Interview mit Freerk Huisken "Jede Universität ist eine Eliteuniversität"

Deutschland braucht Elitehochschulen, sagt die SPD. Passt ausgezeichnet in das große Reformprogramm der Bundesregierung, sagt Freerk Huisken. Der Bremer Hochschullehrer meint das keineswegs als Lob, sondern warnt im Interview vor "Hochbegabtengefasel" und vor Anpassung an Industrie-Interessen.


Herzlichen Glückwunsch, Herr Professor Huisken, Ihre Bremer Universität scheint gerüstet zu sein für den Wettstreit, wer Deutschlands neue Eliteuni werden darf. So darf man Aussagen von Walter Dörhage, Abteilungsleiter Wissenschaft im Bildungsressort der Stadt, interpretieren.

Freerk Huisken:

Jede Universität ist eine Eliteuniversität! Das bezeichnet den uralten Anspruch jeder Universität: Sie hat den Nachwuchs für die nationale Führungselite zu produzieren, die es in einer kapitalistischen Gesellschaft braucht, damit die große Masse der "kleinen Leute" auch funktioniert. Was zurzeit unter "Eliteuniversität" kontrovers diskutiert wird, betrifft die Sortierung innerhalb des Personals für die zukünftige Elite. Die "Besten der Besten" sollen mit forcierter Lernkonkurrenz, die dann auch zwischen den Unis eingerichtet wird, herausfiltert werden. Wer erst darin die einst verpönte Elitebildung entdeckt, der hat den entscheidenden Skandal des Bildungswesens hinter sich gelassen: Dass nämlich die Bürger mehrheitlich per Bildungswesen vom Zugang zu wissenschaftlicher Ausbildung ausgeschlossen werden. Wer erst am Programm zur Bildung von Eliteuniversitäten die Verletzung eines demokratischen Gleichheitsgrundsatzes beklagt, der hat es abgehakt, dass die Masse der Bürger für ihren späteren staatlichen und privatwirtschaftlichen Dienst wenig wissen muss und deswegen auch nur wenig lernen soll.

Die deutschen Hochschulvertreter heben eifrig die Finger, um Ansprüche auf einen elitären Status zu reklamieren. Baden-Württembergs Rektoren erklärten gleich sieben Unis im Land für elitetauglich.

Huisken: Das ist überhaupt nichts Neues, sondern nur die Fortsetzung des nationalen Rankings zwischen den Hochschulen.

Was halten Sie von solchen Eliteeinrichtungen?

Huisken: Meine Kritik an der Universität, ihrem Auftrag, ihrer Lehre und Ausbildung beginnt nicht erst dort, wo auf die stattfindende Konkurrenz zwischen dem akademischen Nachwuchs noch eine weitere draufgesattelt wird. Was mit dieser Zusatzselektion geleistet werden soll, wird außerdem mitgeteilt: Ohne deutsches Harvard, Yale oder MIT wird Deutschland in Sachen nobelpreisverdächtiger Spitzentechnologie, Spitzenmanagement und Spitzenführungskräften gegen die Konkurrenz USA nicht bestehen. Deshalb darf es auch nicht verwundern, wenn in den Eliteunis das "große Geld" der Abnehmer von "Spitzenkräften und -leistungen" von Anfang an präsent ist und die Richtung in Lehre und Forschung ganz unmittelbar vorgibt. Offener kann man gar nicht mehr aussprechen, wozu Wissenschaften hier und heute eingesetzt werden sollen: Deutschlands Stärke als Kapitalstandort gilt die ganze Anstrengung der rotgrünen Regierung. Eine zynische Klarstellung darüber, was mit "Wissensgesellschaft" gemeint ist.

Gibt es in Deutschland eine neue Sehnsucht nach Eliten?

Huisken: Eine Elite hat jede bürgerliche Gesellschaft. Dabei handelt es sich um die mit Geld- und Staatsmacht ausgestattete führende Klasse. Das ist in einer Klassengesellschaft mit ihren Gegensätzen objektiv notwendig. Etwas anderes ist die ideologische Botschaft, die bei dem Begriff "Elite" mitschwingt: Die will dem Volk die Herrschaftsverhältnisse als Verhältnisse natürlicher Auslese "der Besten" vorstellig machen. Und die meisten bürgerlich-demokratischen Staaten wie Frankreich oder Großbritannien haben auch kein Problem damit, von ihren Eliten unbefangen zu reden. Das ist, beziehungsweise war, hierzulande etwas anders: Lange Zeit warf man deutschen Eliten vor, mindestens zweimal Deutschland in schwere Kriegs-Niederlagen geführt zu haben. Das ist aber längst vorbei. Jetzt redet gerade Kanzler Schröder ungeniert von "Führung", die Deutschland braucht, wenn es mit den Weltmächten mithalten will. Und zur "Führung" berufen sind "die Besten". Folglich braucht es wieder eine "Führungselite", die natürlich nicht über eine so genannte "gleichmacherische, nivellierende" Ausbildung ermittelt werden kann, sondern nur durch Elitebildung.

Ist nicht schon die Erhöhung der Studiengebühren eine Vorstufe zur Elitenbildung?

Huisken: Genau so verhält es sich. Weswegen die kommenden Studiengebühren und sonstigen Verschärfungen der Konkurrenz unter Studierenden und Unis eben weder ein Sachzwang aus Finanznot noch ein "Anschlag auf Deutschlands Zukunft" sind. Dies beklagen ja streikende Studenten, die sich ihr Deutschland immer noch als volks- und friedensfreundliche Heimat zurechtdenken. Nichts ist der Bildungspolitik selbstverständlicher, als die verschärfte Lernkonkurrenz zu ihrem logischen Ende voranzutreiben. Dazu gehört auch die Auswahl einer Elite. Durch diese Reform wird allerdings das ganze Hochbegabtengefasel widerlegt: Natürlich wird sich derjenige in Atomphysik oder Biogenetik gut auskennen, der 12 Stunden am Tag nur über seinen Bücher sitzen kann, weil er über die Finanzmittel dafür verfügt. Wenigstens wird er sich um einiges besser auskennen als der Kommilitone, der nachts Taxi fahren muss.

Was soll denn Ihrer Meinung nach eine Hochschule bieten - und wie weit ist der aktuelle Standard hierzulande von diesem Ideal entfernt?

Huisken: Dieses Problem mache ich mir nicht, da jeder "aktuelle Standard" an Kriterien Maß nimmt, die immer von der Funktion der Wissenschaft für Staats- und Geldmacht im Kapitalismus ausgehen. Da interessieren mich die Abweichungen vom "Standard" nach unten und oben wenig. Ich halte ich nichts von einer Ausbildung, die folgendes Leitmotiv verfolgt: In den Kopf der Studierenden darf nur hinein, was sie in Stand setzt, sich "der Industrie" für deren Geldvermehrungs-Zwecke als brauchbarer und dauerhaft flexibler Geist anzubieten.

Was für Fähigkeiten und Fertigkeiten muss denn heute jemand mitbringen, der an der Uni einen guten Abschluss machen will?

Huisken: Eine der wichtigsten "Fähigkeiten" besteht darin, über ein betuchtes Elternhaus zu verfügen, damit er nebenbei nicht jobben muss. Übrigens hängen genau so "Leistungselite" und "Herkunftselite" zusammen. Kanzler Schröder sagt zwar zutreffend: Es geht um "Elite durch Leistung, nicht durch Herkunft", vergisst aber hinzufügen, dass geldige Herkunft eine der besten Bedingungen fürs Bestehen in der Leistungskonkurrenz ist. Eine andere Fähigkeit hat er schon mit Ablegung der Reifeprüfung unter Beweis gestellt, die Anpassungsfähigkeit: 12 oder 13 Jahre hat er bereitwillig jeden Lernstoff, der ihm jeweils vorgesetzt worden ist und auch so, wie er ihm vorgesetzt worden ist, gefressen. Drittens muss er über das nötige Maß Skrupellosigkeit in der Konkurrenz gegen die Mitstudierenden verfügen. Und viertens muss er seinen Opportunismus nützen, um einen "guten Draht" zu "seinem Professor" herzustellen. Ehe ich es vergesse: Lesen, schreiben, rechnen können muss er auch.

Ausgerechnet konservative Politiker reagieren empört auf den SPD-Vorschlag. Der bayerische Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) sagt: "Wir brauchen keine Eliteinseln." Ist das nicht eigenartig?

Huisken: Wenn man sich den Inhalt der Empörung anschaut, dann ist das gar nicht mehr eigenartig. Die CDUCSUFPD sind die letzten, die etwas gegen deutsche Princeton-Unis haben. Deswegen klagt Goppel auch nur einen breiten Unterbau von normalen "Massenunis" ein, aus denen dann die "Inseln" herausragen sollen. Als ob die SPD was anderes vorhätte!? Aber man ist ja nicht umsonst Opposition in Berlin.

Wie endet dieser SPD-Wunsch nach Eliteunis? Als kurzzeitiges Medientheater oder mit einem wirklichen Ergebnis?

Nein, das ist kein Medientheater. Dafür reiht sich dieser Vorschlag viel zu gut ein in das ganze Reformprogramm der Regierung, nämlich alle Abteilungen der Gesellschaft - das soziale System nebst Gesundheitswesen ebenso wie das Bildungswesen oder die Bundeswehr - neu unter eine politische Zwecksetzung zu subsumieren, neu zu definieren und entsprechend zu "reformieren": Wie können sie einen noch besseren Beitrag zur technologischen, ökonomischen, politischen, militärischen Aufrüstung Deutschlands zu einer weltweit zwangsweise respektierten Großmacht leisten? Und damit ist es allen Parteien bitter ernst.

Das Interview führte Steffen Gerth, Jobpilot.de



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