Hungerstreik in Harvard Elite-Studenten fasten für die Wachmänner

Sie sorgen für Sicherheit auf dem Nobel-Campus, doch finanzielle Sicherheit bleibt ihnen verwehrt: An der reichsten Universität der Welt bekommen die Wachleute nur einen Hungerlohn. Nun protestieren die Harvard-Studenten für sie - mit einem Hungerstreik.

Von Franziska Badenschier, Cambridge


Das "letzte Mahl" war alles andere als eine himmlische Speise: Schlabberige Bagels mit Eiersalat, Burritos mit Bohnen und Truthahn-Sandwiches gab es für die elf Harvard-Studenten, bevor sie in den Hungerstreik zogen. In den nächsten Tagen bekommen sie nur noch Wasser, Tee und Saft. "Wir werden so lange nichts mehr essen, bis die Universitätsleitung uns zuhört", sagt Politikstudent Michael.

"Mister President, Herr Bok, geben Sie Ihren Arbeitern etwas zu Essen, geben Sie Ihren Studenten etwas zu essen", rufen die Studenten, als Derek Bok, bis zum Amtsantritt der ersten Harvard-Präsidentin im August Interims-Leiter der Universität, an der Gruppe vorbei läuft. Bok schweigt und geht weiter - Tag eins des Hungerstreiks.

Mindestens neun Tage wollen Michael, Kyle, Matthew und Co. ohne Essen auskommen. Der Hungerstreik könnte aber auch länger dauern. Die Essensverweigerer wollen so lange wie möglich zu ihren Kursen gehen. Ein Arzt hat das Okay gegeben.

Gleiches Gehaltsniveau - unter dem Existenzminimum

Bereits vor einer Woche haben die Mitglieder der Studenten-Kampagne "Stand for Security" einen Tag lang nichts gegessen, um sich für Harvards Sicherheitskräfte einzusetzen. "Frag mich, warum ich faste", stand auf den eigens für diesen Protesttag gedruckten T-Shirts. Andere Studenten hielten leere Pappteller oder Plakate mit der Aufschrift "Sicherheit beginnt mit Gerechtigkeit" in die Höhe.

Die Wachmänner bekommen nach Angaben der Studenten 12,67 Dollar pro Stunde - keine zehn Euro. "Das ist nicht genug, um in Boston zu überleben", sagt Javier, der gemeinsam mit seinen Kommilitonen protestiert. Immerhin sei Boston eine der teuersten Städte der USA, wenn nicht sogar die teuerste. In einem Brief an Derek Bok forderten die Studenten, dass die Universität fünf Standards in allen Arbeitsverträgen garantieren soll: faire Gehälter, feste Vollzeitjobs, einen sicheren und sauberen Arbeitsplatz, gerechte Dienstanweisungen sowie das Recht, sich zu organisieren.

Allerdings ist das nicht so einfach: Die Sicherheitsleute sind nicht direkt bei der Universität angestellt, sondern bei Allied Barton, einem der größten Sicherheitspersonal-Unternehmen in den USA. Man befinde sich gerade in Verhandlungen mit der vor kurzem gegründeten Wachpersonal-Gewerkschaft, sagt Firmensprecher Larry Rubin. Dabei gehe es um das "ganze Paket" mit Gehältern und Unterstützungen, etwa für eine Krankenversicherung. Betroffen seien rund 250 Security Guards, die auf dem Harvard-Gelände für Sicherheit sorgen.

Die Universität sieht sich nicht zuständig

"Die Verhandlungen sind Allied Bartons Sache, nicht die der Harvard University", sagte Uni-Sprecher Jim Wrinn SPIEGEL ONLINE. Dabei hat die Universität einen Vertrag mit der Wachmann-Gesellschaft - und weist gern auf den mittlerweile hinzugefügten Gehaltsgleichheitsgrundsatz hin: Menschen, die für die Universität arbeiten, aber nicht bei der Hochschule selbst angestellt sind, sollen genauso viel verdienen wie Uni-Angestellte.

In diesem Fall betrifft dies laut Wrinn zum Beispiel die Wärter in den Harvard-eigenen Museen. Wie viel die Sicherheitsleute von Allied Barton verdienen und ob das Unternehmen der Verpflichtung nachkommt, weiß Wrinn nach eigenen Angaben nicht.

Eine Gewerkschaft aus Harvard-internen Wachleuten habe vor wenigen Jahren mit der Universitätsleitung einen Stundenlohn von rund 13 bis 14 Dollar ausgehandelt, sagt Austin Guest von "Stand for Security". Doch selbst die würden nicht gezahlt - mit Verweis darauf, dass es bei Allied Barton ja auch billiger gehe.

Dabei ist Harvard die wohl reichste Universität der Welt. Trotzdem wurde um die Jahrtausendwende alles outgesourct, was auszulagern ging. Manche Putzfrauen, Küchenkräfte und anderes Personal bekam daraufhin nicht einmal zehn Dollar je Arbeitsstunde.

"Sie sollen arbeiten, nicht reden"

Schon 2001 hielten deshalb Dutzende Harvard-Studenten das Verwaltungsgebäude besetzt und schlugen Zelte auf dem Campus auf. Mit ihrer "Living Wage"-Kampagne setzten die sonst gern als Eliteschnösel geschmähten Studenten ihre Universität gehörig unter Druck und bekamen viel Unterstützung aus den Reihen der Gewerkschaften und der Politik. Nach drei Wochen machte die Hochschule Zugeständnisse, die Studenten zogen sich zurück. Prompt machte das Beispiel Schule, auch in Stanford rebellierten Studenten gegen soziale Missstände an der eigenen Uni.

Jetzt kämpfen die Harvard-Studenten für ihre Beschützer, 12.000 Menschen haben die Petition schon unterschrieben."Wir sind die ersten in den Gebäuden. Solange unsere Jobs nicht gesichert sind, können wir die Universität nicht wirksam schützen", zitiert die Tageszeitung "Boston now" einen Wachmann. Er fordert - wie seine Kollegen und die anwesenden Studenten - mehr Gehalt und Sicherheit für seine Arbeit. Seit dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton vor acht Jahren und seit 9/11 sei die Lage auf dem Campus angespannt. Das Massaker an der Virginia Tech vor gut zwei Wochen mache die Situation nicht besser.

Aber über die Schießerei, bei dem der Amokläufer Cho Seung Hui 32 Menschen erschoss, zahlreiche weitere schwer verwundete und sich schließlich selbst richtete, dürfen die Wachleute in Harvard nicht sprechen. "Sie sollen arbeiten, nicht reden", lautet die knappe Begründung des Allied-Barton-Pressesprechers.

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