Hilfe von der WG-Therapeutin Erst Gezwitscher, dann Gewalt

Jojo hat vier Wellensittiche. Seinen Mitbewohner treiben die Vögel allerdings in den Wahnsinn. Seinen Frust hat dieser erst am Käfig, dann an der Wohnzimmertür ausgelassen - und nun?

Wellensittich
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Wellensittich

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Jojo* schreibt:

ein Bekannter, den ich von früher kenne, ist bei mir eingezogen. Ich dachte, das kann nicht schief gehen. Es war auch alles gut - bis jetzt.

Ich hatte bereits gemerkt, dass er von meinen vier Wellensittichen genervt ist. Er hat aber nie gesagt, wie sehr ihn der Lärm der Vögel wirklich stört. Obwohl der Käfig im Wohnzimmer steht, das nicht einmal an sein Zimmer grenzt, ist er heute Morgen völlig ausgerastet.

Vor Wut hat mein Mitbewohner erst auf den Käfig geschlagen und dann mit seinen Fäusten an die Wohnzimmertür. Diese hat jetzt Dellen und Löcher. Als er auf den Käfig geschlagen hat, ging außerdem die Tür auf, so dass einer der Vögel den ganzen Tag draußen war.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.

Ich bin immer noch ziemlich schockiert. Wir haben uns zwar schon ausgesprochen und es ist klar, dass er die Tür ersetzt, aber unser Vertrauensverhältnis ist jetzt natürlich kaputt.

Er hätte mir früher sagen sollen, dass ihn meine Wellensittiche stören. Dann hätte ich nach einer Lösung gesucht. Ich habe sogar extra schon einen Wellensittich abgegeben, der sich nie richtig in die Gruppe eingelebt hatte.

Nun denke ich darüber nach, meinem Mitbewohner zu kündigen. Meine Nerven liegen blank, zumal mein Leben gerade auch nicht einfach ist. Meine Schwester hat mir auch schon gesagt, ich solle ihm kündigen, auch wenn ich dann wohl keine neue Tür bekommen werde.

*Name geändert

Zur Person
  • Amac Garbe
    Sabine Stiehler lindert den WG-Kummer der SPIEGEL-ONLINE-Leser. Stiehler ist promovierte Erziehungswissenschaftlerin und leitet die Psychosoziale Beratungsstelle im Studentenwerk Dresden.

Sabine Stiehler antwortet:

Hallo Jojo,

ich kann Ihren Mitbewohner verstehen. Wellensittiche zwitschern los, sobald die Sonne aufgeht. Und Sie haben vier davon . Das kann ganz schön anstrengend sein. Offensichtlich hat sich bei Ihrem Mitbewohner ziemlich viel Wut darüber aufgestaut, und diese hat er dann im Affekt rausgelassen, indem er auf den Käfig und gegen die Wohnzimmertür geschlagen hat.

Obwohl Sie sich kennen, war Ihr Mitbewohner offenbar nicht gut genug auf das Zusammenwohnen mit Ihnen und Ihren Wellensittichen vorbereitet. Sie hätten ihn besser über Ihre Tiere aufklären und verdeutlichen müssen, was es heißt, mit vier Wellensittichen in einer Wohnung zu leben.

Sie hätten ihm vor dem Einzug beispielsweise anbieten können, ein, zwei Tage auf Probe bei Ihnen zu wohnen. So hätte er abschätzen können, ob er es mit den Vögeln aushält oder nicht.

Offenbar hat er bis zu seinem Wutausbruch auch nie angesprochen, wie sehr ihn die Tiere nerven. Das ist schlecht. Mitbewohner sollten viel früher den Mut finden, über Probleme zu reden. Ich raten ihnen deswegen für die Zukunft, präventiv miteinander zu sprechen.

Sie können zum Beispiel einmal in der Woche ein "Nervgespräch" führen - also darüber reden, was sie am meisten stört, und was sich dagegen tun lässt. So kann man verhindern, dass einer irgendwann einmal ausrastet, weil sich so viel in ihm angestaut hat.

Vielleicht können Sie Ihrem Mitbewohner noch eine zweite Chance geben. Reden Sie doch noch mal mit ihm über alles, sobald sich die Wogen geglättet haben. Aber machen Sie ihm klar, dass Sie ihm kündigen werden, falls so etwas noch einmal passiert.

Falls er tatsächlich noch mal auf etwas einschlägt, schützen Sie sich und verlassen Sie mit Ihren Vögeln die Wohnung. Für alle ist es dann sicher am besten, wenn Ihr Mitbewohner auszieht.

insgesamt 31 Beiträge
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behuf 07.04.2018
1. Gewalttätigkeit
Einen Mann, der gewalttätig auf das Zwitschern von Wellensittichen reagiert, hätte ich hochkant hinausgeworfen und dann umgehend das Türschloss gewechselt. Der kann froh sein, dass er keine Anzeige bekommen hat. So einer kann auch wegen anderer harmloser Dinge ausrasten und Dinge kaputtschlagen. Und der Satz "ich kann Ihren Mitbewohner verstehen" entzieht sich völlig meinem Verständnis. Jeder Erwachsene weiß, dass Vögel zwitschern. Und entweder kommt man damit klar, oder, wenn nicht, zieht gar nicht erst ein. Oder man zieht nach ein paar Tagen aus. Dieser Mann aber hat eine Tendenz zur Gewalttätigkeit, die er offenbar nicht beherrscht.
pfalzkapelle 07.04.2018
2. Man kann mit Vögel noch ganz andere Probleme bekommen...
Wir hatten im Haus 5 Nymphensittiche. Ein Vogel wurde als Notfall übernommen, der Schwager konnte ihn nicht leiden. Damit er Gesellschaft hat, wurden die anderen angeschafft. Der "alte" Vogel blieb allein, dafür hatten wir zusätzlich eine Männer- und eine Frauen-WG mit je zwei Tieren. Und wie ging es weiter: wir mussten sämtliche Tiere abgeben. Meine Frau bekam die Vogelhalterlunge. Ihr geht es damit sehr gut, aber wir können keine Tiere mehr halten. Die beiden WGs wanderten ins Tierheim, der "alte" Vogel kam bei unserer Tochter unter. Leider ist er gestorben. Am Tag vor seinem Tod habe ich noch mit ihm telefoniert. Es ging ihm nicht gut und er hat beständig am Telefon geklagt. Selbst von mir ließ er sich nicht trösten. Kurz: die Vögel vermisse ich sehr. Ich habe sie als liebevolle Begleiter erlebt und bin dankbar, dass sie bei uns waren. Es gibt aber Menschen, die keine Vögel mögen. Dazu gehört offensichtlich mein Schwager. Manchmal muss man sich entscheiden, was einem lieber ist, Vogel oder Mensch. Angesichts der schweren Erkrankung meiner Frau durch die Vögel habe ich mich für den Menschen entschieden. Meine Schwägerin wohl auch, aber da gab es kein gesundheitliches Problem. Der konnte Vögel nicht leiden und hat das arme Tier über Wochen nur geärgert. Deshalb haben wir den Vogel bei uns aufgenommen. Wir haben dies nie bereut.
user123456789 07.04.2018
3. Kündigen
Wenn man davon ausgehen muss, dass sich dieser Mensch nicht unter Kontrolle hat, dann muss man eben kündigen. Man sollte diesen unreifen Kerl mal nach Asien entsenden oder in ein Ghetto in einer amerikanischen Großstadt. Dann würde er noch andere Dinge meistern müssen. Dürfte so ein Typ sein, der als Kind typisch deutsch verwöhnt wurde. Sowas würde ich rauswerfen.
phoenix68 08.04.2018
4. Wie bitte?
Es hoert sich ja an, als ob sie den Hauptmieter (Besitzer?) verantwortlich halten fuer die Gewaltaetigkeit! Ein jeder ist fuer seine eigenen Handlungen verantwortlich. Ich wuerde diesem Mann bestenfalls eine zweite Chance geben, wuerde er sich in Behandlung wegen Wutmanagement geben. Die Voegel waren bereits da, als er einzog. Kopfschuettel!
dasfred 08.04.2018
5. Also bisher war ich von den Ratschlägen angetan
In den bisherigen Fällen waren die Ratschläge immer aus professionellem Abstand sehr pragmatisch. Was ich hier eben gelesen habe, geht in eine andere Richtung. Ein neuer Mitbewohner, den der Wohnungsmieter schon lange kennt, verliert die Kontrolle über sich. Rat: Machen sie einmal in der Woche ein Gespräch und verlassen sie im Notfall mit den Tieren die Wohnung. Klingt für mich nach dem Ratschlag, wenn dein Partner dich schlägt, versuche erstmal, Verständnis für seine Situation aufzubringen, ansonsten kannst du ja immer noch mit den Kindern ins Frauenhaus. Wer einmal so derart ausrastet, wie dieser Mitbewohner, muss raus. Schließlich sind die Vögel weiterhin in der Wohnung, und er stellt zumindest für die Tiere eine Gefahr dar. Bei Gewalt, egal ob gegen Menschen, Tiere oder Türen hört bei mir jedes Verständnis auf.
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