Harvard unter Pornoverdacht Sex-Bombe für einsame Superhirne

Harvards Elitestudenten sind eher für wissenschaftliche Leistungen als für sexuelle Ausschweifungen bekannt. Studentinnen geben nun ein künstlerisches Erotikmagazin heraus - mit Segen der Uni-Leitung. Die US-Medien witterten Sittenverfall: Porno hinter Efeumauern?

Von , Cambridge


Cover der ersten Ausgabe: Wilder Mix

Cover der ersten Ausgabe: Wilder Mix

Jeden Januar und Mai, zu Beginn der Prüfungswoche, rennen Harvardstudenten gegen Mitternacht einmal um ihren Campus. Nackt. Schwer identifizierbare Schreie ausstoßend, im Winter wohl wegen der Kälte, im Mai vielleicht aus Frühlingsgefühlen. Primal scream heißt das Spektakel, die Entstehungsgeschichte ist so kompliziert wie viele Mythen hier - doch unbestritten ist sein akademischer Wert. "Unter anderem Primal scream stellt sicher, dass Harvardstudenten mit der Beschaffenheit des menschlichen Körpers vertraut sind", resümierte die Studentenzeitung neulich zufrieden.

Das mag nicht jeder glauben. Immerhin schockieren campusweit gelegentlich mehr oder minder wissenschaftlich angelegte Umfragen, nach denen jeder zweite der Elitestudenten noch Jungfrau ist. Doch es taugt als Argumentationshilfe, warum selbst behüteter Harvardnachwuchs etwas mehr sexuelle Revolution aushalten kann.

Seit einer Woche gibt es deshalb in Harvard ein Erotikmagazin von Studenten für Studenten. "H-Bomb" heißt es und ist laut Editorial der beiden Chefredakteurinnen ein künstlerisches Forum für hot minds und brilliant bodies.

Beide sollen auf ihre Kosten kommen durch einen wilden Mix aus erotischen Gedichten, Interviews mit Sexualforschern, eindeutigen Kurzgeschichten und nicht zuletzt Aktfotos von "echten" Harvard-Studenten und -Studentinnen. Die Hochschulleitung hat das Projekt nach langem Zögern finanziell unterstützt - die Fotos dürfen allerdings nicht auf dem Unigelände aufgenommen werden.

Triebsteuerung auf Autopilot

Ganz neu sind so freizügige Print-Phantasien an amerikanischen Elite-Unis nicht. In Yale erregte eine Nachwuchssexkolumnistin Aufsehen, die für ihre "Yale Daily News"-Stücke detailliert Auskunft gab über Oralsextraining an Bananen. Im traditionell progressiven Berkeley muss sich nach Lektüre der studentischen Sexkolumnen seltsam vorkommen, wer im dritten Studienjahr noch immer keinen handschellenunterstützten Gruppensex vor laufender Videokamera hatte.

Parodie: Das Satiremagazin "Harvard Lampoon" erschien schon vor "H-Bomb" mit einer flotten Fälschung

Parodie: Das Satiremagazin "Harvard Lampoon" erschien schon vor "H-Bomb" mit einer flotten Fälschung

Weil aber die "H-Bomb"-Chefredakteurinnen sich bei der Vorstellung ihres Magazins das Wort porn nicht ausdrücklich verboten und weil "die ganze Welt auf Harvard schaut", wie es ein zum Heft befragter Student in Harvard-typischer Bescheidenheit ausdrückte, witterte die US-Presse eine schöne Story von Exhibitionisten hinter Efeumauern.

Fox und CNN berichteten, das auf Hardcore-Porno spezialisierte "Hustler"-Magazin fragte an. Die seriöseren Tageszeitungen hechelten angesichts der Aussicht auf Aktfotos von Harvardstudenten zwar nicht ganz so offensichtlich - aber schmuggelten die saftige Nachricht doch ins Blatt, getarnt hinter langen Reflektionen, ob dies die endgültige Zurückweisung der "Political Correctness"-Welle darstelle.

Theoriehuberei statt Ausschweifungen

Dabei ist "H-Bomb" vielleicht einfach Ausdruck von Frust mit dem Sozialleben im akademischen Olymp. Harvard-Soziologiestudenten haben die Theorien darüber, warum es nicht so recht klappt mit der zwischengeschlechtlichen Annäherung, schneller parat als Exponenten der Frankfurter Schule. Aktuelle Favoriten: zu viel Arbeit, zu viele Egoisten, zu viele Perfektionisten, zu viele Freaks.

ZUR PERSON
Gregor Schmitz

studierte in München Jura sowie in Paris und Cambridge Geschichte und Politik; an der Universität Harvard war er Graduate Student. An UniSPIEGEL ONLINE schickt der 30-Jährige Schnappschüsse von der berühmtesten (und reichsten) Hochschule der Welt.
Zwar gibt es in jüngster Zeit auch von der Uni-Leitung unterstützte Feldversuche - etwa elektronische Datingservices oder "Harvard State University"-Partys, auf denen die Elitestudenten sich einen Abend lang vormachen dürfen, sie seien genauso wilde Partyhengste wie ihre Altersgenossen an weniger vergeistigten staatlichen Bildungseinrichtungen. Das aber führt - ist ja Harvard - statt zu erotischen Ausschweifungen eher zu komplizierten Diskussionen, inwieweit solche Partys arrogante Diskriminierung staatlicher Unis verkörperten.

Ob das Magazin an derlei Unentspanntheit viel ändern kann? Immerhin ermuntern die Macherinnen ausdrücklich alle Leser, häufiger an schöne Körper zu denken als an die eigene Präsidentschaftskandidatur. Und die meisten Seiten sind statt schlüpfriger Sex-Storys oder gar Pornofotos nachdenklichen, manchmal witzigen Reflexionen gewidmet. Über die Bedeutung ordentlicher Kondomqualität, die Schwierigkeit, Sexpartner zu finden, mit denen sich in Dekonstruktivismus-Theoriejargon verbal vorspielen lässt, und die tieferen Gründe elitestudentischer Einsamkeit. Laut einer im Heft zitierten Studie "trinken Harvardstudenten mehr, haben weniger Sex und sind häufiger deprimiert als der durchschnittliche US-Collegestudent".

Jede Menge braune Papiertüten

William B. Yeats kommt vor, mit seinem schönen Satz, die Tragödie jeder sexuellen Vereinigung sei die ewige Jungfräulichkeit der Seele. Und ein studentischer Autor räsoniert zum Trost aller einsamen Superhirne, ob Einsamkeit nicht gerade erst Höchstleistungen ermögliche - schließlich sei Van Gogh kein Frauenheld gewesen, Beethoven oder Nietzsche auch nicht gerade.

Centerfold: Ironische Orgie
Christopher Anderson

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Selbst als sich (Achtung, Welt: Harvard-Porno!) zwölf Studentinnen und Studenten über eine Doppelseite orgiastisch und sehr leicht bekleidet räkeln dürfen, wirkt das mit Einsteins E=mc²-Formel als Wandschmuck eher wie ironisch postmoderner Gruppensex angehender Bildungsbürger. Die mussten sich dennoch prompt vom geistigen Seelsorger des Harvard College darüber belehren lassen, dass die heutige Sexkultur bloß Ausbeutung sei.

Der Nachfrage für das Magazin hat das kaum Abbruch getan. Im Kiosk gleich an der Uni war es schon am ersten Tag fast vergriffen. Dennoch gibt einem der mürrische ältere Verkäufer, was die Amerikaner einen dirty look nennen - ganz so, als habe man statt eines "künstlerischen Magazins" die jüngste Ausgabe von "Harvardstudentinnen ganz, ganz wild im Spring Break" erbeten. Dann murmelt er noch missbillig, alle möglichen Leute würden das ja kaufen. Und versteckt das Heft mit den nackten studentischen Rückseiten auf dem Titel in einer braunen Papiertüte.

Also laufen rund um den Harvard Square derzeit eine Menge Leute mit braunen Tüten unterm Arm herum. Wenn da keine sexuelle Revolution in der Luft liegt.



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