, die herunterleiern, was sich mit dem neuen Wählerauftrag alles umsetzen ließe: mehr Steuerkürzungen, Ölbohren in der Antarktis, ein konservativerer Supreme Court - und natürlich "moralische Werte".

Der Student mit den vielen Kerry-Stickern am Hemd, der eingesunken vor dem Schirm hockt, kann gar nicht mehr streiten. "Ja, mehr, mehr, mehr....", feuert er den Senator an. Der Sarkasmus muss für vier Jahre reichen.

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