Selbstzweifel im Studium Ich bin doch nur ein Hochstapler

Eine 1,0 in Mathe? Glück gehabt! Jahrgangsbester in Germanistik? Zufall! Gerade Leistungsstarke mit wenig Selbstvertrauen zweifeln oft an sich. Wenn das krankhafte Züge annimmt, sprechen Psychologen vom Hochstapler-Syndrom. Was hilft?

Corbis

Mit der Zwischenprüfung ging es los, glaubt er, von da an habe er einen komischen Maßstab an sich selbst gehabt. Er war damals für Mathe, Philosophie und Literaturwissenschaft eingeschrieben. In der Prüfung lief es gut: In Philosophie bekam er eine 1,3, in Mathe sogar eine 1,0. Im Mittelhochdeutschen war er der Beste seines Jahrgangs. "Ich hatte einfach Glück", sagt Moritz, der eigentlich anders heißt, heute dazu.

Hatte er bis dahin in Seminaren gern diskutiert, zog er sich nach und nach zurück, aus Angst etwas Idiotisches zu sagen. Dabei hatte ein Professor ihn wegen seiner guten Leistungen für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen. "Ich hatte das Gefühl, einen Standard halten zu müssen, wenn ich nicht entlarvt werden will", sagt Moritz.

Ist doch alles bloß ein Irrtum

Impostor-Syndrom - zu deutsch Hochstapler-Syndrom - nennen Psychologen Moritz' Gefühlslage. Den Begriff haben die amerikanischen Psychologen Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes in den Siebzigerjahren eingeführt. Damit sind Menschen gemeint, die große Leistungen erbringen, aber an ihren Fähigkeiten zweifeln. Ihren Erfolg schieben sie externen Faktoren zu - zum Beispiel dem Zufall oder eben dem Glück, erklärt Birgit Spinath. Die Professorin unterrichtet Psychologie an der Universität Heidelberg und forscht zu dem Thema.

Clance und Imes hatten damals erfolgreiche, berufstätige Frauen befragt. Dabei fiel ihnen auf, dass viele der Befragten ihre Leistungen nicht für überdurchschnittlich gut hielten. Vielmehr glaubten viele, dass sie Hochstaplerinnen sind und Entscheider ihre Fähigkeiten überschätzen. Die Folge: Die von dem Phänomen Betroffenen standen immens unter Druck. Sie lebten ständig in der Angst aufzufliegen. Als Folge bemühen sich viele, noch bessere Leistungen zu erbringen. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung - und sind im schlimmsten Fall irgendwann ängstlich und depressiv.

Auch wenn es keine Zahlen über den Verbreitungsgrad an der Universität gibt: "Gerade bei Studierenden tritt das Phänomen häufig auf", sagt Spinath. Der Beginn des Studiums sei für viele mit einer großen Unsicherheit verbunden. Die Kommilitonen sind neu - vielen ist nicht klar, wo sie sich mit ihren Fähigkeiten einordnen sollen, gerade die Leistungsstarken mit einem geringen Selbstwertgefühl beginnen oft zu zweifeln.

Bei einer starken Ausprägung des Hochstapler-Syndroms können die Folgen verheerend sein: "Das kann ähnlich belastend werden wie eine psychische Erkrankung wie eine Angststörung oder Burn-out", sagt die Diplom-Pädagogin Monika Klinkhammer. Im schlimmsten Fall prägt das Hochstapler-Syndrom das ganze Leben, manch ein Betroffener ist irgendwann sogar suizidgefährdet.

Was sind normale Selbstzweifel?

Student Moritz steigerte die Ansprüche an sich selbst ins Unermessliche. "Ich hatte ständig diesen inneren Zensor im Kopf, der sagt 'Das ist nicht gut genug'", erzählt er. Er fing Hausarbeiten an, sprach Gliederung und Fragestellung mit dem Prof ab, recherchierte, schrieb, gab am Ende die Arbeiten aber nie ab.

Doch was sind noch normale Selbstzweifel, und ab wann redet man vom Hochstapler-Syndrom? Kritisch wird es immer dann, wenn Studenten ihre Leistung systematisch unterschätzen und sich gleichzeitig unverhältnismäßig große Sorgen machen, etwa in Prüfungen nicht zu genügen, sagt Pädagogin Klinkhammer. Wichtig sei zunächst, das eigene, verkehrte Denkmuster zu erkennen und zu hinterfragen. Studenten könnten überlegen: "Wie wahrscheinlich ist es, dass es Glück war, wenn ich mehrere Erfolge hatte?", rät Professorin Spinath.

Gleichzeitig sollten sich Betroffene Rückmeldung von guten Freunden einholen. "Häufig haben die sich auch schon einmal als Hochstapler gefühlt", sagt Klinkhammer. Wichtig sei zu sehen, dass auch andere in neue Rollen - etwa die als Elite-Student - erst einmal hineinwachsen müssen. Bis zu einem bestimmten Grad sei es völlig normal, eine Rolle zu spielen und wirklich übergangsweise etwas hochzustapeln.

Hilfreich für Betroffene ist auch, ein Erfolgstagebuch zu führen, rät Klinkhammer. Dabei notieren Studenten regelmäßig, wenn sie eine positive Rückmeldung bekommen und eine besondere Leistung erbracht haben. Sind die Zweifel wieder einmal übermächtig, hilft ihnen ein Blick in das Tagebuch. Kommen Studenten aus den negativen Gedanken gar nicht mehr heraus, sollten sie sich fachliche Hilfe holen, etwa bei der psychologischen Beratungsstelle der Universität.

So hat es auch Moritz gemacht. Als er die x-te Hausarbeit nicht abgab, nahmen ihn Freunde zur Seite. Sie redeten auf ihn ein, eine Therapie zu machen. "Fühlen Sie sich manchmal als Hochstapler?", hatte ihn seine Therapeutin gefragt. Er ist froh, dass er für sein Problem nun ein Wort hat, dass er weiß: Ich bin damit nicht allein.

Auch heute zweifelt er immer wieder, wenn er über einer Hausarbeit brütet. Anders als früher ist sein Studium aber nicht mehr so stark an sein Selbstwertgefühl gekoppelt. "Philosophie war für mich kein Studium, sondern ein Teil meiner Persönlichkeit", sagt er. Versagte er da, war er auch als Mensch nichts wert, das dachte er damals. Jetzt geht es ihm nur noch darum, den Abschluss zu bekommen. Bis zum Ende des Jahres will er es schaffen.

  • Eric Lichtenscheidt
    Der Mitbewohner hält sich für unwiderstehlich? Die Mitbewohnerin hat zu lauten Sex und ist dein Nutella weg? Eklige Haare im ganzen Badezimmer? Wenn die WG zum zwischenmenschlichen Krisengebiet wird, hat Ludger Büter immer einen ziemlich guten Rat. mehr...

Kristin Kruthaup/dpa/fln



insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
albert schulz 14.07.2014
1. Leistung ?
Zitat von sysopCorbisEine 1,0 in Mathe? Glück gehabt! Jahrgangsbester in Germanistik? Zufall! Gerade Leistungsstarke mit wenig Selbstvertrauen zweifeln oft an sich. Wenn das krankhafte Züge annimmt, sprechen Psychologen vom Hochstapler-Syndrom. Was hilft? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/hochstapler-syndrom-wenn-selbstzweifel-im-studium-krank-machen-a-979648.html
Sie zweifeln nicht an sich, sondern an dem Ideal der guten Noten, dem sie verfallen sind, während Andere Fußball spielen, ficken und saufen. Es sind arme Menschen, weil sie sich an der Note festkrallen, wie ein tödlich Verliebter an der hübschen Larve einer unsagbar dämlichen Frau. Zumeist sind sie im Beruf auch nicht gerade erfolgreich, leistungsstark sind sie sicher nicht, sondern bestenfalls fleißig und mit einem Gedächtnis gesegnet, dem es egal ist, welchen Unfug es sich merken soll. Ich saß mal mit ein paar dieser Hochleistungsdepressiven in der Mensa, einer hatte nur eine zwei anstatt einer eins bekommen. Daraufhin wollte ich ihn aufmuntern, und habe ihm erklärt, daß die vier das Optimum überhaupt darstellt. Man müßte die blöde Prüfung (einschl. der wochenlangen Büffelei) nicht wiederholen und hätte es geschafft, ohne sich übernommen zu haben, hätte also exakt den Aufwand getrieben, der für das Ergebnis gereicht hat. Die Jungs an dem Tisch waren absolut fassungslos, vollkommen irritiert, ihrem gesamten Wertekanon drohte die Vernichtung. Ich hoffe nur, daß sie sich mit Hilfe einer Psychiatertruppe wieder eingefangen haben, um weiterhin gute Noten zu schreiben und ein nützliches und völlig sinnloses Leben zu fristen. Wir saßen übrigens nie wieder gemeinsam an einem Tisch.
hemithea 14.07.2014
2.
Zitat von albert schulzSie zweifeln nicht an sich, sondern an dem Ideal der guten Noten, dem sie verfallen sind, während Andere Fußball spielen, ficken und saufen. Es sind arme Menschen, weil sie sich an der Note festkrallen, wie ein tödlich Verliebter an der hübschen Larve einer unsagbar dämlichen Frau. Zumeist sind sie im Beruf auch nicht gerade erfolgreich, leistungsstark sind sie sicher nicht, sondern bestenfalls fleißig und mit einem Gedächtnis gesegnet, dem es egal ist, welchen Unfug es sich merken soll. Ich saß mal mit ein paar dieser Hochleistungsdepressiven in der Mensa, einer hatte nur eine zwei anstatt einer eins bekommen. Daraufhin wollte ich ihn aufmuntern, und habe ihm erklärt, daß die vier das Optimum überhaupt darstellt. Man müßte die blöde Prüfung (einschl. der wochenlangen Büffelei) nicht wiederholen und hätte es geschafft, ohne sich übernommen zu haben, hätte also exakt den Aufwand getrieben, der für das Ergebnis gereicht hat. Die Jungs an dem Tisch waren absolut fassungslos, vollkommen irritiert, ihrem gesamten Wertekanon drohte die Vernichtung. Ich hoffe nur, daß sie sich mit Hilfe einer Psychiatertruppe wieder eingefangen haben, um weiterhin gute Noten zu schreiben und ein nützliches und völlig sinnloses Leben zu fristen. Wir saßen übrigens nie wieder gemeinsam an einem Tisch.
Ich glaube, dass das bloß die Existenz- und Zukunftangst ist. Ich habe 2010 angefangen zu studieren, Chemie, da hatten wir recht wenige solche Leute. Diejenigen, die dann die guten Noten schrieben - einschließlich mich - hatten bloß Zeitprobleme und Zeitdruck. Richtige Pauker waren wir nicht. Durch einie schwere Krankheit, die auf eine Schwangerschaft folgte, war ich fast 2 Jahre raus und musste dementsprechend in den "Jahrgang", der 2012 angefangen hat. Da haben wir sehr viele Pauker, so wie ich das teilweise noch aus der Schule kannte: sie lernen einfach für die Noten, nicht für das Wissen. Lieblingsfrage - wie in der Schule : "Kommt das in der Klausur ran?" "Wir" haben einfach Angst, dass man mit mittelmäßigen Noten keine Chance mehr hat. Bei uns - im Bachelor- zählt jede beschissene Note, da funktioniert es nicht mit "4 gewinnt". Da wird jeder Pipikram einbezogen. Wie ALL (allg. Chemie): 4 - Wochen - Pflichtkurs mit je 1 VL pro Woche anschließend eine Prüfung, die eig. für nichts gut ist. Davon hing und hängt keine Praktikums- oder Folgemodulzulassung ab usw. Aber ist Pflicht. Und trotzdem wird die Note am Ende auf dem Bachelorzeugnis stehen. Gut, für Master brauchen wir noch kein NC. Dafür sind zu viele Plätze für wenige Studenten da. Aber heute schaut man ja nicht mehr auf die tatsächlichen Qualität der Bewerber, sondern auf Noten. Dass man eventuell nebenbei andere wichtige Nicht-Pflichtkurse belegt hat interessiert doch keinen. Oder dass die ein 4.0 total unwichtig ist oder in einem Fach ist, welches man nach der Uni nie wieder machen wird, ist dabei doch egal! Hauptsache Noten, Noten, Noten!
vonwoderwestwindweht 14.07.2014
3. ***
Und schwuppsdiwupps hat man wieder eine neue "Krankheit" erfunden, die unbedingt "therapiert" werden muss, damit Mensch endlich so durchschnittlich wird wie alle und eine normale menschliche Empfindung ihm endlich abgewöhnt wird. Schon mal darüber nachgedacht, dass solche Reaktionen wie im Artikel beschrieben auch einen Sinn machen? Ich persönlich tendiere inzwischen dazu, diejenigen Leute (insbesondere Journalisten) für krank zu halten, die jede Abweichung von der Norm wegtherapieren wollen, damit man endlich auch so eine total unauffällige, angepasste Funktions-Maus wird.
ohminus 14.07.2014
4.
Zitat von vonwoderwestwindwehtUnd schwuppsdiwupps hat man wieder eine neue "Krankheit" erfunden, die unbedingt "therapiert" werden muss, damit Mensch endlich so durchschnittlich wird wie alle und eine normale menschliche Empfindung ihm endlich abgewöhnt wird. Schon mal darüber nachgedacht, dass solche Reaktionen wie im Artikel beschrieben auch einen Sinn machen? Ich persönlich tendiere inzwischen dazu, diejenigen Leute (insbesondere Journalisten) für krank zu halten, die jede Abweichung von der Norm wegtherapieren wollen, damit man endlich auch so eine total unauffällige, angepasste Funktions-Maus wird.
Schon mal darüber nachgedacht, dass Menschen darunter leiden? Aber nein, solange es einem selbst gut geht, kann man auch anderen Leuten einreden, dass es vollkommen normal ist, dass sie sich besch.... fühlen und dass sie um Himmels willen nichts daran ändern sollten. Aber vermutlich macht es einen Sinn für Sie, sich am Leid anderer Leute aufzugeilen.
vonwoderwestwindweht 14.07.2014
5. ***
Zitat von ohminusSchon mal darüber nachgedacht, dass Menschen darunter leiden? Aber nein, solange es einem selbst gut geht, kann man auch anderen Leuten einreden, dass es vollkommen normal ist, dass sie sich besch.... fühlen und dass sie um Himmels willen nichts daran ändern sollten. Aber vermutlich macht es einen Sinn für Sie, sich am Leid anderer Leute aufzugeilen.
Ich habe nicht gesagt, dass sie nichts daran ändern sollen, wenn sie leiden. Ich halte es jedoch für gefährlichen Zeitgeist-Trash, Leuten inzwischen bei jeder Lebenslage, die von der Norm abweicht, einzureden, das sei krank und könnte mittels eines Therapeuten wieder zurechtgerückt werden. Zum einen macht man den Leuten damit oft genug was vor, weil Therapeuten anders als in der Eigenwerbung viele Probleme gar nicht therapieren KÖNNEN. Und zweitens begeben sich Menschen mehr und mehr in eine psychische Abhängigkeit von außen und verlernen das Vertrauen in ihre eigene Kraft bzw. das Gefühl dafür, was ihnen gut tut und welche Rahmenbedingungen für sie die besten sind. Wer sich soweit von seinen Instinkten entfernt hat, dass er dafür jemand Fremdes braucht, der ihn gar nicht kennt und ihm sagt, was ihm gut tut und was nicht, der hat sich schon verdammt weit von sich selbst entfernt. Wer meint, dass ein Therapeut für jede Lebenslage die richtige Anlaufstelle ist - bitte sehr. Aber dann bitte nicht auf Kosten der Krankenkassen (es sei denn, es handelt sich um ECHTE Krankheiten). Ich bin von Geburt an zu 50 % schwerbehindert. Mich stört der Normdruck, das jede Abweichung für krank erklärt wird und noch mehr nervt mich, dass ausgerechnet er SPIEGEL, der mal für Toleranz und Vielfalt usw. stand, immer unreflektierter jede Abweichung von der Norm für defizitär erklärt anstatt Leute in ihrem So-Sein anzunehmen. Und je größer der Normdruck ist, desto größer der Druck auf Menschen, etwas darstellen zu müssen, was sie nicht sind. Gerade das ist ja das Problem der Hochstapler, um die es hier in dem Artikel geht. Das ist ja schon etwas bizarr, dass in diesem Artikel und vielen anderen ständig das Normal-Sein zum obersten Ziel erklärt wird - gleichzeitig dann aber die Folgen, die so ein Normdruck auslöst (etwa Hochstapelei - kann aber auch anderes sein) wiederum wegtherapieren möchte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.