Hochhaus-Sprengung in Frankfurt "Aber im Endeffekt ist es Mathematik und Berechnung"

Das war's: Nach einem kräftigen Knall sind vom ehemaligen Frankfurter Uni-Turm nur noch Trümmer übrig. Zehntausende Schaulustige reisten für das Spektakel teils Hunderte Kilometer weit an, in Hotels gab es ein "Explosions-Spezial"-Angebot.

Von , Frankfurt am Main


Unberechenbar bleibt der graue Betonklotz bis zum Schluss, als die Zuschauer die Sekunden zählen bis zum Knall: Zehn, neun, acht, die ersten stecken die Finger in die Ohren, strecken ihre Smartphones gen Himmel wie an Silvester. Drei, zwei, eins... Jetzt sollten mehrere Ladungen Sprengstoff den Frankfurter Uni-Turm zerlegen. Aber es passiert: nichts.

Nach etwa einer Minute tönen drei Worte durch die Lautsprecher: "dreieinhalb Minuten noch". Allgemeines Gelächter.

Etwas ratlos steht die Menge jetzt da zwischen Frankfurter Messe und Uni-Gelände, Papas mit ihren Kindern, Gruppen von Studenten und Schülern, von denen sich viele schon zwei Stunden vor dem lang erwarteten Bumm in den Zügen und auf den Straßen drängen - weil sie einmal in dem AfE-Turm studiert haben, weil sie sich freuen, dass dieser Schandfleck endlich fällt, oder einfach, weil mal was los ist in der Innenstadt. Insgesamt rund 30.000 Menschen sind laut Polizei vor Ort, viele davon an der Senckenberganlage in der Nähe der Frankfurter Messe. An einem Stand gibt es Sekt und Dosenbier.

Familie Sudo ist mit dem Auto fast eine Stunde lang aus Limburg hergefahren. Der Vater hat vor 17 Jahren selbst Mathe-Vorlesungen in dem legendären Koloss besucht, heute ist er mit seinen zwei Söhnen im Grundschulalter da. "Der Turm war schon immer hässlich", sagt er. Die Kinder hätten gebettelt, an dem Tag nach Frankfurt zu fahren. Er und seine Frau ließen sich überzeugen.

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Frankfurter Uni-Hochhaus gesprengt: Und es hat Rumms gemacht

Etwa hundert Meter Luftlinie weiter sitzt Peter Bichmann, 46, mit seiner Frau in einem Zimmer im Marriott-Hotel. Er hat das Explosions-Spezial gebucht, 199 Euro pro Nacht mit Blick auf das Spektakel. "Als ich gehört habe, dass abgerissen wird, wusste ich: Da muss ich hin." Von seinem Zimmer im Hotel blickt er frontal auf das Gebäude. So nah wirkt der 116 Meter hohe Turm, dass seine Frau bei der Ankunft gleich wieder weg wollte.

Die Bichmanns kommen aus Menden im Sauerland, haben mehr als 200 Kilometer Anfahrt hinter sich. Schon am Vortag sind sie angekommen, treffen alte Freunde, besuchen das nahe gelegene Senckenberg-Museum.

Bichmann selbst hat ein einnehmendes Lachen und den Charme eines guten Verkäufers. Einst studierte er BWL in einem Gebäude nebenan und Soziologie im Turm. "Das da oben war eine komplett andere Welt", sagt er. Professoren ließen sich duzen, die Wände waren voll mit revolutionären Sprüchen, und wenn Kommilitonen über das Kapital sprachen, dann meinten sie eher Marx und nicht eigene Investment-Pläne.

Was für ein Unterschied zu den Leuten im "Erdbeerkörbchen", wie Bichmann die Cabrios reicher Wirtschaftsstudenten nennt. Wobei er sich mit Autos selbst auch ziemlich gut auskennt: Bichmann ist Autohändler in dritter Generation.

Zauberei, Mathematik, Berechnung

Viele haben Erinnerungen wie er, es ist deswegen kein Zufall, dass die besten Zimmer im Marriott bereits Tage im Voraus ausgebucht waren. Am Samstagabend mischen sich an der Hotelbar Sprengtouristen mit Sprengexperten; an einem Tisch debattiert aufgeregt eine Gruppe von fünf Herren und einer Frau, sie fangen Sätze an mit: "Weißt du noch, damals...?"

"Ich habe das erste Hochhaus in Deutschland gesprengt", sagt einer von ihnen, grauer Kinnbart, ausholende Gesten. Es ist der Sprengmeister Walter Werner, der 1995 das Millerntor-Hochhaus in Hamburg in die Luft jagte, auch die anderen in der Gruppe sind vom Fach. "Machen Sie sich keine Sorgen, morgen geht nichts schief", sagt er und schwärmt dann wieder von seinem Beruf.

Am Tag darauf ist es um 10.04 Uhr endlich soweit. Drei, zwei, eins, tönt es aus dem Lautsprecher - dann endlich folgt der dumpfe Schlag, auf den sie hier alle gewartet haben: 50.000 Tonnen Beton und Stahl rauschen auf den Boden. "Geil", sagt eines der Kinder hinter der Absperrung. "Es grenzt fast schon an Zauberei. Aber im Endeffekt ist es Mathematik und Berechnung", sagt Sprengmeister Eduard Reisch.

"Faszinierend", sagt Peter Bichmann. Im Hotelzimmer spürte er den Druck der Explosion, sagt er, er sah erst die Pfeiler des Gebäudes herunter rauschen und dann die Innenwände. Übrig bleibt die Erinnerung - und eine Wolke aus Staub.

mit Material von dpa



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
bugs bunny 02.02.2014
1. 9/11
Die Twin-Tower und einige Gebäude mehr sind genauso punktgenau zusammen gefallen. Wer immer noch glaubte, dass es sowas nicht geben konnte, bitte, hier ist der Beweis, dass ein gezielter Zusammenfall kein Problem ist.
tmpsec 02.02.2014
2. Und weiter?
Zitat von bugs bunnyDie Twin-Tower und einige Gebäude mehr sind genauso punktgenau zusammen gefallen. Wer immer noch glaubte, dass es sowas nicht geben konnte, bitte, hier ist der Beweis, dass ein gezielter Zusammenfall kein Problem ist.
Was wollen Sie uns jetzt damit sagen? Das ein progressiver Kollaps nicht möglich ist?
eigene_meinung 02.02.2014
3. Schäden
Die Schäden an den umliegenden Gebäuden wird man wahrscheinlich erst später feststellen und jeden Zusammenhang mit der Sprengung leugnen. Und wer entfernt den Dreck von den anderen Gebäuden?
Volks.Hirn 02.02.2014
4. 9/11
Zitat von tmpsecWas wollen Sie uns jetzt damit sagen? Das ein progressiver Kollaps nicht möglich ist?
Das ZWEI Türme - obwohl unterschiedlich getroffen - in sich zusammenfallen OHNE dabei "wegzukippen" - wie gross sind die Chancen das sowas ohne vorherige Präperation passiert? Nicht zu vergessen die für Stahlbeton unübliche Fallgeschwindigkeit...
DJ Doena 02.02.2014
5.
Zitat von bugs bunnyDie Twin-Tower und einige Gebäude mehr sind genauso punktgenau zusammen gefallen. Wer immer noch glaubte, dass es sowas nicht geben konnte, bitte, hier ist der Beweis, dass ein gezielter Zusammenfall kein Problem ist.
Was genau ist jetzt Ihre Aussage? Dass man Gebäude punktgenau sprengen kannn, ist ja kein Geheimnis. Woran die 9/11er jedoch glauben, ist, dass ein hineingeflogenes Flugzeug eben genau nicht zu so einem perfekten Zusammenfall führen kann, sondern eben nur so eine präzise geplante Sprengung.
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