Hochschulmarkt China Deutsche Unis schießen mit Platzpatronen

Sie kämpfen um Studenten, sie wedeln mit Broschüren: Deutsche Unis werben weltweit um studierwillige Ausländer und locken mit goldenen Zukunftsaussichten. Es ist ein Ringen um Köpfe und Knete. Und wo fischt es sich besser nach gut betuchten Karrierehungrigen als in China?

Von Martin Kaul


Wer zwischen Aachen, München und Berlin ein Uni-Klo besucht, wird sicher nicht mit Lotus-Duft und seichter Springbrunnen-Musik empfangen. Im Gegenteil: Meist riecht es übel und wirkt es trist, wo deutsche Studierende ihr Geschäft verrichten. Wer geschäftlich vermehrt im Ausland verkehrt, bekommt dagegen auch recht ansehnlichen Service - und hier und da sogar das Handtuch gereicht, persönlich - so gesehen in einem Shanghaier Hotel auf einer Hochschulmesse, auf der sich deutsche Unis im Reich der Mitte präsentierten.

Es ist ein Vorzeigehotel mit vielen Sternen. Doch auch wenn es harmlos und harmonisch aussieht, es geht hier in einem erbitterten Ringen um die Zukunft. Über 30 deutsche Hochschulvertreter wetteifern um die besten Köpfe: Wenn es Morgen wird auf Chinas Uni-Messen, dann reden sie gegen rund 600 Konkurrenzhochschulen und etwa 70.000 wissbegierige Studenten an. Ihre Rechnung ist einfach: Je internationaler ihre Uni wird, desto besser der Ruf der Hochschule zu Hause und in aller Welt.

Das soll die Zukunft sein. Heute hingegen fürchten Deutschlands Unis, dass der Mangel an qualifizierten Wissenschaftlern und Spitzenforschern chronisch wird. Hier haben die Hochschulen ein Problem: Erstens produziert das deutsche Bildungswesen durch seine hohe Selektion viele Bildungsverlierer und zu wenig qualifizierten Nachwuchs. Zweitens meiden deutsche Abiturienten die Unis wegen Studiengebühren und einiger anderer abschreckender Faktoren. Es fehlt an Spitzenforschern und Doktoranden, die einerseits den Lehrbetrieb an den Hochschulen aufrecht erhalten – und andererseits mit verstärktem Forschungs-Output die Bilanzen der Uni schönen.

Deshalb reisen deutsche Uni-Gesandte nun in alle Welt und besonders gern nach China. In dem kommunistischen Land boomt die Nachfrage nach Bildung. Die Zahl der Hochschulen hat sich von 1041 im Jahr 2000 auf 1867 im Jahr 2006 nahezu verdoppelt. Das chinesische Erziehungsministerium geht davon aus, dass allein in diesem Jahr 200.000 chinesische Studenten zum Studium ins Ausland gehen – 27.000 sind derzeit in Deutschland. Damit machen Chinesen die größte Gruppe unter den ausländischen Gaststudenten an deutschen Unis aus. China ist das größte Entsendeland zum Auslandsstudium. Da lohnt es sich, hier mal zu stöbern – für Hochschulen aus Bielefeld, aus Ilmenau und Osnabrück, aus München, Aachen und Berlin.

Studenten-Schacher wie auf dem Viehmarkt

Da Wissen der Rohstoff der Zukunft ist - und weil Studiengebühren in manchen Ländern schon jetzt kräftig die Kassen klingeln lassen - organisieren angelsächsische Universitäten schon seit langem äußerst aggressive Werbetouren. Peter Ingram ist Leiter des International Office der University of Plymouth im Südwesten Englands – und wartet in einer riesigen Messehalle in Shanghai darauf, studierwillige Chinesen nach England zu importieren: Weil es illegal ist, Studenten noch auf dem Messegelände zu rekrutieren, schleust er gut betuchte Anwärter nach Messeende ins Hotel. Wenn die Unterlagen korrekt sind und die Qualifikation erfüllt, nimmt er sie mit.

Knapp tausend Pfund müssen die Studienanwärter als Pfand bei ihm hinterlegen, damit sich die Uni um Visum und Zulassung kümmert. Wenn alles klappt, zahlen die Beglückten rund 10.000 Pfund jährlich, um in Plymouth ihre Qualifikation zu kriegen. Und das ist noch die seriöse Seite des Geschäfts. Weil auch weniger renommierte amerikanische und britische Universitäten auf zahlungskräftige Studenten angewiesen sind, blüht der Markt für Studentenschlepper jedweder Couleur. Die einen verdienen an Studenten, die viel dafür zahlen, an ihren Wunschunis zu landen, andere erhalten Provisionen von bis zu 20 Prozent der Studiengebühren von Universitäten, wenn sie denen viele Studenten liefern. Es ist ein Handel wie auf dem Viehmarkt: Manche verkaufen Top-Talente, andere zahlungskräftige Loser.

Um die Ecke des Standes der University of Plymouth biegt eine Agentin und überreicht ihre Visitenkarte. Es hört sich lustig an, und doch ist es kein Witz: Ihr Mann importiert Gartenmöbel aus China nach England – und diese Agentin handelt mit chinesischen Schülern. In Shanghai sucht sie Geschäftspartner. Mit Hochschulen, die Nachschub gebrauchen können, schließt sie hier Verträge.

Deutsche Unis schießen nur mit Platzpatronen

Martin Bickl kennt dieses Geschäft. Er hat im Auslandsbüro der University of Durham gearbeitet: "Die Studentenrekrutierung ist ein ganzer Industriezweig, eine hoch spezialisierte Maschinerie, die äußerst effizient funktioniert", sagt er. Heute leitet er das International Office der Goethe-Universität Frankfurt. Er weiß: Gegen die Rekrutierungsbranche anderer Länder schießen Deutschlands Unis nur mit Platzpatronen. "Das ist weniger professionell, aber auch weniger kommerziell. Und das ist gut." Weil Studiengebühren nicht viel zum Haushalt der Unis beitragen, sind sie nicht angewiesen auf zahlungskräftige Studenten – und so verteilen sie Broschüren und hoffen, dass mal jemand auf die Homepage klickt.

Der Kölner Dom und Schloss Neuschwanstein als Pappaufsteller sind die Kulisse, vor der die deutschen Unis gebannt auf internationale Rankings starren. Im Kampf um das Wissen der Zukunft setzen Deutschlands Hochschulen auf einen Standort, den man lieben muss: Deutsche Autos, Albert Einstein und hier und da auch Marx und Hegel. Wen Sprachbarrieren und deutsche Abbrecherrekorde nicht schrecken können, wer überzeugt ist von der Kraft des deutschen Ingenieurs, den reizt auch "Made in Germany".

"Wir setzen auf Qualität statt Masse", sagt Frauke Dittmann. Sie ist Marketing-Direktorin des DAAD in Peking und organisiert die Rundreisen der deutschen Universitäten über Chinas Hochschulmessen. Die Strategie: Verbündete suchen für die besten Forschungskooperationen weltweit. "Um die fähigsten Studenten zu erkennen und für die eigene Hochschule zu gewinnen, sind Hochschulkooperationen gut geeignet", sagt Dittmann. Das sind Verträge zwischen Unis, die sich gegenseitig Studenten schicken. Gute Unis bekommen Verträge mit guten Unis.

Auch Martin Bickl hat Verträge mitgebracht. "Wir investieren strukturell in Mobilität", sagt er. Das ist der weiche Weg in eine Zukunft, in der später internationale deutsche Absolventen bestehen sollen. Denn wer möchte das nicht gerne? Dereinst mal schön Geschäfte machen, mit Lotus-Duft und Springbrunnen-Musik. Eine Vision, die auch in München, Aachen und Berlin sicher gut ankommt.

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