Forschung So wollen Hochschulen gegen Pseudo-Journale vorgehen

Tausende deutsche Wissenschaftler haben Fachaufsätze ungeprüft in fragwürdigen Journalen publiziert. Jetzt haben Hochschulen Gegenmaßnahmen angekündigt.

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Das Angebot klingt für viele Wissenschaftler verlockend: Ein Verlag bietet an, den eigenen Fachaufsatz innerhalb weniger Tage zu publizieren. Inwieweit dabei die Inhalte überprüft werden, bleibt unklar. Auch fragwürdige Studien haben so eine Chance, in die Welt zu kommen und das unter dem angeblichen Siegel der Wissenschaft. Allerdings müssen die Wissenschaftler für die Veröffentlichung bezahlen.

Die "Süddeutsche Zeitung" und die Sender NDR und WDR hatten im Juli berichtet, dass Tausende deutsche Wissenschaftler in wertlosen Online-Fachzeitschriften pseudowissenschaftlicher Verlage publiziert haben. Nun haben zahlreiche deutsche Hochschulen auf die Berichterstattung mit unterschiedlich scharfen Maßnahmen reagiert.

  • Die Universität Hannover hat 80 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern empfohlen, in Fake-Journals veröffentlichte Artikel aus ihren Publikationslisten zu entfernen, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.
  • Das Rektorat der Universität Bremen will den Verhaltenskodex für Wissenschaftler ergänzen.
  • Die Universität Hohenheim untersuchte stichprobenartig die veröffentlichten Aufsätze und informierte betroffene Wissenschaftler.
  • An der Universität Frankfurt untersuchen uniinterne Gremien, wo es zu wissenschaftlichem Fehlverhalten kam.
  • An der Universität Regensburg werden die Qualitätskriterien für die Finanzierung von Uni-Publikationen überarbeitet.
  • Einige Universitäten, wie zum Beispiel Würzburg und Bielefeld, erstellen Positivlisten, in denen renommierte Fachzeitschriften genannt werden, um so Pseudo-Magazine zu entlarven.

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Das Phänomen der pseudowissenschaftlichen Verlage ist zwar schon seit Jahren bekannt, doch die Zahl solcher Publikationen ist in den vergangenen fünf Jahren rasant angestiegen. So habe sich die Zahl solcher Publikationen bei fünf der wichtigsten Verlage den Recherchen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR zufolge in den vergangenen fünf Jahren weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

Für Wissenschaftler ist es wichtig, möglichst häufig als Studienautor genannt zu werden, um die eigene Karriere voran zu bringen. Vielen von ihnen klagen über den hohen Publikationsdruck.

Im Video: Ein Insider packt aus

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Hinter dem Publikationsskandal steckt ein Phänomen, dass Wissenschaftler seit Längerem kritisieren. So hatte ein britischer Psychologe vor einigen Monaten eine Quatsch-Studie veröffentlicht, um auf das Problem aufmerksam zu machen.

Die Kernaussage der Pseudo-Studie: Konservative Politiker wischen ihren Po nach dem Toilettengang mit der linken Hand ab, bei linken Politikern sei es umgekehrt. Teilgenommen an der Studie hatten Fantasie-Politiker wie Boris Johnski, Teresa Maybe und Placido Domingo. Das Magazin "Psychology and Psychotherapy", das die Studie veröffentlichte, behauptet von sich, die Texte vorher zu prüfen.

kha

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erwachsener 12.10.2018
1.
Will ein Wissenschaftler eine Arbeit publizieren, findet er sich gegenüber seiner Institution in einer vertrackten Situation: von ihm wird nämlich erwartet daß - er möglichst viel publiziert - in möglichst bedeutenden Fachzeitschriften - zu einem möglichst geringen preis (Ja, auch die seriösen Zeitschriften nehmen Geld, typischerweise 2000-3000 EUR für einen Aufsatz) - und Open Access (kostet extra) Wenn man sich nur ein wenig auskennt merkt man schnell: diese Kriterien können nicht alle gleichzeitig erfüllt werden. Open Access ist extra teuer, die Ablehnungsquote ist bei den hochrangigen Zeitschriften am höchsten, und zwischen erster Einreichung und Erscheinen vergeht leicht ein Jahr oder mehr. Oft vergehen Monate bis eine Arbeit von der Zeitschrift abgelehnt wird - dann hat man viel Zeit verloren, aber nichts erreicht. Es sind nicht nur die Wissenschaftler schuld, wenn dann Arbeiten in zweifelhaften Zeitschriften landen, sondern auch die Forschungseinrichtungen, die unrealistische Anforderungen stellen.
Strichnid 12.10.2018
2.
Man hätte in dem Artikel aber auch ruhig erwähnen können, dass diese sogenannten "renommierten" Verlage gierige Vereine sind, die ihre Oligopol-Stellung ausnutzen, um Wucherpreise von den Unis zu verlangen, die die Journale dann ja in ihre Bibliotheken aufnehmen müssen. Daher gibt es diese Bewegung, außerhalb der traditionellen Verlage zu publizieren. Nicht alle Onlineportale sind Fake. Ein Peer-Review muss natürlich trotzdem stattfinden, aber damit hapert es auch bei den Großen.
max_schwalbe 12.10.2018
3. Wissenschaft beruht auf Langfristigkeit
Auch wenn verständlich ist, dass man eigenbrötlerische Wissenschaftler aus ihren Elfenbeintürmen herausholen möchte (was bereits in 99% der Fälle geschehen ist!): Der hohe Publikationsdruck wird dem Grundprinzip wissenschaftlichen Arbeitens nicht gerecht. Nicht nur unter wissenschaftlich tätigen Ärzten, sondern auch unter promovierten Naturwissenschaftlern fallen immer größere Späne, werden Studien durchtgezogen einfach nur um eine neue Publikation zu generieren. Teilweise mit kaum noch erkennbarer wissenschaftlicher Basis, teilweise mit Inkaufnahme unseriöser Datenhandhabe, hauptsache es kommt "was dabei heraus". Solche Publikation führen nicht nur zu Konfusion, da deren Aussagen nicht reproduzierbar sind, sondern erschweren es Wissenschaftlern, die es mit der Wissenschaftlichkeit ernst meinen, Geld für ihre Projekte zu erhalten da sie unter einem künstlich-überzogenen Publikations-Konkurrenzdruck stehen. Der Kernfehler war die Vernichtung des akademischen Mittelbaus. Würden nicht ständig nahezu sämtliche Personalfragen an Publikationslisten hängen, und nahezu jährlich daraufhin geprüft werden, würde sich die Lage massiv entspannen und es wäre endlich wieder möglich, eine Studie nach wiss. Fragestellungen hin zu planen und durchzuführen, anstatt zu fragen, welche Blutproben ich jetzt mal schnell nehmen kann um die nächste nötige Publikation irgendwie zusammenschreiben zu können, die ich für die nächste Drittmittelrunde brauche. Ein völlig verfehlter Ansatz dem jeglicher langfristiger output fehlt.
alleghieri 12.10.2018
4. Fehlender Wille
Man könnte diesen Spuk sehr leicht beenden, wenn die Universitäten und Drittmittelgeldgeber (DFG, BMBF, etc) die Publikationskosten von ca. 1000 €/Publikation nicht mehr erstatten würden; zusätzlich sollte er solche Artikel nur mit seiner Privatadresse veröffentlichen können. Privat kann jeder ohnehin jeden Unsinn in jder x-beliebigen Quatschzeitschrift veröffentlichen - dies ist dann aber sein Privatvergnügen.
Krokodilstreichler 12.10.2018
5.
Warum gibt es eigentlich keine deutschlandweiten universitätsinternen Magazine, wo die Erkenntnisse der Hochschulmitarbeiter veröffentlichen, also etwa für den Bereich Molekularbiologie eine Zeitschrift, die von den Universitäten gemeinsam betrieben wird und wo die Forscher ihre Erkenntnisse kostenlos veröffentlichen können?
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