Bundesländervergleich zur Inklusion Lehramtsstudenten lernen zu wenig über Umgang mit Behinderten

Lehrer sollen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichten, Deutschland hat sich zu Inklusion an Schulen verpflichtet. Doch angehende Pädagogen werden kaum darauf vorbereitet, wie ein Vergleich der Bundesländer zeigt.

Inklusion an einem Gymnasium in Karlsruhe: Nicht jede Universität bereitet künftige Lehrer gut auf die Aufgabe vor
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Inklusion an einem Gymnasium in Karlsruhe: Nicht jede Universität bereitet künftige Lehrer gut auf die Aufgabe vor

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Sollte es im Musikunterricht einen Unterschied machen, ob ein Kind behindert ist oder nicht? Sollte es nicht, findet die Musikhochschule Lübeck - und bildet angehende Musiklehrer so aus, dass sie Klassen unterrichten können, in denen auch behinderte Kinder sitzen.

Vor einigen Tagen startete die Hochschule mit einer Schwerpunktveranstaltung, in der Lehramtsstudenten sich in Workshops über Themen wie Tanzen bei Hörschädigung informieren konnten. Ähnliche Seminare sind künftig im Curriculum eingeplant. Die Hochschule ist stolz darauf, die erste ihrer Art zu sein, die Lehrer systematisch auf Inklusion vorbereitet - also auf den gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Handicap.

Wie weit die Lehrerausbildung davon vielerorts allerdings noch entfernt ist, zeigt der neue "Monitor Lehrerbildung", der SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt. Erstellt wurde der Überblick von der Bertelsmann-Stiftung, dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), der Telekom-Stiftung und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Sie haben Auskünfte der Hochschulen und der Länder zusammengetragen.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Lediglich sechs Bundesländer (siehe Karte) sehen Pflichtveranstaltungen zur Inklusion für alle künftigen Lehrerinnen und Lehrer im Studium vor.
  • In Thüringen sind diese Veranstaltungen nur für Studenten bestimmter Lehramtsstudiengänge verpflichtend.
  • Pflichtveranstaltungen für einige Lehramtsstudiengänge planen zudem Baden-Württemberg und das Saarland, in Berlin sollen künftig alle Lehramtsstudenten in ihrem Studium Seminare zur Inklusion besuchen müssen.
  • Viele andere Länder konnten keine oder nur unklare Angaben machen.

Der Befund überrascht insofern, als sich die Kultusminister der Länder bereits vor mehr als drei Jahren darauf verständigt hatten, dass Inklusion in der Ausbildung aller Lehrer eine Rolle spielen sollte. "Die Länder gewährleisten, dass sich Lehrkräfte aller Schulformen in Aus-, Fort-und Weiterbildungen auf einen inklusiven Unterricht vorbereiten", heißt es in dem Beschluss vom Oktober 2011. Die Bundesrepublik Deutschland hatte sich 2009 in der Uno-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, mehr Kindern mit Beeinträchtigung den Besuch einer Regelschule zu gewähren und auch die Lehrkräfte besser für diese Aufgabe auszubilden. Viele Pädagogen klagen jedoch darüber, dass sie sich von der Inklusion überfordert fühlen.

So verschieden die Vorgaben der Länder, so zögerlich bereiten auch die Hochschulen künftige Lehrer auf den gemeinsamen Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder vor. Nur 15 der 60 Hochschulen, die zu dieser Frage Angaben machten, bieten bereits Seminare und Kurse zur Inklusion an, die für Studenten aller Lehrämter verpflichtend sind. Neun Hochschulen planen dies immerhin. Insgesamt sind damit bislang nur an der Hälfte aller befragten Hochschulen Inklusionsveranstaltungen im Studium vorgesehen. Noch exotischer sind verbindliche Praktika, bei denen nicht nur Grund- und Sonderschullehrer, sondern auch angehende Gymnasiallehrer Erfahrungen mit behinderten Kindern machen können.

Dabei gibt es Hinweise darauf, dass der Erfolg von Inklusion nicht nur von Geld und Kapazitäten in den Schulen abhängt - sondern auch davon, wie gut das Studium künftige Lehrer darauf vorbereitet. Die Erziehungswissenschaftlerin Irene Demmer-Dieckmann hat Lehramtsstudenten vor und nach einem Inklusionsseminar an der TU Berlin befragt. Die Veranstaltung war für die Studenten verpflichtend - und führte offenbar dazu, dass sie eine deutlich wohlwollendere Einstellung der Inklusion gegenüber entwickelten.

Zu Beginn des Seminars waren noch 47 Prozent der Studenten der Meinung, ein Schüler mit Behinderung würde auf einer Sonderschule am besten gefördert. Am Ende des Semesters hatte sich das Bild gedreht: 88 Prozent waren nun der Auffassung, dass Sonderschulen nicht die beste Möglichkeit sind, um behinderte Schüler zu fördern. Vor dem Seminar konnten sich 51 Prozent der Lehramtsstudenten vorstellen, an einer Schule zu arbeiten, an der Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden. Nach dem Seminar waren es 84 Prozent. (Hier finden Sie Demmer-Dieckmanns Studentenbefragung von 2007)

Die Uni hatte einigen künftigen Lehrern offenbar die Augen geöffnet für das, was möglich ist. "Vor dem Seminar wusste ich nicht, dass behinderte und nicht behinderte Kinder überhaupt gemeinsam unterrichtet werden können", hatte eine Studentin der Erziehungswissenschaftlerin erklärt. "Ich kannte nur Sonderschulen und Werkstätten für Behinderte. Ich dachte, das ist alles gut und richtig so."

Die Herausgeber des "Monitors Lehrerbildung" fordern daher nun, dass Thema Inklusion im Lehramtsstudium auszubauen. "Die gesamte Lehrerbildung muss auf die Erfordernisse inklusiver Schulpraxis hin neu gestaltet und strukturiert werden", sagt Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Telekom-Stiftung.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wies die Deutschlandkarte statt Thüringen Sachsen-Anhalt als Bundesland aus, in dem es in einigen Lehramtsstudiengängen Pflichtveranstaltungen zur Inklusion gibt. Wir haben den Fehler korrigiert.

mit Material von dpa

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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
indy555 14.04.2015
1. Nicht nur Lehramtsstudenten...
Auch Ärzte im Praktikum erlernen kaum bis gar nicht den sensiblen Umgang mit Patienten.
janjibe 14.04.2015
2. und was ist
mit den jetzigen Lehrern? Werden die nachgeschult? Grundsätzlich finde ich den Gedanken der Inklusion sehr gut. Allerdings bringt es meines Erachtens lernschwache Kinder nicht weiter. Eine Lehrerin, die ca. bis zu 25 Kinder in der Klasse betreuen muss, kann sich nicht in dem Maße um die Kinder kümmern, wie in der Förderschule (es geht nicht um körperlich eingeschränkte Kinder!). Das führt zu Agressionen bei diesen Kindern. In der ersten Klasse meiner Tochter gibt es ein absolut aggressives Kind, meine Tochter wurde bereits mehrfach getreten und als sie sagte, sie möchte das nicht, hat das andere Kind sie auch noch gewürgt!! Wie kann das sein? Schön, dass ich als Eltern es eventuell nicht wahrhaben möchte, das mein Kind spezielle Förderung benötigt und es in einer "normalen" Grundschule unterbringen möchte. Aber die Freiheit der Eltern hört m.E. auf, wenn andere Kinder massiven gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt sind. Die Schule sollte in solchen Fällen mehr Handhabe bekommen. Bei einem Anruf unsererseits bei der Mutter bekamen wir ein lapidares, dessinteressiertes: "Dann hoffen wir mal, dass es nicht wieder passiert." Herzlichen Dank auch!! In der Grundschulklasse eines Nachbarkindes gibt es einen Jungen der mit 6 noch nicht schulreif war, ein Jahr den Schulkindergarten besuchte und Ende der zweiten Klasse festgestellt wurde, dass er immer noch nicht lesen und schreiben kann und letztes Jahr wieder in die 1. Klasse zurückversetzt wurde!!! Ein 9jähriger unter 6jährigen! Wie soll das weitergehen, soll er noch mit 15 in der Grundschule verbringen??? Ich bin sprachlos... Inklusion schön und gut, aber jeder Fall sollte entsprechend geprüft werden...
keinereiner 14.04.2015
3.
"Lehramtsstudenten lernen zu wenig über Umgang mit Behinderten"? Lehramtsstudenten lernen zu wenig über Umgang mit Menschen! Ich bin Lehramtsstudent und bis zum Referendariat hat man kaum Umgang im Studium die nicht Mitstudenten sind ...
montecristo 14.04.2015
4. Gar Nichts
Gar nichts lernen die meisten Lehrämtler über die Arbeit mit behinderten Schülern. Das liegt auch daran, dass Lehrer eben KEINE Pädagogen sind, wie hier mal wieder zum x-ten Mal fälschlich behauptet! Tatsächlich bildet die Uni für die Uni/Forschung aus und nicht für die Schule. 95% der Uniinhalte sind später schlicht nicht relevant für den Beruf. Beispiele: Ich weiß nun wie das Berufsbildungssystem in Frankreich, Niederlande, Spanien etc aussieht. Hilft mir ungemein weiter... Im Seminar "Noten" wird besprochen OB es Sinnvoll ist Noten zu vergeben und nicht WIE. Als ob man eine Wahl hätte. usw. Dieser (für mich als Lehrer) Unsinn hilft mir überhaupt nichts für den Beruf. 4 1/2 Jahre wird man eigentlich nur älter. Verlorene Zeit. Es wird Zeit die Lehrerausbildung Praxisorientiert zu gestalten. Am besten von Personen, die auch mal in einer Schule gearbeitet haben. Die meisten haben noch nicht einmal mal vor einer Klasse gestanden. Und in Sachen Inklusion prophezeie ich eine Exklusion seitens der Mitschüler. Dies ist die Meinung der meisten Kollegen, aber hinter vorgehaltener Hand. Denn die Befürworter streiten umso vehementer für die Inklusion. Gegner werden da gerne mit der Nazikeule abgebügelt. Die Länder machen das nicht, weil die das generell für richtig halten, sondern weil teure Sonderschulen geschlossen werden können. Mehr Geld/Personal um eine Inklusion tragfähig zu machen wird es nämlich nicht geben.
Sonia 14.04.2015
5. Es ist ein Desaster
In der Kita gibt es 2 behinderte Kinder - eines 3 Jahre, eines 2 Jahre. Sie gehen völlig in der Masse unter. 1 x in der Woche kommt eine spezielle Erzieherin. Das bringt überhaupt nichts. Von den größeren Kindern werden die Kleinen total veralbert, rumgeschubst u. ihr nicht vorhandenes Sprechvermögen wird nachgeäfft wie "ba,ba ...doof bist du ....du kannst nur ba, ba ...". Da sie Windeln tragen ...erspare ich mir hier die Kommentierung. Erzieher sind völlig überfordert, es gibt aber mehr Geld für Integrationskitas. Kinder können brutal sein, das ist bekannt. Ich finde u. fand es immer unverantwortlich, die Förderkindereinrichtungen abzuschaffen. Dort war individuelle Förderung sehr er erfolgreich möglich. Positive Erfahrungen machen behinderte Kinder in der Ellbogengesellschaft nicht unter den anderen. Viel anders läuft das, wie ich von Lehrern in der Familie höre, in den Schulen auch nicht ab. Leider sind es oft die Eltern der behinderten Kinder, die glauben, alle Probleme wären beseitigt, wenn ihr Kind so ganz unter den "normalen" aufwächst. Das ist ein gefährlicher Irrtum, ein unverantwortliches Experiment des Staates zu Lasten dieser Kinder, die nun einmal der wirklich besonderen Hilfe und Unterstützung bedürfen. Wie erfolgreich die individuelle Förderung in speziellen Einrichtungen war, ist bekannt. Es geht nur darum, Gelder einzusparen. Offensichtlich ist man der Meinung, die Schwächsten werden das schon hinnehmen. Und es ist so auch eingetroffen. Schon für ganz gesunde Kinder sind Kitas nur Aufbewahrungsanstalten. Da sollten mal Eltern Mäuschen spielen können. Die Kinder, die in die Schule kommen, sind immer ungebildeter, schlimm die Sprachentwicklung u. von Kinderärzten weiß ich, dass immer mehr zurückgestellt werden müssen. Und in dieses System, wo ein Erzieher oft 18 Kinder unterschiedlichen Alters betreut (außer teuere Privatkitas, da 1 Erzieher u. 6 Kinder), werden die Schwächsten, Hilfebedürftigsten abgelegt u. sich grundsätzlich selbst überlassen.
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