Schwerverständliche Wissenschaft "Sprachstyropor macht mir schlechte Laune"

Implementierung, Paradigmenwechsel, Diskursivität: Das ist typisches Wissenschaftsdeutsch - unverständlich und aufgebläht. Im Interview erklärt Geschichtsprofessor Valentin Groebner, wie Studenten sich dahinter verstecken und gibt Tipps fürs bessere Schreiben.

Stressinduzierte Unpässlichkeit: Studenten verschanzen sich oft hinter komplizierter Sprache
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Stressinduzierte Unpässlichkeit: Studenten verschanzen sich oft hinter komplizierter Sprache


SPIEGEL ONLINE: Die Semesterferien sind vorbei, Sie mussten gerade wieder stapelweise Seminararbeiten korrigieren. Welche Formulierungen bringen Sie in Rage?

Groebner: Es ist keine Wut, eher Überdruss. Sprachstyropor macht mir schlechte Laune. Füllworte und Sprachmaterial, das unnötig verwendet wird. Das passiert Studenten vor allem aus Unsicherheit. Man merkt: Das ist nicht ihre eigene Sprache, sind nicht ihre eigenen Gedanken, sondern es ist eine Parodie von Wissenschaftsdeutsch, voll von gequältem Jargon.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Groebner: Wenn von "Implementierung" die Rede ist, von "vielfältigen Vernetzungen", "Handlungshorizonten", "Diskursivität". Oder Satzanfänge wie "Hier ist nur andeutungsweise formulierbar, inwiefern der Paradigmenwechsel..." Diese Art Styropordeutsch ist wie eine allzu dicke Verpackung: Man kann nicht mehr erkennen, was darin steckt.

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SPIEGEL ONLINE: Sprachstyropor ist auch gängig, um Unwissen zu vertuschen.

Groebner: Ja, das passiert relativ häufig. So wird die eine oder andere Stelle ein wenig aufgeschäumt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Studenten klagen ja über Überlastung. Schäumen sie heute mehr auf als früher?

Groebner: Nein. Und Studenten sind auch nicht schlimmer als Wissenschaftler - sie reproduzieren nur deren schlechten Sound. Und zwar mit schlafwandlerischer Sicherheit. Ich betreibe also eine Art Pathologie der Wissenschaftssprache.

SPIEGEL ONLINE: Was ist eigentlich mit dem "Ich" - darf das auftauchen?

Groebner: Mir scheint, das ist mittlerweile durchaus akzeptiert. Eine richtige wissenschaftliche Beobachtung wird durch das Ich schließlich nicht entwertet. Es ist ja auch seltsam, wenn man so tut, als hätte sich der Text von selbst geschrieben. Aber es kommt auf das richtige Maß an: "Don't parade around in public in your underwear" hat ein amerikanischer Kollege in einem Leitfaden für Doktoranden geschrieben, und das ist ein guter Grundsatz. Leser wollen Ergebnisse. Seien Sie also sparsam mit Persönlichem.

SPIEGEL ONLINE: Und was halten Sie von den kleinen Akademikerwitzen, etwa in jeden Aufsatz den gleichen Satz zu schmuggeln?

Groebner: Da steckt so ein klammheimlicher Stolz drin: ein ernsthafter Gelehrter zu sein und doch irgendwie ganz anders als die Kollegen. Vor 20 Jahren habe ich meiner Dissertation über Wirtschaftsgeschichte im späten Mittelalter ein Zitat vorangestellt, das sehr seriös klang; es war aber eine Zeile aus einem Song von "The Smiths": 'A double bed, and a stalwart lover, for sure / These are the riches of the poor.' Die Dissertation handelte von den Überlebenspraktiken der Armen in einer spätmittelalterlichen Grossstadt. Betten kamen darin sehr wohl vor, als Wertgegenstände, aber keine strammen Liebhaber. Damals fand ich das sehr cool, heute nicht mehr ganz so überzeugend.

Was sie schreiben, was sie meinen

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SPIEGEL ONLINE: Sie geben auch Kurse für wissenschaftliches Schreiben. Sollten Universitäten es im Grundstudium zum Pflichtfach machen?

Groebner: Nein. Ehrlich gesagt glaube ich, dass man das automatisch in jedem Seminar lernt, denn da wird ja möglichst konzentriert mit Texten gearbeitet, und die haben Vorbildcharakter. Es muss nicht alles verschult werden. So treibt man nur das Vergnügen aus.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Texte, die Sie am Anfang Ihres Studiums gelesen haben?

Groebner: Ich erinnere mich relativ lebhaft an Texte, die mir schlechte Laune gemacht haben. Und an solche, nach deren Lektüre ich fit war, vergnügt, mir sehr viel dazu einfiel. Wissenschaftliche Texte haben eben ganz direkte Wirkungen, ein bisschen wie Medikamente. Als Autor würde ich das ernst nehmen: Will ich meinen Lesern wirklich Schlafmittel verabreichen?

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie schlechte Laune, weil Sie die Texte nicht verstanden haben?

Groebner: Es war vielleicht auch eine Abwehrreaktion. Aber das änderte sich: Ich erinnere mich an Pierre Bourdieus "Entwurf einer Theorie der Praxis". Da hatte ich als Student zum ersten Mal den Eindruck: Es lohnt sich, diesen widerborstigen Text ganz langsam zu lesen. Er ging auf einmal auf wie ein Hefekuchen, als ich mir all das mit Bleistift rausschrieb, was ich verstehen wollte. Aber es gibt auch Undurchdringliches, absichtlich Verrätseltes: Kein Mensch redet darüber, wie bizarr manche theoretischen Texte etwa von Roland Barthes sind. Aber der ist eben berühmt.

SPIEGEL ONLINE: Roland Barthes war Literaturwissenschaftler. Wie groß sind die Unterschiede zwischen den Disziplinen?

Groebner: Wissenschaftssprache als Jargon dient ja auch dazu, dass Disziplinen als Disziplinen konstant bleiben. Der Jargon richtet sich immer an die Eingeweihten, er vermittelt: "Du gehörst zu uns …" Im Gegensatz zu anderen Disziplinen, etwa der Literatur-, der Politikwissenschaft oder der Soziologie, schreiben die Historiker noch relativ lesbar. Da bin ich aber vielleicht parteiisch.

SPIEGEL ONLINE: Sie warnen in Ihrem neuen Buch "Wissenschaftssprache" auch davor, sogenannte Begriffsdrachen unreflektiert zu benutzen - was meinen Sie damit?

Groebner: Begriffsdrachen sind akademische Supersubstantive: mit dem Glamour einer Theorie angefüllte Ungeheuer. Nehmen Sie "Diskurs": Eigentlich ein schlichter Begriff, aber seit den berühmten Arbeiten von Michel Foucault mit der Verheißung aufgeladen, damit unaussprechliche Machtverhältnisse dekodieren und kritisch aufbrechen zu können. Das war ein großes Versprechen. Weil es aber so häufig verwendet wurde, ist das Wort banalisiert worden. Ebenso wie Jacques Derridas "différance" schlicht ein Konzept ist, hinter dem man sich ganz gut verschanzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wer das benutzt, möchte doch einfach nur zeigen, was er draufhat.

Groebner: Klar, ein bisschen angeben gehört dazu. Aber mit Worten wie diesen ist das nicht haltbar: Nach 15 Jahren andauerndem Gebrauch speit der Drache kein Feuer mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange überleben Begriffsdrachen denn?

Groebner: Die wenigsten halten länger als 30, vielleicht 40 Jahre. Es stecken immer große Wünsche darin, Projekte einer Generation von Wissenschaftlern. Als ich studierte, gab es die "Sozialdisziplinierung": Damit bezeichneten Historiker damals eine ganze Menge Phänomene zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert. Ich hatte kürzlich einen Studenten, der eine toll formulierte Arbeit abgab, aber sie steckte voller Verweise auf große Konzepte, die heute so nicht mehr verwendet werden. Direktes Plagiat konnte ich ihm aber nicht nachweisen. Also bat ich ihn, noch mal darüber nachzudenken, ob er die Arbeit wirklich selbst geschrieben hat. Er zog sie zurück.

Das Interview führte Anne Haeming



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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
Dark Enginseer 12.05.2012
1.
Zitat von sysopDDPImplementierung, Paradigmenwechsel, Diskursivität: Das ist typisches Wissenschaftsdeutsch - unverständlich und aufgebläht. Im Interview erklärt Geschichtsprofessor Valentin Groebner, wie Studenten sich dahinter verstecken und gibt Tipps fürs bessere Schreiben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,827197,00.html
In einem bestimmten Kontext klar definierte Begrifflichkeiten zu verwenden, macht einen wissenschaftlichen Dialog überhaupt erst möglich. Vor 2 Jahren gebrauchte ein damaliger Kollege von mir, der aus der IT-Branche stammte, das Wort "Redundanz". Nach einigen Mißverständnissen während einer Diskussion stellte sich heraus, daß der Begriff "Redundanz" in seinem Fachbereich eine andere Bedeutung hat als in meinem (Technik). Redundanz (http://de.wikipedia.org/wiki/Redundanz) Würde man komplett auf die Verwendung von Fachjargons verzichten, so könnte man die wissenschaftliche Kommunikation gleich in der Sprache der Ents führen.
sample-d 12.05.2012
2. |||||
Ich denke diese Styroporsprache wird man in den Naturwissenschaften selten finden, da man hier 'Nicht'-Wissen nicht verstecken kann. Ich denke das ist eher ein Problem der Geistes- und Wirtschaftswissenschaften.. Man erkennt das sehr schön manchmal hier im Forum wenn Physiker auf Philosophen treffen...
lezel 12.05.2012
3.
Man kann auch hier im Forum sehr schön beobachten, wie manche Foristen sich mit Bergen aus Schaum umgeben, weil der Kern fehlt. Die Passivkonstruktionen der Verschwörungstheoretiker zum Beispiel sind nichts als ein verschämter Ausdruck dessen, was sie eigentlich meinen: Ich weiß doch auch nicht, wer die geheimen Mächte sind, die ich überall rumspuken sehe, und ich hab's mir auch nicht aus den Fingern gesogen, sondern bloß abgelutscht von anderen Leuten, und wie die darauf kommen, das weiß ich auch nicht, aber wenn ich in jedem Satz das handelnde Subjekt weglasse und so davon ablenke, daß es tatsächlich gar keins gibt, dann glaubt mir ja vielleicht doch jemand. Bittebitte! Und dann gibt es noch ein paar Spezialisten, die für den Notfall immer ein Brett vorm Kopf tragen, auf das sie "Ironie" geschrieben haben. Nicht, daß sie selbst wüßten, was es ist, aber sie haben herausgefunden: Wenn sie sich ganz grausam verrannt haben und ihnen dann jemand zeigt, wie weit sie sich von der Wirklichkeit entfernt haben, dann gibt dieser Erbsenzähler entnervt auf, wenn man irgendwas von "Ironie" schwallt. Denn jemandem, der sonst nichts begreift, auch noch erklären zu wollen, was Ironie ist und vor allem, was nicht, ist hoffnunglos; darauf kann man sich verlassen. Die Kunst, das, was man meint, klar hinzuschreiben, ist selten.
Pyr 12.05.2012
4. ...
Zitat von sample-dIch denke diese Styroporsprache wird man in den Naturwissenschaften selten finden, da man hier 'Nicht'-Wissen nicht verstecken kann. Ich denke das ist eher ein Problem der Geistes- und Wirtschaftswissenschaften.. Man erkennt das sehr schön manchmal hier im Forum wenn Physiker auf Philosophen treffen...
Mag sein. Wobei, wenn es um die Fragen nach veschwurbelten Fachtermini geht, tun sich die jeweiligen akademischen Disziplinen allesamt nicht viel. Das gehört eben etwas dazu: Ein Nicht-Mathematiker wird daran scheitern, einen mathematischen Aufsatz zu lesen, genauso wie der Mathematiker sich nur schwerlich problemlos ohne entsprechendes Studium in den Wirren der Psychologie bewegen wird. Deshalb frage ich mich manchmal: Warum sollen gerade die Geisteswissenschaften allgemein verständlich sein? Wie gesagt, es erwartet auch keiner, dass jeder "Uneingeweihte" beim Lesen der Fachliteratur der NW durchsteigt. Und jetzt bitte nicht das Argument: Ja, Momentchen, aber ihr lest doch nur ein paar Bücher und sprecht danach darüber, wie ihr euch fühlt. Das kann ich auch! Jaja, richtig... Zum Thema "Nicht-Wissen": Ja, vielleicht kann man sein "Nicht-Wissen" in den Geisteswissenschaften leichter verschleiern, allerdings muss man den Leuten in den GW zugute halten, dass man hier insgesamt recht wenig "weiß", wenn Sie gefestigtes Wissen als das Ansehen, was man in den Naturwissenschaften durch Theorie & Experiment (und damit einhergehender Falsifizierbarkeit) erhält. Das kann es in den meisten Geisteswissenschaften nun einmal nur bedingt bis gar nicht geben.
VPolitologeV 12.05.2012
5. Pardon...
Zitat von sample-dIch denke diese Styroporsprache wird man in den Naturwissenschaften selten finden, da man hier 'Nicht'-Wissen nicht verstecken kann. Ich denke das ist eher ein Problem der Geistes- und Wirtschaftswissenschaften.. Man erkennt das sehr schön manchmal hier im Forum wenn Physiker auf Philosophen treffen...
...aber so einfach, wie Sie sich hier die Wirklichkeit machen, ist es nunmal nicht. Mit etwas rhetorischer Dreistigkeit lassen sich in jeder Wissenschaft Tendenzen zu Gesetzen umformen, Sachen in Kategorien klassifizieren und dabei hinderliche Variablen retuschieren, Verweise auf große Begriffe als "Luftpumpen" verwenden.
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