Studentensport Kickern In der Uni trainieren für Neukölln bei Nacht

Am Kickertisch kann man sich ganz schön blamieren. Die FU Berlin weiß das und bietet jetzt offiziell Tischfußball als Hochschulsportart an. Jule Hoffmann, 26, hat genug vom nächtlichen Verlieren - und trainiert an ihrer Uni für den Kneipenauftritt.

Lukas Heibges

Ich bin es leid. Freitagabend in einer Bar in Neukölln: Ich stehe am Kickertisch und kurble verzweifelt an den Griffen. Meine rechte Hand wechselt hektisch zwischen Tor und Verteidiger. Da ich Rechtshänderin bin, spiele ich nur mit der rechten Hand. Die linke Hand hält ein Bier - zu mehr ist sie kaum zu gebrauchen. Über meinen einhändigen Kickereinsatz wird wie immer viel gelacht.

Am Ende steht es 10:2 gegen mich. Danach schicken mich die anderen erstmal Bier holen. Das muss sich ändern, beschließe ich und begebe mich auf die Suche nach Hilfe. Beim Hochschulsport der FU werde ich fündig: ein Tischkicker-Kurs - genau das, was ich brauche.

Bevor es losgeht, treffe ich mich mit Oke Harms, 29. Oke hat die Kickerkurse im Unisport ins Leben gerufen, und er ist: Tischfußball-Nationalspieler, Champions-League-Sieger, Weltmeister, Europameister und mehrfacher deutscher Meister. Kleinlaut schüttele ich ihm die Hand. "Kickern" sei nicht gleich Tischfußball, lässt er mich als erstes wissen. Dazwischen lägen Welten.

Tischfußball ist eine Denksportart

Der professionelle Tischfußballer trage Handschuhe, erklärt Oke, ähnlich wie Golfhandschuhe. Außerdem gebe es sogenannte Griffbänder, damit die Hände einen besseren Halt haben: "Die sehen aus wie Kondome, die man über den Griff drübermacht." Okes Hände jedenfalls sehen ziemlich normal aus.

Tischfußball sei auch eher ein Denksport, sagt Oke: "Ähnlich wie beim Hochgeschwindigkeits-Schach überlegt man ab einem gewissen Niveau nur noch, was der Gegner macht und welchen Zug man selbst machen kann, um ihn zu beeinflussen. Dieses taktische Denken fördert die Konzentrationsfähigkeit." Wichtig sei daher auch das mentale Training. Es klingt wie eine optimale Vorbereitung auf Prüfungsstress.

Später begleitet Oke mich zum Kurs und stellt mir Trainer Udo Daudert vor. Und schon geht's los: Vor dem Spiel solle man sich Zeit nehmen und Gelenke, Arme und Muskeln aufwärmen, erklärt Udo mir und den anderen Teilnehmern. "Wichtig ist auch, dass man richtig steht und Kopf und Brustwirbelsäule nicht immer gebeugt sind." Rückenschmerzen, Nackenschmerzen und Tennisarm heißen die Gefahren beim Tischfußball. Und was ist mit Daumenzerrung? Stange in den Bauch? "Nein, Tischfußball ist ein sehr safer Sport", versichert Udo.

Die erste Lektion: Ballgefühl und Ballsicherheit. "Der größte Vorteil, den ich einem Kneipenkickerspieler gegenüber habe, ist, dass ich den Ball immer bei mir behalten und dementsprechend auch nur ich das Tor schießen kann", sagt Udo. Das leuchtet allen ein. "Dann kommen die Passtechniken, die Schusstechniken und natürlich die Defensive. Da muss man nur ein paar Sachen wissen, dann ist man gleich auf einem ganz anderen Spielniveau." Hoffen wir's.

Trainieren für den Kneipenauftritt

Während wir üben, erklärt Oke die drei wichtigsten Schusstechniken: Push- und Pull-Shot heißt es, wenn man den Ball seitlich mit dem Fuß einer Figur wegschiebt oder zu sich heranzieht, bevor man ihn wegkickt. Beim Pin-Shot wird der Griff in die offene Hand gelegt und über die Handfläche abgerollt, was eine schnellere und härtere Schusskraft bewirkt. Der Snake-Shot schließlich ist mit Abstand der schnellste und härteste Schuss. Man setzt den Griff noch über der Hand am Handgelenk an, wodurch man eine größere Hebelkraft entwickelt. "Da kommt man leicht auf eine Ballgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern, und das zum Teil auf nur 30 Zentimetern. Man spielt schneller, als man gucken kann", sagt Oke.

Wie aber soll man so einen Ball jemals halten? Jeder Ball lasse sich halten, sagt Udo. Alles reine Taktik. Wie ich meine linke Hand trainieren kann, frage ich Udo. "Die linke Hand benutzen!", antwortet er. Weil man mit beiden Händen gleichermaßen gut spielen muss, würden beim Tischfußball auch beide Gehirnhälften aktiviert. Kein Wunder, dass ich immer verliere, denke ich. Mit nur einer Gehirnhälfte.

Neben mir am Tisch trainiert Patrick sein Ballgefühl. Auch er trainiert hier in der Uni für den Kneipenauftritt. "Tischkicker spielt man ja fast überall", sagt er, "vor allem in Bars oder auf Partys. Und da dachte ich mir, wenn ich mal besser wäre, dann wollen mich auch alle unbedingt in ihrem Team haben."

Jule Hoffmann studiert an der FU in Berlin und kickert häufig in Neuköllner Kneipen - bisher allerdings eher erfolglos.



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Gustav Struve 29.10.2014
1. Wat nen Gedau
Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich bin nun bald sechzig. Aber unser Protagonist hier könnte soviel üben wie er wollte, er hätte wohl keine Schnitte (auch mit seinen Handschuhen und den bandagierten Griffen); zumindest im Einzel. Wenn die Hochschule nun Kickerkurse für Einhändige gibt, dann kann es auch nicht soweit her sein mit der Unterfinanzierung des Bildungssektors.
homernarr 29.10.2014
2. Also mit so einer Einstellung kommt man nirgendwo hin
Den Fehler Kickertische einfach abzutun habe ich auch gemacht. Das hat sich geändert. Das Zeug macht einen Heidenspass und ist nicht einfach abzutun. Meinen Jungen Kollegen kann ich dank seiner guten Abwehr nur schwer schlagen, das muss ich kreativ spielen. Aber wer schon hinsitzt und schon vor Beginn verweigert dem ist nicht zu helfen. Wenn Hans krein Brett vorm Kopf hat dann lernt der sehr wohl noch was. Ich hoffe noch im letzten Moment vor dem Tod etwas zu lernen. Besser noch früher.
don_m 29.10.2014
3. Ich lese ja gerne Artikel über Kicker...
... aber ob man mittels so einer Überschrift noch mehr Werbung für das ohnehin teuer werdende Neukölln machen muss...
adrianhb 30.10.2014
4.
Zitat von don_m... aber ob man mittels so einer Überschrift noch mehr Werbung für das ohnehin teuer werdende Neukölln machen muss...
vor allem ist die organisierte Kickerszene in Friedrichshain und Kreuzberg größer SCNR Bund: http://www.dtfb.de/ Berlin: http://www.tfvb.de/ Turniere in Berlin (Fhain, Xberg, Prenzlberg, ...): http://www.my-dyp.de/ http://www.kickerstudio.de/base/de/termine/
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.