Hochschulen Unihits fürs Kids

Immer weniger Schulabgänger wollen studieren. Vor allem in den Ingenieurwissenschaften fehlt es am Nachwuchs. Viele Hochschulen werben bereits gezielt um Abiturienten.


N

och vor ein paar Jahren wäre das alles nicht nötig gewesen. Da war man bei den Ingenieuren froh, wenn nicht so viele Studenten kamen ­ die hätten nur die Hörsäle und Seminare verstopft und wären am Ende doch arbeitslos geworden.

Infoveranstaltung für Schüler (an der Berliner Humboldt-Universität)
Humboldt-Universität

Infoveranstaltung für Schüler (an der Berliner Humboldt-Universität)

Damals wäre es wohl auch den Maschinenbau-Ingenieuren an der Universität Karlsruhe nicht in den Sinn gekommen, sich den Abiturienten aus der Region als akademische Strahlemänner zu präsentieren. "Früher haben wir den Abituriententag an einem Samstag im November angeboten", erinnert sich Jörg Wauer, Studiendekan an der Fakultät für Maschinenbau, "da war die Uni leer, der Himmel grau, und die Schüler mussten auch noch einen freien Tag opfern."

Die Katastrophenmeldungen über Einstellungsstopps und Entlassungen schreckten in den neunziger Jahren viele technisch interessierte Abiturienten von einem Studium ab. Im Fach Maschinenbau an der Karlsruher Uni etwa schrieben sich 1990 noch knapp 450 Erstsemester ein (bundesweit mehr als 17 000) ­ im Jahr 1996 kamen rund 300 weniger (bundesweit nur noch etwa 7000 Studienanfänger).

Nur fünf Jahre später beklagt die Wirtschaft den Mangel an qualifizierten Fachkräften in fast allen technischen Berufen. Zuerst offenbarte vor gut einem Jahr die öffentlich geführte Green-Card-Debatte um IT-Spezialisten die Absolventenlücke bei den Informatikern. Bald darauf forderte die Industrie eine Green Card für Ingenieure. Mindestens eine viertel Million Hochschulabsolventen, heißt es in einer Studie des Essener Sozialwissenschaftlers Klaus Klemm, werden im Jahr 2010 fehlen. "Die Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften wird in den nächsten Jahren noch ansteigen", prophezeit Klemm.

Zugleich zieht es insgesamt weit weniger Abiturienten an die Universitäten als noch vor zehn Jahren. Nach einer Untersuchung des Hochschul-Informations-Systems schrieben sich 1990 noch knapp 80 Prozent eines Abiturientenjahrgangs zum Studium ein, 1999 waren es nur noch rund 65 Prozent.

Magere deutsche Akademikerquote

Die Engpässe bei Ingenieuren, Informatikern, Naturwissenschaftlern und Lehrern ­ vor allem an den Berufsschulen, aber auch in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern ­ werden sich deshalb laut einer Prognose der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung weiter verschärfen. Ab 2015 könnte sich die Lage nochmals zuspitzen: Dann stehen wegen des Geburtenrückgangs generell weniger Arbeitskräfte zur Verfügung.

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Im internationalen Vergleich nimmt sich die deutsche Akademikerquote ohnehin recht mager aus. Während im Durchschnitt aller OECD-Länder rund 25 Prozent eines Jahrgangs einen Studienabschluss erreichen, sind es in Deutschland nur etwa 16 Prozent (siehe Grafik). Im jüngsten OECD-Bildungsbericht, den die Organisation vergangene Woche vorgestellt hat, wird die geringe Quote der Deutschen ausdrücklich kritisiert.

Vor allem in den Fächern, in denen schon Absolventenmangel herrscht, bleibt in Deutschland der Nachwuchs aus: Hier zu Lande werden weit weniger Naturwissenschaftler ausgebildet als in vergleichbaren Industrienationen. In einigen Ländern, so der OECD-Bericht, ist die Zahl der neu ausgebildeten Ingenieure doppelt so hoch wie in Deutschland ­ etwa in England und Frankreich.

Die Hochschulen buhlen um Studenten

Gründe für die Studierunlust der jungen Generation sind laut Bildungsforscher Klemm einerseits die Signale vom Arbeitsmarkt ("Bis vor kurzem erschien ein Studium nicht mehr so rentabel wie früher") ­ andererseits locken immer mehr attraktive Alternativen: Wer sich für eine Berufsakademie oder die Ausbildung in einem Betrieb entscheidet, verdient von Anfang an eigenes Geld und hat gute Karrierechancen auch ohne Hochschulzeugnis.

Viele Hochschulen umwerben inzwischen gezielt den Nachwuchs. Der Abituriententag an der Universität Karlsruhe findet nicht mehr im November, sondern nun an einem Mittwoch im Frühsommer statt, und Studiendekan Wauer begrüßt im Foyer seines Instituts die interessierten Abiturienten persönlich. Fazit seiner Einführungsrede: "Werden Sie Ingenieur!"

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Danach geht es auf Entdeckungstour durch das Institut für Maschinenkonstruktionslehre und Kraftfahrzeugbau (MKL), ein Dozent hält eine Schnuppervorlesung, ein anderer preist das vielseitige Berufsbild des Ingenieurs, und in "Workshops" bauen die künftigen Studenten ein Getriebe auseinander und lernen, wie ein Kugellager aussieht.

Einer, dem die Nachwuchswerbung besonders am Herzen liegt, ist MKL-Chef Albert Albers. Vor fünf Jahren wechselte er vom Kupplungshersteller Luk auf einen Lehrstuhl an der Uni Karlsruhe. "Damals konnte man sich anhand der Studienanfänger bereits ausrechnen, dass die Absolventenzahlen um das Jahr 2001 herum total einbrechen würden", sagt der Professor "die Arbeitsämter haben aber noch von einem Maschinenbaustudium abgeraten."

Die effektivste Werbemaßnahme, findet Albers, ist die persönliche Ansprache der Jugendlichen. Regelmäßig gehen er und seine Professorenkollegen an Schulen, halten Vorträge vor Abiturklassen und Oberstufenschülern, um zu vermitteln, "was wir überhaupt machen".

Seine "tollste Vorstellung" hatte Albers in einem Mädcheninternat im Schwarzwald: "Die Schülerinnen hatten noch nie davon gehört, dass man auch was anderes als Medizin oder Biologie studieren kann." Albers hinterließ offenbar nachhaltigen Eindruck: "Einige von denen sind tatsächlich zum Studium zu uns gekommen."

"Nicht den Professor oder Doktor raushängen lassen"

Auch andere Hochschulen rühren die Werbetrommel: Die TU Darmstadt etwa wirbt für ihre Elektrotechnik mit dem Programm "Rent a Prof". Die Schulen dürfen sich einen Wissenschaftler zu einem bestimmten Thema oder auch zu einer Projektarbeit bestellen. Hoch im Kurs steht derzeit die Informationstechnik: Was ist UMTS, wie programmiert man ein Handy? "Da dürfen wir dann nicht den Professor oder den Doktor raushängen lassen", sagt Roland Steck, Dozent für Mikroelektronik, "das prallt an den Jugendlichen total ab."

An der Universität Essen können sich Schüler für ein "Probestudium" in Informatik anmelden, in Paderborn dürfen die Pennäler Informatik-Scheine machen, die ihnen auf ein späteres Studium angerechnet werden. Die RWTH Aachen lockt sogar schon Grundschüler in ihr Werkzeugmaschinenlabor ("Unihits für Kids") und tourt zusätzlich mit dem "Science Truck", einem mobilen Labor im Sattelschlepper, zu den Gymnasien.

An der TU Darmstadt steigen die Studentenzahlen in der Elektrotechnik langsam wieder an, von einer Auslastung ist der Fachbereich aber noch weit entfernt. Wer dort zurzeit seinen Abschluss macht, hat laut "Rent a Prof"-Initiator Steck schon fünf Job-Zusagen in der Tasche: "Immer wieder fragen Firmen an, ob wir nicht ihre Stellenangebote aushängen oder ihnen Absolventen nennen können ­ denen muss ich dann sagen, dass unsere Leute meist schon vor der Abschlussfeier irgendwo unter Vertrag sind."

Wie etwa beim Elektro-Riesen Siemens. "Im laufenden Geschäftsjahr stellen wir knapp 6000 Akademiker ein, allein die Hälfte davon Elektroingenieure", sagt Winfried Hartl, in der Münchner Konzernzentrale zuständig für Personalmarketing. Auch bei Siemens ist der Mangel zu spüren. "Wir kriegen zwar noch die Leute, die wir brauchen", so Hartl, "aber im Bereich der IT-Techniker und Nachrichtentechnik-Ingenieure ist es schon ziemlich eng."

Und das, obwohl Siemens auf Grund seiner Größe und seines Renommees im Wettbewerb um die begehrten Fachkräfte eine Spitzenadresse ist. Wie lange der Einstellungsboom anhält, dazu wagt der Siemens-Mann allerdings keine Prognose: "Man kann schwer abschätzen, was in einem Jahr los ist."

"Nicht wahllos junge Leute rekrutieren"

Günter Ermann, Hochschulreferent bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg, warnt denn auch davor, die Werbung zu übertreiben. "Es ist sicher falsch, jetzt wahllos junge Leute für ein Ingenieurstudium zu rekrutieren", so der Berufsberater. Allzu schnell produziert nämlich der Hype um den Akademikermangel einen neuen Überschuss. Im Boom-Fach Informatik etwa hat sich die Zahl der Studienanfänger bundesweit mehr als verdoppelt. Einige Fakultäten, etwa in Berlin und Potsdam, haben bereits einen Numerus clausus eingeführt.

Das Problem haben die Karlsruher noch nicht. Ihr Abituriententag Ende Mai hat seinen Zweck erfüllt. "Ich konnte mir vorher nicht richtig vorstellen, was man im Maschinenbau eigentlich macht", sagt Philipp Steinle, 19, aus dem südbadischen Emmendingen. Der Abiturient würde gern in der Automobilkonstruktion arbeiten ­ der Informationstag hat ihn überzeugt, dass Maschinenbau das richtige Fach für ihn ist.

Hannes Günther, 19, aus Walldorf hat sich auch bei den Informatikern umgeschaut. "Da war es aber völlig überlaufen", erzählt er, "die haben zum Teil noch vor der Tür vom Hörsaal gestanden." Er würde wohl eher Maschinenbau studieren ­ wenn er sich überhaupt für die Hochschule entscheidet.

Nach 13 Schuljahren, meint Günther, habe er erst mal genug Theorie gebüffelt. Vielleicht macht er nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. "Danach kann ich ja immer noch studieren", sagt er.

Studiendekan Wauer hält wacker dagegen: "Machen Sie gleich das Studium", mahnt er.

JULIA KOCH



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