Hochschulstandort Deutschland Der Trend geht zur Schrumpf-Uni

Wie viele Studenten braucht Deutschland? Knapp zwei Millionen sind es inzwischen, doch die Erstsemester-Zahlen sinken - weil die Bundesländer allenthalben sparen und Studiengänge schließen. Dabei sind international viel höhere Studienanfänger-Quoten üblich.


Berlin - Monatelang haben die Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes mit Zahlen jongliert, Neuzugänge und Abbrecherquoten in Tabellen einsortiert, Geschlechterstatistiken aufgestellt. Das Ergebnis ist nicht gerade ein Einser-Zeugnis für die deutsche Bildungspolitik. Exakt 1.982.200 Studenten sind im laufenden Wintersemester eingeschrieben, ein Prozent mehr als im Vorjahr. Doch die Zahl der Studienanfänger ist erneut gesunken.

Erstsemester (an der TU Berlin): Dürfen es auch etwas mehr sein?
DPA

Erstsemester (an der TU Berlin): Dürfen es auch etwas mehr sein?

Knapp 352.000 Abiturienten haben sich neu eingeschrieben. Diese Zahl liegt deutlich unter den Erwartungen: Ende September hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) einen mathematischen Blick in die Zukunft der Studienanfänger, Studenten und Hochschulabsolventen bis 2020 gewagt. Der KMK-Prognose zufolge sollte die Zahl der Studienanfänger im Wintersemester zwischen 374.100 und 414.100 liegen. Für die nächsten Jahre rechnen die Kultusminister sogar mit einem regelrechten Studenten-Ansturm. Die Erstsemesterzahlen sollen deutlich steigen, im Jahre 2014 rund 2,7 Millionen Studenten eingeschrieben sein, die Zahlen wegen des Geburtenrückgangs bis 2020 aber wieder deutlich fallen.

Johann Hahlen, Präsident des Statistischen Bundesamtes, hält die Prognose der Kultusministerkonferenz zu den Studenten- und Erstsemesterzahlen für "zu hoch - sie müsste noch mal neu justiert werden". Die Statistiker setzen sich allerdings vorwiegend mit demografischen Faktoren auseinander. Und die bestimmen die Studentenzahlen keineswegs allein. Hinzu kommen schwer einzuschätzende politische Entwicklungen wie die Finanzierung der Hochschulen oder die Angst vor Studiengebühren. Das macht solche Voraussagen zu einem schwierigen Geschäft.

Studienanfängerquote nicht erreicht

Die Hochschulen bangen darum, ob die Studenten hinreichende Studienbedigungen vorfinden. "Die Zahlen bleiben auf hohem Niveau, obwohl die Aufnahmefähigkeit der Hochschulen schon lange überschritten ist", kommentierte Burkhard Rauhut, der kommissarisch die Nachfolge von Peter Gaehtgens als Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) angetreten hat.

In den Hörsälen ist es eng, vielfach werden Seminar- oder Laborplätze verlost, Studieninteressenten müssen in einigen Fächern mehrere Semester auf einen Platz warten. Dabei ist das Ziel der Bildungspolitik noch lange nicht erreicht. Eine Studienanfängerquote von 40 Prozent eines Jahrgangs hat sich sowohl die neue als auch die alte Regierung als Zielmarke gesetzt. "Nach der OECD-Abgrenzung liegt Deutschland aber nur bei knapp 37 Prozent, also deutlich darunter", so Chef-Statistiket Hahlen.

In einem europäischen Ranking sehe die Marke von 37 Zählern "gar nicht so schön aus". Das liege jedoch daran, dass die Zahlen des OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) nicht vergleichbar seien. "Meine Frau ist Krankengymnastin", bemüht Hahlen ein plastisches Beispiel, "in Polen hätte sie für diesen Beruf keine Ausbildung gemacht, sondern studiert."

Gleichwohl fordern die Hochschulrektoren eine "Trendwende" und von Bund und Ländern eine "gemeinsame Kraftanstrengung", um die Studentenzahlen in Deutschland zu heben. Rauhut verweist auf den von der HRK vorgeschlagenen "Hochschulpakt 2020", der eine deutliche Aufstockung des Lehrpersonals, mehr Mittel für den Hochschulbau sowie bessere Angebote zum Teilzeitstudium vorsieht.

Studiengebühren wirken sich aus

Die Ursache für den Rückgang der Erstsemesterzahlen ortet Rauhut eindeutig in der unzureichenden Finanzierung der Hochschulen: "Wegen der Streichung von Studiengängen und der Vielzahl von Zulassungsbeschränkungen konnten nur 352.000 Studienanfänger aufgenommen werden", sagte er, "an einzelnen Hochschulen sind bis zu 71 Studiengänge zumeist aus finanziellen Gründen gestrichen worden."

Welche drastischen Auswirkungen die Einführung der Studiengebühren hatte, zeigen die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes ebenfalls deutlich: Die Zahl der Langzeitstudenten ab dem 15. Fachsemester ist demnach im Wintersemester 2004/2005 im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent gesunken. In Bundesländern, die in diesem Jahr entsprechende Gebührenregelungen eingeführt haben, sind die Werte besonders hoch: An der Spitze liegt Nordrhein-Westfalen (minus 43 Prozent), gefolgt von Hessen (-42 Prozent), Rheinland-Pfalz (-38 Prozent), Hamburg (-24 Prozent) und Thüringen (-21 Prozent).

Studienanfänger: Prognose der Kultusminister
Institut der deutschen Wirtschft Köln

Studienanfänger: Prognose der Kultusminister

Jochen Dahm, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren (ABS), sieht darin ein klares Signal: "Studiengebühren schrecken vom Studium ab. Wer etwas anderes behauptet, redet an den wissenschaftlichen Fakten vorbei." Aus dem Schwund von Langzeitstudenten lässt sich allerdings kaum ablesen, welche Auswirkungen die Einführung allgemeiner Studiengebühren auf die Studienbereitschaft bei Abiturienten haben wird - darüber kursieren derzeit völlig unterschiedliche Einschätzungen.

Auch über die Studentenzahlen in den verschiedenen Fächern hat das Statistische Bundesamt Buch geführt: Mit 32 Prozent der Studienanfänger liegen die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vorne, Mathematik und Naturwissenschaften wählten dagegen nur 18 Prozent. Informatik schneidet weiterhin nicht gut ab. Nach einem sprunghaften Anstieg in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre machen Abiturienten seit 2000 einen Bogen um das Fach, die Zahl der Studienanfänger ist abermals um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken.

Einen Zuwachs von fünf Prozent (seit 1994) verzeichnet das Statistische Bundesamt bei der Zahl der Mitarbeiter: 500.000 Beschäftigte arbeiten an Deutschlands Universitäten und Fachhochschulen. "Der Zuwachs ist allerdings auf die steigende Zahl von teilzeitbeschäftigten wissenschaftlichen Lehrkräften zurück zu führen", schränkt Hahlen ein. Ihre Zahl stieg um 33 Prozent, die der Vollzeitbeschäftigten sank um ein Prozent.

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