Hochschulen Goslar träumt von türkischer Uni

Eine niedersächsische Kleinstadt möchte zum Hochschulstandort werden - und hofft auf Hilfe aus Izmir. Sicher ist bislang nur, dass Goslar unbedingt eine türkische Universität haben will. Alles andere klingt wie ein orientalisches Märchen.

Von Hendrik Ankenbrand


Als gespaltene Persönlichkeit möchte sich Ottmar Hesse sicher nicht verstanden wissen. Gleichzeitig Realist und Visionär zu sein, darin sieht der Goslarer Oberbürgermeister keinen Widerspruch. Sein Amt erfordere beide Geisteshaltungen, schreibt der SPD-Mann auf der städtischen Webpage an seine Bürger. Zurzeit seien die Visionen an der Reihe.

Startpunkt Goslar? Türkische Pläne für den europäischen Bildungsmarkt
DPA

Startpunkt Goslar? Türkische Pläne für den europäischen Bildungsmarkt

Der Mann hat einen Traum: Goslar soll Universitätsstadt werden. Ein Hochschulstandort im Harz, ein Platz für Bildung, Forschung und Technologie. Das ist ein ehrgeiziger Plan für eine pittoreske 43.000-Einwohner-Stadt in der Provinz.

Dass er dabei einmal Unterstützung aus der Türkei erhalten würde, hat Hesse bis vor 15 Monaten sicher nicht gedacht. Bis Turgut Var in Goslar eintraf. Der türkische Wirtschaftsprofessor besuchte seinen Neffen, der dort ein Restaurant betreibt. Var kam, sah und war verliebt. Begeistert reiste der Professor ab, kurz darauf bekundete seine türkische Heimatuniversität die Idee, in der deutschen Provinz eine deutsche Dependance zu gründen.

Start mit 500 Studenten

Mit zunächst 500 Studenten solle ein Ableger der privaten Wirtschaftshochschule "University of Economics" gestartet werden, die in Izmir, der drittgrößten Stadt der Türkei, beheimatet ist. Außerdem kursiert die Zahl von 3000 angehenden Akademikern, die langfristig die Straßen des Städtchens bevölkern sollten - aus Deutschland, der Türkei und aller Welt.

Es ist eine schöne Geschichte, sie klingt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Doch nach einem Jahr des Sondierens und Verhandelns gibt es über den Fortgang der Harzer Uni-Träume noch nicht viel Neues zu berichten. Zweimal flog eine deutsche Delegation nach Izmir, zweimal kamen zwei türkische Professoren zu Besuch. Sie besichtigten die schmucke Kaiserpfalz, speisten mit örtlichen Unternehmern zu Abend und reisten mit Grubenlampen im Gepäck wieder ab. Eine konkrete Zusage über Zeitrahmen oder Inhalt des geplanten Uni-Projekts hinterließen sie ihren Gastgebern nicht, auch wenn die Stadt beteuert, ein Zeitrahmen solle "als nächstes" vereinbart werden.

Auch beim niedersächsischen Wissenschaftsministerium hat man seit einem Besuch einer Delegation aus Izmir vor einem Dreivierteljahr nichts mehr gehört. Es sei weder eine schriftliche Absichtserklärung noch ein Antrag eingegangen, "was wir ausdrücklich bedauern", teilte das Ministerium mit. Wissenschaftsstaatssekretär Josef Lange ermuntert deshalb die Initiatoren, "auch im Interesse des Standortes Goslar ausdrücklich, ein aussagekräftiges Konzept rasch vorzulegen".

Das Ministerium wäre für die Hochschulgründer der wichtigste Ansprechpartner: Jeder Betreiber einer privaten Hochschule muss der Behörde zunächst ein Konzept vorlegen, das daraufhin vom Wissenschaftsrat geprüft wird. Das aufwändige Verfahren soll sicherstellen, dass die Studenten später auch die Qualität der Lehrer erhalten, für die sie bezahlen. Im Fall der Goslarer Privat-Uni sollen die Studiengebühren bei 2500 Euro pro Semester liegen.

Der Verhandlungsstatus erstreckt sich momentan auf ein einziges unterschriebenes Schriftstück, einen sogenannten "Letter of Intent". Derartige Absichtserklärungen zwischen Käufer und Verkäufer sind bei Verhandlungsführern in der Wirtschaft überaus beliebt: Man hat etwas zum Vorzeigen, ist rechtlich aber völlig ungebunden.

Gründungsboom bei Privathochschulen

Offenbar hoffen die künftigen Betreiber auf ein gutes Geschäft mit der Hochschulbildung. Damit sind sie in Deutschland nicht allein: Über 50 private Hochschulen werben derzeit um studentische Kunden, vor 15 Jahren waren es lediglich 18. Die Versprechen klingen dabei oft verheißungsvoller, als es die Realität dann tatsächlich ist.

Dass viele private Uni-Gründungen über kurz oder lang in Schwierigkeiten geraten, liegt oft an der wackligen finanziellen Basis, auf der so manches Traumgebilde steht. Im Falle der Goslarer Universität ist man sich beim niedersächsischen Bildungsministerium jedoch sicher, dass deren künftige Betreiber in der internationalen Hochschullandschaft einen guten Ruf genießen wird. "Die sind solide", heißt es beim Ministerium über die University of Economics, die vor fünf Jahren von der Handelskammer der türkischen Metropole Izmir gegründet wurde. Angaben, wie viel Kapital die Universität im Rücken habe, kann man freilich nicht machen.

Attila Sezgin jedenfalls ist vom Gelingen seines Projekts überzeugt. Zwar hat der Präsident der Izmirer Universität die Schätzung der Akademiker, die er innerhalb von fünf Jahren in den Harz locken will, mittlerweile von 3000 auf 2000 korrigiert. Doch auch das ist immer noch eine ehrgeizige Zahl von Studenten. In erster Linie setzt Sezgin auf Deutschtürken. In Golar sollen sie Industriedesign, Softwareentwicklung oder Modedesign studieren.

Welche Fachbereiche es genau sein werden, sei aber noch nicht ganz klar, "wir haben verschiedene Konzepte im Kopf", sagt Sezgin. Aufschluss darüber, welches Studienangebot die Zielgruppe ausgerechnet in den Harz locken könnte, soll eine Marktstudie bringen. Die hat die türkische Universität bislang nicht vergeben, man sondiere noch die Angebote der Beratungsunternehmen, sagt Sezgin. In den nächsten Wochen sei man aber so weit.

Grundstück gibt es gratis

Es brauche eben alles seine Zeit, man sei sich darüber im Klaren, dass eine staatliche Anerkennung in Deutschland recht kompliziert sei - "das ist ja schon in der Türkei ein langer Prozess", sagt Sezgin. Im Juni wolle man dann die nötigen Unterlagen beim Ministerium einreichen und im September 2007 dann nicht mit den ehemals geplanten 500, aber mit respektablen 300 Studenten das erste Semester eröffnen - wenn alles glatt läuft.

Sicher ist bislang nur, dass Goslar die Privatuniversität unbedingt haben will. Auf die Frage, was die Stadt als Standort auszeichnet, bekennt Uni-Präsident Sezgin freimütig: das Geld. Jenes Geld, das sein Unternehmen nicht ausgeben muss, wenn es Grundstück und Gebäude der neuen Hochschule gratis erhält. Die Stadt will für die ersten Lehrjahre eine Kaserne außer Dienst spendieren.

Außerdem begründet der Professor die Standortwahl mit dem Argument, dass schließlich viele deutsche Universitäten aus gutem Grund in Kleinstädten beheimatet seien: Die Langeweile der Provinz treibe die Studenten fast automatisch an den Schreibtisch.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.