Trotz politischen Drucks Uni-Chefs wollen Mitarbeiter weiter befristen

Viele Wissenschaftler an deutschen Hochschulen sind befristet beschäftigt. Geht es nach den Rektoren, wird sich daran nicht viel ändern - trotz Gesetzesreform und öffentlicher Debatte.

Wissenschaftler an der Universität Leipzig (Symbolbild)
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Wissenschaftler an der Universität Leipzig (Symbolbild)


Fast zwei von drei Wissenschaftlern an deutschen Universitäten sind befristet angestellt. Viele haben Verträge, die nicht einmal zwölf Monate laufen und hoffen jahrelang vergeblich auf eine feste Stelle.

Das Problem ist bekannt, ein neues Gesetz soll es eindämmen. Ob es hilft, muss sich noch zeigen. Was sich aber bereits deutlich zeigt: In den Chefetagen der Hochschulen sieht man gar keinen großen Änderungsbedarf.

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat 156 Rektoren und Hochschulpräsidenten befragt, ob der Anteil unbefristeter Stellen erhöht werden soll. Ein Ergebnis: An öffentlichen Unis sollen solche Stellen nach dem Willen der Leitung nur um rund fünf Prozentpunkte aufgestockt werden.

Der optimale Anteil befristeter Verträge liegt nach Ansicht der Uni-Chefs für den wissenschaftlichen Bereich bei gut 57 Prozent, statt wie bei aktuell 63 Prozent. In der Verwaltung schwebt den Rektoren ein Anteil von 17 Prozent (aktuell: 22 Prozent) befristeter Verträge vor. Offenbar schätzten sie die Flexibilität, die sich aus befristeten Stellen ergeben, teilte der Stifterverband mit.

Die Fachhochschulen wollen stärker zur Tat schreiten: Hier kündigten die befragten Rektoren und Präsidenten an, den Anteil befristeter Stellen in der Wissenschaft von fast 35 auf 26 Prozent senken zu wollen. Private Hochschulen hingegen wollen diesen Anteil von 18,1 auf 18,4 Prozent sogar etwas erhöhen.

"Nicht jede Befristung ist prekär"

Das sind erste Ergebnisse des aktuellen Hochschul-Barometers, in dem der Stifterverband seit 2011 Einschätzungen und Erwartungen der Hochschulleitungen analysiert. In dem Verband haben sich rund 3000 Einzelstiftungen, Unternehmen und Privatpersonen zusammengeschlossen.

Bis wann die Hochschulchefs allerdings die moderaten Ziele, die sie sich selbst gesetzt haben, erreichen wollen, geht aus der Umfrage nicht hervor.

"Nicht jede Befristung ist prekär", sagte Pascal Hetze vom Stifterverband. Oft mache sie auch Sinn, wenn sie zum Beispiel dazu diene, wissenschaftlichen Nachwuchs zu qualifizieren. Es gelte jedoch, sehr kurzfristige Verträge, die nicht der Qualifizierungsdauer entsprächen, zu verhindern.

Darauf zielt auch das reformierte Wissenschaftszeitvertragsgesetz ab. Vor zwölf Monaten trat es in Kraft und gibt seither vor, dass Verträge für wissenschaftliches Personal so lange zu laufen haben, wie es für die "angestrebte Qualifizierung" angemessen sei.

Allerdings ist die Kritik an der Wortwahl groß: Was heißt angemessen? Und was genau ist eine Qualifizierung - erst die Promotion selbst, oder auch schon das Exposé für die Doktorarbeit und andere Zwischenschritte auf dem Weg dorthin?

Was das Gesetz in der Praxis bewirkt, ist noch unklar. 2020 soll es eine Evaluierung der Reform geben.

lov

insgesamt 70 Beiträge
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purple 24.04.2017
1. Menschenunwürdig
Befristete Verträge sind - von Ausnahmen abgesehen - menschenunwürdig und gehören verboten, beziehungseweise die Regeln wieder eingeführt, die in den 80ern gültig waren. Befristete Verträge verhindern eine vernünftige Lebensplanung und sind deshalb gesellschaftlich schädlich. Das Ziel jeder Politik muss sein, dass es den Menschen gutgeht und das funktioniert nicht nach dem Motto - wenn es der Wirtschaft guht geht, geht es auch den Menschen gut. Das ist, wie man in den letzten 20 Jahren sieht weltweit falsch!
Christian Hawellek 24.04.2017
2. Gesetzesreform kontraproduktiv?
Wie so oft hat alles zwei Seiten, und es mag im Alltagsbetrieb der Hochschulen signifikante Unterschiede geben. Meine Erfahrung nach fast 10 Jahren an einer dt. Hochschule ist, dass je mehr administrativer Aufwand geschaltet wird, desto größer die Unsicherheit für den eigenen Job. Zumindest in stark Drittmittel-finanzierten Bereichen (und diese dürften die interessantesten sein in der Forschung, nach meiner Erfahrung) ist es so, obwohl es dafür bestimmte Ausnahmeregelungen gibt, dass der Spagat zwischen Beschränkungen der Befristungsregelungen und der Vermeidung des Eingehung von rechtlichen Verpflichtungen auf Staatkosten bei unklarer Lage hinsichtlich der künftig verfügbaren MIttel kaum bis gar nicht aufzulösen ist. In Zeiten von relativ gerigem Arbeitnehmerschutz ließen sich diese Dinge flexibel handhaben und es bestand auf unserer Seite (Mittelbau) eigentlich keine Sorge hinsichtlich der eigenen Beschäftigung. Mit den Reformen sind vertrgliche Lösungen, die für beide Seiten attraktiv sind, schwieriger bis unmöglich geworden. Das führt zu absurden Konstellationen, wo erstens Verträge nicht verlängert werden können und Neu-Einstellungen trotz Bedarfs (und zeitlich beschränkt vorhandener Mittel) nicht erfolgen, und zweitens der Alltagsbetrieb erheblich erschwert wird, weil die vorhandenen Kräfte nicht so eingesetzt werden dürfen, wie es erforderlich wäre (nämlich beispielsweise flexibel in verschiedenen Forschungsprojekten nach Workload), was alle möglichen weiteren unangenehmen Folgen nach sich zieht. Nach meiner Erfahrung wird die Reform im Mittelbau weitestgehend als kontraproduktiv wahrgenommen, weil sie einen vorher nicht vorhandenen Druck auf die eigene Weiterbeschäftigung ausübt. Noch krasser ist es in manchem Nachbarland, wo Wissenschaftlicher für ein paar Monate entlassen werden mussten, bevor sie wieder eingestellt werden durften - das ist dann so ungefähr das Gegenteil von Arbeitnehmerschutz. Insoweit lassen sich die Maßstäbe der Privatwirtschaft eben nicht auf den Öffentlichen Dienst übertragen, solange die Finanzkontrolle bei öffentlichen Mitteln so gestaltet ist, dass die angestrebten unbefristeten Verträge schlicht illegal wären (weil Finanzierung nicht gesichert), und daher die einzige Alternative eine von beiden Seiten ungewollte Trennung ist, die für die Uni, die Wissenschaftler und den Forschungsoutput nur negativ ist...
genugistgenug 24.04.2017
3. wie bitte? Was das Gesetz in der Praxis bewirkt, ist noch unklar.
Bisher träumte ich noch manchmal davon, dass man wenigstens ab und zu weiß, was Gesetze bewirken und man nicht ins Blaue hinein Gesetze zusammenwurstelt die mit der Realität nichts zu tun haben.
gammoncrack 24.04.2017
4. Das ist mir zu einfach.
Natürlich sollten dort Befristungen vermieden oder auch verhindert werden, wo es wirtschaftlich gesehen richtig ist. Andererseits gibt es genügend Situationen in Unternehmen, die ohne Befristung überhaupt nicht zu händeln sind. Nehmen wir doch nur einen Handwerksbetrieb, der EINEN Auftrag erhalten hat, der nur mit befristeten Verträgen zu erfüllen ist. Alternativ kann es natürlich auf den Aufrag verzichten und Mitarbeiter entlassen, die aufgrund fehlendem Auftragseingang nicht benötigt werden. Oder es hält an Ihnen fest und geht dann irgendwann den Bach runter. Und wo liegt nun hier die von Ihnen angesprochene Menschenunwürdigkeit? Ein deswegen entlassener Mitarbeiter sagt dann. "Gott sei Dank haben Sie sich menschenwürdig verhalten, auch wenn ich dann eben gehen musste. Aber was ist mit meiner Menschenwürde passiert?" Das Problem ist nicht pauschal zu lösen, sondern nur individuell. Und das ist wohl kaum möglich.
capote 24.04.2017
5. Falsch !
Zitat von purpleBefristete Verträge sind - von Ausnahmen abgesehen - menschenunwürdig und gehören verboten, beziehungseweise die Regeln wieder eingeführt, die in den 80ern gültig waren. Befristete Verträge verhindern eine vernünftige Lebensplanung und sind deshalb gesellschaftlich schädlich. Das Ziel jeder Politik muss sein, dass es den Menschen gutgeht und das funktioniert nicht nach dem Motto - wenn es der Wirtschaft guht geht, geht es auch den Menschen gut. Das ist, wie man in den letzten 20 Jahren sieht weltweit falsch!
Grundverkehrt ! Die befristeten Stellen sind nicht gedacht um darauf einzuschlafen, sondern für Doctoranden, um Ihre Dissertation zu schreiben oder eine Habilitationsschrift anzufertigen. Wenn die fertig ist, endet die Anstellung. Wenn man die Stellen alle dauerhaft besetzt, gibt es keine Stellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs mehr. Wer die Zeit nicht nutzt, sondern nur vertrödelt, muss irgendwann rausgeschmissen werden...
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