Interview mit einem Dauerstudenten Wie man 57 Semester an der Uni schafft

Alle reden über ausufernde Studienzeiten und Langzeitgebühren. Wulf Müller-Wildberg, 61, ist Experte: Der Gartenbau-Ingenieur und Mediziner mit Examen hat rekordverdächtige 57 Semester studiert. UniSPIEGEL ONLINE sprach mit dem Münchner Dauerstudenten über sein Leben an der Uni.


UniSPIEGEL ONLINE:

Herr Müller-Wildberg, welche Studiengänge haben Sie seit 1974 absolviert?

Wulf Müller-Wildberg: "Die Uni bietet mir eine Regelmäßigkeit"
Wulf Müller-Wildberg

Wulf Müller-Wildberg: "Die Uni bietet mir eine Regelmäßigkeit"

Wulf Müller-Wildberg: Damals hatte ich bereits eine Ausbildung als Gärtner hinter mir. Doch wegen "chronischer Leistungsschwäche" bekomme ich, seit ich 31 Jahre alt bin, eine Frührente. So konnte ich beginnen zu studieren. Das mit der Rente war mehr Glück als Verstand. Zuerst habe ich das Gartenbaudiplom an der FH München gemacht. Nach vier Semestern Anglistik und Germanistik auf Lehramt an der Uni München wechselte ich aber zur Medizin. Nach 14 Semestern an der Uni Gießen habe ich zwar Examen gemacht, aber nicht meine Approbation. Seitdem studiere ich ein wenig Psychologie, Philosophie und Portugiesisch in München.

UniSPIEGEL ONLINE: Macht bisher 57 Semester - war das immer einfach?

Müller-Wildberg: Nicht immer. Bei Anglistik auf Lehramt wurde gesagt, ich studiere das nur wegen der hübschen Mädels. Das stimmte aber nicht. Und in Medizin sollten in den siebziger Jahren plötzlich zehn Prozent aller Studenten "rausgeprüft" werden. Da haben sie die Prüfungen schwerer gemacht. Doch ich hab's geschafft, weil ich mich den Gegebenheiten an der Uni anpassen konnte. Auch meine Dissertation war bitter. Nach drei Jahren Beschäftigung an der Doktorarbeit in Medizin hat mein Doktorvater die Arbeit nicht anerkannt.

UniSPIEGEL ONLINE: Studenten brauchen meist fünf, sechs Jahre. Warum dauert es bei Ihnen länger?

Müller-Wildberg: Bis ich 20 Jahre alt war, hatte ich psychische Probleme. Das hatte natürlich Auswirkungen auf meine Persönlichkeit. Damals in den Fünfzigern dachte man, dass ich niemals studieren könnte. Zum Teil waren die anderen Studenten wohl auch motivierter und einige Prüfer kleinkariert und rechthaberisch.

UniSPIEGEL ONLINE: Immer die gleichen Professoren und das dürftige Mensaessen - wollten Sie nicht mal weg von der Uni?

Müller-Wildberg: Na ja, die Uni bietet mir eine Regelmäßigkeit, Gedankenaustausch und Kontakt. Außerdem habe ich mich immer wohl gefühlt. Auf Grund meiner Arbeitsunfähigkeit als Gärtner erhalte ich eine Frührente. Wenn ich jetzt als Arzt eine Stelle annehme und diese verliere, bin ich auch meine Rente los. Als Ausgleich flog ich in den letzten Jahren öfter nach Brasilien.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert, als Bayern 1999 Studiengebühren für Zweitstudien eingeführt hat?

Müller-Wildberg: 2000 Mark sollte ich pro Jahr zahlen. Da habe ich es dann gelassen. Denn ich finde Gebühren nicht gerechtfertigt, da spart man an der falschen Ecke. Ich war sowieso nur noch pro forma eingeschrieben und habe lediglich die Mensa und die Bibliothek genutzt. Das hätte nichts mehr gebracht für mich.

UniSPIEGEL ONLINE: Sie besuchen die Uni also gar nicht mehr regelmäßig?

Müller-Wildberg: Im Moment nicht. Weil ich viel reise. Ich studiere derzeit im Selbststudium. Nur in Philosophie ist es schwer. Da hilft ein Rahmen, den die Universität vorgibt, um auf neue Gedanken zu kommen. Deshalb würde mich Philosophie auf Magister schon reizen. Bei den Seminaren kann man gut diskutieren. In München müsste ich wahrscheinlich aber ein Fachaufbaustudium belegen, damit ich keine Gebühren zahlen muss.

UniSPIEGEL ONLINE: Wie finanzieren Sie sich den Luxus vom "Leben für die Bildung"?

Müller-Wildberg: Ich habe immer sehr spartanisch und bescheiden gelebt. Mit 36 Jahren wohnte ich noch auf 8 Quadratmeter im Studentenwohnheim. Später habe ich dann geerbt. Allerdings habe ich einen Teil davon bei Spekulationen an der Börse verloren. Das war sehr beschämend für mich.

Studiendauer nach Fächern
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Studiendauer nach Fächern

UniSPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, dass Sie jungen Bewerbern den Studienplatz wegnehmen?

Müller-Wildberg: Das hatte ich nie, weil immer genügend Leute Medizin studieren konnten. Der Staat tut einfach zu wenig für Behinderte. Ein Studienplatz und ein langes Studium fand ich nur fair. Des weiteren habe ich noch nicht mal alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Für Medizin bin ich extra nach Gießen gewechselt. Hätte ich meinen Schwerbehindertenausweis eingereicht, hätte ich auch in München bleiben können.

UniSPIEGEL ONLINE: Mal ehrlich: Ist es Ihnen nicht peinlich, an der Schwimmbad- oder Museumskasse den Studentenausweis rauszukramen?

Müller-Wildberg: Das empfinde ich eher als normal. Ich kenne sogar einen Studenten, der noch fünf Jahre älter ist als ich.

UniSPIEGEL ONLINE: Sie müssen es wissen: Was geben Sie den Studenten heute mit auf dem Weg?

Müller-Wildberg: Bildung ist ein hoher Wert. Das müssen viele noch begreifen. Dieses Fachidiotentum und schnelle Durchziehen des Studiums finde ich schade. Das Studium ist eine Chance. Da kann man sich auch mal für andere Fächer interessieren. Zum Beispiel Literatur. Selber schreiben fördert die Kreativität. Die wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen.

Das Interview führte Christian Fuchs



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.