Hochschulkürzungen Zieht euch warm an!

Wegen einer Haushaltssperre wird den sächsischen Universitäten im Winter womöglich der Strom abgedreht. Auch die Berliner Hochschulen müssen in den nächsten Jahren kräftig den Rotstift ansetzen. Die Sparwelle an den Hochschulen hat einen neuen Höhepunkt erreicht.

Von Ingo Butters


In den Vorlesungssälen der Uni Leipzig wird es bald empfindlich kalt
DPA

In den Vorlesungssälen der Uni Leipzig wird es bald empfindlich kalt

Die Studenten bitten um Spenden der Bevölkerung. Die Bürger sollen doch bitte am 10. September Kerzen, Decken und Toilettenpapier zum sächsischen Landtag bringen. Wenn das Plenum nach der Sommerpause zum ersten Mal tagt, sollen die Abgeordneten auf die Misere der Hochschüler aufmerksam werden.

Denen droht nämlich ein bitterkaltes Wintersemester - verursacht durch eine Ende Juni verhängte Haushaltssperre. Das sächsische Wissenschaftsministerium musste überraschend mit 62 Millionen Mark weniger auskommen und kürzte den Hochschulen daraufhin den Etat für Sachmittel um 30 Prozent. Aus diesem Topf werden bisher die Kosten für Exkursionen, Material für Experimente und die Ausgaben für Strom, Heizung oder Miete bestritten.

Her mit den Kohleöfen

"Die Haushaltssperre kommt mitten im laufenden Finanzjahr", erklärt Markus Lorenz, Sprecher der Konferenz sächsischer Studierendenschaften (KSS). "Die Hälfte der Gelder ist ja bereits aufgebraucht. Für das restliche Jahr sind jetzt nur noch 20 Prozent der ursprünglichen Mittel vorhanden." Für den laufenden Betrieb der Universität bedeute dies eine Katastrophe. "Wir haben schon überlegt, ob wir Kohleöfen herschaffen sollen", setzt Lorenz nach. Denn auch ohne die aktuelle Haushaltssperre sieht die Zukunft der sächsischen Hochschulen nicht sehr rosig aus: Bis 2008 sollen 1715 Stellen abgebaut oder umgewandelt werden.

Die jetzige Misere an Sachsens Universitäten ist nur das neueste Glied in einer schier endlosen Kette. Mit immer neuen Kürzungen und Sparmaßnahmen wollen die Bundesländer den Etat für ihre Hochschulen zusammenstreichen. So zwang der Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, den drei Berliner Universitäten die Unterzeichnung eines Hochschulvertrages auf, der es in sich hat.

Als Trumpf hatte Wowereit Planungssicherheit für die Hochschulen für die Jahre 2003 bis 2005 in der Hand. Dafür hatten die Präsidenten der drei Berliner Universitäten eine Kröte zu schlucken: Den Etat der Universitätskliniken Charité und Benjamin-Franklin müssen sie in dieser Zeit um 145 Millionen Mark eindampfen. Der Präsident der Freien Universität, Peter Gaethgens, zeigte sich empört: "Das sind Folterinstrumente für die Hochschulmedizin." Doch die aktuellen Sparmaßnahmen sind wohl nur Vorboten. Vor der Neuwahl des Berliner Abgeordnetenhauses mag sich wohl kein Politiker mit unpopulären Vorschlägen aus dem Fenster lehnen.

So ein Zögern und Zaudern kennt der niedersächsische Kultusminister Thomas Oppermann dagegen nicht. Der SPD-Politiker denkt laut über eine Idee nach, die schon seit einiger Zeit in den Köpfen mancher Kultusminister herumspukt. Demnach sollen die Hochschulen in Stiftungen umgewandelt werden und sich dann vor allem selber um frisches Geld für Forschung und Lehre kümmern sollen. Wichtigstes Kapital der Hochschulen wären ihre Grundstücke. Meist in zentraler Innenstadtlage sind sie Filetstücke für Immobilienmakler. Die Studenten müssten sich ihre Vorlesungen dann allerdings auf dem platten Land anhören.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.