Hochschulfunk Ilmenau 51 Jahre und kein bisschen leise

Technik, die Geschichte schrieb: Der Urahn aller deutschen Campusradios sitzt im Osten. An der TU Ilmenau sind studentische Radiomacher seit 1950 auf Sendung.

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Die Ausstattung war dürftig, die Vorlaufzeit arbeitsaufwendig und das ganze Unterfangen sowieso abenteuerlich. Im Mai 1950 ging - die DDR war gerade ein gutes halbes Jahr alt - in Ilmenau der erste deutsche Campussender in Betrieb. "Hier spricht der Betriebsfunk der Ingenieurschule", raunte ein Student ins Mikrofon. Eine Sprecherkabine gab es noch nicht, als Schallschutz musste eine Wolldecke reichen.

Der Sendestart beim Ilmenauer Hochschulfunk (hsf) war eine echte Pioniertat. Mit ausgemusterten Geräten, viele davon aus der Gründerzeit der Mitteldeutschen Rundfunk AG Leipzig, machten engagierte Studenten von Anfang an in Eigenregie Programm. "Die ehrenamtlichen Leiter des Hochschulfunks waren in den ersten Jahren freilich immer von der SED-Organisation der Hochschule bestimmt oder später zumindest nach ihrer Wahl gebilligt worden", sagt Stefan Jackisch, Sprecher der heutigen hsf-Redaktion.

Weil eine Verbreitung über UKW zunächst nicht in Frage kam, behalfen sich die Ilmenauer Studenten mit der Betriebsfunkanlage. Nach Verkabelung der Wohnheime und Hörsäle konnte über die Diodenbuchse ("jetzt sagt man wohl DIN-Buchse") jeder, der wollte, das Programm empfangen. Aber auch wer nicht wollte, hatte keine Chance, den hsf-Machern zu entgehen: Jahrzehntelang genossen die Kommilitonen in der Mensa beim Mittagessen die Zwangsbeschallung per Lautsprecher.

Das sei "eine gewisse Tradition", meint Stefan Jackisch. Deshalb wird bis heute die Mittagssendung "Espresso" ins Studentencafé übertragen. In der Mensa herrscht dagegen derzeit Ruhe - "aber nur, bis der Umbau beendet und eine neue Beschallungsanlage installiert ist", droht Jackisch grinsend.

Seit Oktober 1999 hat das hsf-Studentenradio eine eigene Frequenz und versorgt mit einem 100 Watt starken Sender das gesamte Stadtgebiet. "Unser größtes Problem ist allerdings, dass wir kein Vollprogramm bieten können", sagt Stefan Jackisch. Knapp 25 aktive Studenten und ebenso viele Mitarbeiter im Dunstkreis reichen eben nicht, um rund um die Uhr "on air" zu sein.

In den hsf-Ruhestunden wird deshalb, so will es die Landesmedienanstalt, das Programm von BBC World ausgestrahlt. "Die Leute machen ihr Radio an und hören auf Englisch die Kricketergebnisse aus Neusüdwales - das macht es schwer, uns zu vermarkten", stöhnt Jackisch über die Schwierigkeiten, die geteilten Sendezeiten bei der Zielgruppe bekannt zu machen.

Alle zwei Jahre freilich zeigen die Ilmenauer Radiomacher, was sie wirklich drauf haben: Zur Internationalen Studentenwoche senden sie als so genannter "Veranstaltungsfunk" mehr als eine Woche lang rund um die Uhr. Vom 18. bis 25 Mai ist es wieder so weit.

Und was nur wenige Hörer wissen: Die Ätherwellen transportieren ein Stück deutsche Rundfunkgeschichte. Denn seit geraumer Zeit verfügt hsf über ein wahrhaft historisches Stück Technik. Das Mischpult des legendären DDR-Jugendsenders DT64, in Wendezeiten auch im Westen bekannt geworden, gehört - bis zur letzten Diode zerlegt, überprüft und wieder zusammengesetzt - heute den hsf-Funkern.



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