Uni-Prekariat Lobby will Befristung für alle

Die Arbeitsbedingungen vieler Wissenschaftler sind mies. Künftig soll eine Gesetzesreform unnötig prekäre Verhältnisse verhindern. Doch die Hochschulen und Forschungseinrichtung protestieren: Sie wollen selbst für Sekretärinnen Zeitverträge.

Befristet im Labor: Zeitverträge sind in der Wissenschaft vielerorts die Regel
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Befristet im Labor: Zeitverträge sind in der Wissenschaft vielerorts die Regel

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Ein Doktorand bleibt drei Jahre an der Uni, vielleicht vier, manchmal fünf. Dann hat er im besten Fall seinen Titel und zieht weiter. Es ist klar, dass er keinen Vertrag auf Lebenszeit braucht, um an einem Institut seine Doktorarbeit zu schreiben. Aus diesem Grund gelten für Hochschulen großzügigere Befristungsregeln als etwa für Arbeitgeber in der Wirtschaft.

Ein Werk mit dem sperrigen Namen Wissenschaftszeitvertragsgesetz regelt das. Seit sieben Jahren gilt es, doch inzwischen hat sich längst gezeigt: Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen machen zu oft von Zeitverträgen Gebrauch. Ultra-Kurzzeit-Verträge für sind für Doktoranden bereits die Regel: Mehr als die Hälfte dieser Hochschulmitarbeiter hat einen Vertrag, der nicht einmal ein Jahr läuft, wie eine Evaluation des Gesetzes 2011 festhielt. So schnell dürfte selbst der größte Überflieger keine Promotion fertigstellen können.

Die Berliner Regierungskoalition aus Union und SPD wollte daher längst eine Reform auf den Weg gebracht haben, im Mai sollten eigentlich gemeinsame Eckpunkte präsentiert werden. Doch das Thema zieht sich - wohl auch, weil es unerwartet drastischen Gegenwind von der Wissenschaftslobby gibt.

Lobbybrief an Wanka

Anfang Juni schickte die Allianz der Wissenschaftsorganisationen einen Brief an Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und bittet darin um eine "wissenschaftsfreundliche Ausgestaltung" der Reform. Eine derart geballte Intervention ist ungewöhnlich.

Die Allianz ist ein loser Zusammenschluss ganz unterschiedlicher Wissenschaftsorganisationen und gilt als entsprechend zurückhaltend; die Hochschulrektorenkonferenz gehört ihr ebenso an wie der Deutsche Akademische Austauschdienst. Ihr gehört auch der Wissenschaftsrat an, ein Gremium, in dem Bund und Länder Mitglieder sind und nun sozusagen gegen sich selbst intervenieren.

Der zweiseitige Brief zeigt, wie massiv die Wissenschaft inzwischen auf prekäre Beschäftigung setzt - in einer Form, die in der Privatwirtschaft vielfach undenkbar wäre. Vor allem in zwei Punkten wehren sich die Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen gegen die Überlegungen der Regierungskoalition.

Befristung weiterhin für alle: Die Wissenschaftsorganisationen wollen nicht nur Doktoranden und andere Nachwuchsforscher befristet anstellen können, sondern am liebsten gleich alle. Die Regierungskoalition wollte festhalten, dass die großzügigen Befristungen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes künftig nur noch für wissenschaftliche Mitarbeiter gelten, nicht etwa für Verwaltungsleute.

"Bei der Gewinnung von wissenschaftlichem Spitzenpersonal sind die Möglichkeiten flexibler Beschäftigung sowohl für wissenschaftliches als auch für nicht-wissenschaftliches Personal wichtige Fragen in den Berufungsverhandlungen", behaupten die Organisationen in ihrem Schreiben nun. Die Forscherkoryphäe gewinnt man also angeblich nur, wenn die ihre Mitarbeiter möglichst prekär beschäftigen darf. Ein Professor soll im Zweifel auch seine Sekretärin oder den Laborassistenten mit Zeitverträgen abspeisen dürfen.

Für Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, ist die Argumentation abenteuerlich: "Das nicht-wissenschaftliche Personal erledigt in der Regel Daueraufgaben, für die man keine Zeitverträge braucht", sagt er. Falls doch - etwa weil eine Sekretärin nur für ein befristetes Forschungsprojekt angestellt wird -, reichten die Regeln aus, die auch für alle anderen Arbeitgeber gelten. "Die Hochschulen wollen am liebsten befristen, wenn sie Lust dazu haben", bemängelt Gewerkschafter Keller.

Die zweite Lobby-Forderung: Keine Qualifizierungsvereinbarung. Doktoranden, die einen Zeitvertrag bekommen, sollen einen Teil ihrer Arbeitszeit für ihre eigene Dissertation nutzen können - immerhin ist die Qualifizierung ja der Grund der Befristung. Doch so selbstverständlich ist das keineswegs. In Hamburg regelt zwar das Hochschulgesetz seit Kurzem, dass Doktoranden ein Drittel ihrer Arbeitszeit für die eigene Promotion einsetzen dürfen, auch andere Ländern haben entsprechende Bestimmungen in ihre Gesetze geschrieben. Vielerorts fehlen solche Regeln allerdings. Ob wissenschaftliche Mitarbeiter billige Arbeitskräfte sind oder ihre Stelle auch tatsächlich für ihre Qualifikation nutzen können, hängt im schlimmsten Fall vom Professor ab.

Arbeitnehmervertreter wie GEW-Mann Keller wünschen sich eine klare bundesweite Regelung. In der Berliner Koalition wollte man daher Zeitverträge für Doktoranden und andere Nachwuchsforscher mit einer Qualifizierungsvereinbarung verknüpfen. Genau das lehnen die Wissenschaftsorganisationen allerdings ab. Eine "ausdrückliche Vereinbarung", heißt es in dem Brief an Bildungsministerin Wanka, sei "aus unserer Sicht entbehrlich".



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Seite 1
tommirf 10.06.2015
1. alles o.k.
wenn die Herren Professoren, C4er, Verwaltungsleiter etc. ab sofort auch auf Zeitverträge gesetzt werden. Naturlich mit Verbot von Kettenverträgen...
Msc 10.06.2015
2.
Wenn die Lobbyisten schreien, dann ist man auf dem richtigen Weg. Kurzzeitverträge sind ein Unding. Ich hatte das Glück einmal für 24 Monate und dann nochmal für 18 Monate eine halbe E13-Stelle unterschreiben zu dürfen. Aber Doktoranden in anderen Arbeitsgruppen wurden teilweise auf abenteuerlichem Wege finanziert, z.B. Abzweigung von Studiengebühren um diese Doktoranden als Praktikumsbetreuer anzustellen. Da Praktika aber in der Regel nur kurz sind, kriegt man teilweise Verträge für 10 Wochen. So etwas muss aufhören. Hier geht es nicht nur um Planungssicherheit (die meisten Professoren würden ihre Doktoranden wohl kaum mitten in der Arbeit einfach so auf die Straße setzen oder unbezahlt lassen - das gebietet der Anstand), hier geht es auch um Wertschätzung. Professoren forschen seltenst noch selbst, dafür bleibt kaum Zeit. Doktoranden machen die eigentliche Arbeit. Das sollte man auch mit Vertrauen belohnen.
kappesstepp 10.06.2015
3. Bleibt
anzumerken, dass, diejenigen, die die flächendeckende Befristung fordern, selbstverständlich Lebenszeitstellen haben - und dies auch ganz normal finden. Sie sind ja die besten. Einen Professor, der (obwohl dies alle wissen) zugeben würde, bei seiner Berufung auf eine Lebenszeitstelle einfach nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz gewesen zu sein und "hier" gerufen zu haben (vulgo: Glück gehabt hat, das er auch nicht hätte haben können), habe ich noch nicht getroffen. Da fällt der Spruch ein: Wenn die Würstchen an die Macht kommen, wird der Senf rationiert.
PJanik 10.06.2015
4. Befristung für Beamte
... bin ich auch für....
yinyangjens 10.06.2015
5. unfähige Führungskräfte
in der Wirtschaft kann man unbefristet angestellte Mitarbeiter "führen", damit Sie das tun, was im Interesse des Unternehmens, der Abteilung etc. liegt. Die weit verbreite Meinung unter der Professorenschaft, dass man sich nicht mit unbefristet angestellten Mitarbeitern rumärgern will, die nicht das machen, was man von Ihnen will, spricht Bände: Ein guter Arbeitsgruppenleiter kann seine Mitarbeiter motivieren und dann ist das Beschäftigungsverhältnis egal, aber leider sind viele Professoren damit überfordert und bzgl. Menschenführung völlig unfähig. Eine Normalisierung der Arbeitsverhältnisse ist überfällig - zumindest ab der Post-Doc-Zeit - also ab ca. 35-40 Jahren, wenn der Kandidat gewisse Leistungskriterien (Publikationen etc.) erfüllt hat. Mit Zielvereinbarungen kann man festangestellte Mitarbeiter fordern, fördern und ggf. auch wieder loswerden.
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