Interview mit Günther Jauch "Bildung kann man nicht downloaden"

Ist Ringelnatz ein Pelztier? Googeln kann man alles - aber das ersetzt kein echtes Wissen, sagt Günther Jauch. Auf SPIEGEL ONLINE verrät der Moderator, wie faul er als Schüler war, warum er das Internet für eine Müllhalde hält und wie man in seiner Quizshow die Million abräumt.


Moderator Jauch: Kein Kulturpessimist
DPA

Moderator Jauch: Kein Kulturpessimist

SPIEGEL ONLINE: Herr Jauch, waren Sie ein guter Schüler?

Günther Jauch: Allenfalls mittelmäßig, am Ende ging ich mit einem ruhmlosen 3,1-Abitur vom Gymnasium. Ich wusste in der Schule genau, was mich interessiert und was nicht. Deutsch fand ich toll, politische Weltkunde auch und Biologie so einigermaßen, aber in vielen anderen Fächern bin ich knapp an der Leistungsverweigerung vorbeigeschrammt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal von Ihrer Faulheitstheorie gesprochen.

Jauch: Meine Strategie war, nur so viel zu lernen, dass es gerade so für die nächste Klausur und eine problemlose Versetzung reicht. Ich habe das Wissen funktionalisiert und versucht, mit möglichst geringem Aufwand durch die Schule zu kommen. Es war früh klar, dass aus mir kein Physiker werden würde oder ein Altphilologe. Ich wollte Journalist werden, und hätte das nicht geklappt, wäre ich vielleicht Kriminalpolizist oder Banker geworden.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten Banker werden?

Jauch: Wirtschaft fand ich spannend, und ich konnte mir durchaus vorstellen, in einer Bank zu arbeiten. Ich habe dann Jura studiert und Politik, die Uni allerdings bald wieder verlassen, nachdem mich die Münchner Journalistenschule aufgenommen hat. Da habe ich mich dann richtig wohlgefühlt. Der Praxisbezug war viel größer als an der Uni und der Unterricht sehr straff organisiert, fast wie in der Schule, nur, dass mich diesmal alles interessiert hat. Meine Faulheit konnte sich also nicht entfalten, ich war gewissermaßen zum Fleiß gezwungen, durch innere Motivation.

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SPIEGEL ONLINE: Ist das Ihr Karrieretipp für alle Unentschlossenen: Seid träge, die Lust kommt von selbst?

Jauch: Bloß nicht. Ich will meine eigene Bequemlichkeit von früher auch gar nicht im Nachhinein schönreden. Ich finde, dass spätestens nach dem Schulabschluss jeder so langsam in die Puschen kommen sollte. Ein erfülltes Leben geht nicht ohne Anstrengung, und ich behaupte von mir selbst, dass ich in den ersten 20 Jahren faul und in den letzten 30 ziemlich fleißig war. Meine zweite Lebenshälfte gefällt mir besser.

SPIEGEL ONLINE: Muss man viel wissen, um Erfolg zu haben?

Jauch: Sagen wir so: Wissen schadet nicht. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Bei "Wer wird Millionär" saß mir einmal eine Kandidatin gegenüber, die ich gefragt habe: Durch welches Verfahren schickte man im alten Athen seine Mitbürger in die Verbannung? Die vier Antworten waren Götterspeise, Henkersmahlzeit, Scherbengericht und Grillteller. Die Dame tendierte stark zum Grillteller. Sie bat das Publikum um Hilfe und kam dadurch im letzten Moment noch auf die richtige Antwort: Scherbengericht. Am Ende ging sie trotzdem mit einer Million Mark nach Hause, weil sie zum Teil schlau war, vor allem aber mutig, den richtigen Instinkt hatte und dazu viel Glück. Mit dieser Mischung kann man im Extremfall weit kommen, nicht nur in meiner Sendung.

SPIEGEL ONLINE: Ist das, was Sie die Kandidaten fragen, Teil der Allgemeinbildung?

Jauch: Nur zum Teil. Ich mache ja keine Bildungssendung, sondern Unterhaltung. Es ist eher zusammenhangloses Faktenwissen. Wenn Sie sich mit Populärthemen wie Sport, Musik, Film und Fernsehen halbwegs auskennen, kommen Sie am Anfang ganz gut weiter. Erst die schwierigen Fragen weiter hinten, wenn es auf die Million zugeht, würde ich eher der Allgemeinbildung zurechnen, dem klassischen Wissenskanon. Erstaunlich ist, dass manchmal sogar Experten verwirrt sind, wenn sie mit ihrem Spezialgebiet konfrontiert sind. Ich hatte eine Deutschlehrerin in meiner Sendung, die hielt Ringelnatz nicht für einen Schriftsteller, sondern für ein Pelztier.

SPIEGEL ONLINE: Im wirklichen Leben hätte man das schnell gegoogelt.

Jauch: Stimmt, man hätte die Antwort schnell gefunden, aber das Internet ist doch tückisch, wenn es um Wissen geht. Es verleitet zu der Fehleinschätzung, man müsse selbst nichts mehr wissen und demzufolge auch nichts mehr lernen. Steht ja alles im Computer. Das halte ich für zu simpel, denn das Netz ist doch eher eine informationelle Müllhalde und sehr chaotisch. Gegen dieses Informationschaos hilft nur Bildung, denn wenn ich das Wichtige vom Schrott trennen will, muss ich um grundlegende Zusammenhänge wissen. Bildung lässt sich nicht downloaden. Und ich habe auch ein generelles Problem mit Leuten, die stolz darauf sind, dass sie keine Zeitung lesen und sich nur noch online informieren - dabei sind doch Zeitungen notwendig, um an der Kultur und der Gesellschaft teilzuhaben. Allen Schülern und Studenten kann ich nur zurufen: Lest mehr Zeitung!

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine Forderung aus dem 20. Jahrhundert?

Jauch: Überhaupt nicht. Zeitungen treffen eine Auswahl aus den tausend Dingen, die jeden Tag geschehen, sie sortieren Nachrichten, ordnen sie ein, kommentieren und erzählen Geschichten in wundervollen Reportagen. Das gibt es natürlich auch zum Teil im Internet, aber wer dort dann nur die Bilderstrecke über "die gemeinsten Streiche der Evolution" anklickt, hat nur einen begrenzten Erkenntnisgewinn. Kein aktuelles Medium kann so gut Hintergründe anschaulich machen wie eine Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem geht die Zahl der Zeitungsleser zurück. Ist das ein Indiz dafür, dass wir vor der Informationsflut kapitulieren?

Jauch: Ich bin kein Kulturpessimist, früher war auch nicht alles besser. Es gibt Untersuchungen aus den Fünfzigern, die zeigen, dass deutsche Abiturienten schon damals in Mathematik absolute Nieten waren. Es wird nicht immer alles schlimmer. Heute macht die Pisa-Studie deutlich, dass unsere Schüler zwar nicht dümmer sind als früher, aber auch nicht notwendigerweise schlauer.

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SPIEGEL ONLINE: Was muss man heute unbedingt wissen und was nicht?

Jauch: Den Schwanitz auswendig zu lernen, bringt es nicht automatisch. Ich erkenne bei vielen Jüngeren Wissenslücken bei politischen, wirtschaftlichen und juristischen Fragen. Ich will aber hier keinen Kanon des Wissens aus dem Ärmel schütteln. Allgemein gilt: Wissen wird erst zu Bildung durch die Persönlichkeit eines Menschen. Bildung ist mit Lernen verbunden, das kostet Zeit und Nerven, aber wissen Sie was: Bildung kann einen sehr glücklich und gelassen machen!

Das Interview führte Christoph Scheuermann



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