Musik mit Weltschmerz Einfach mal traurig sein

Kann man Angst bekämpfen? Ja, meint André Boße: mit Gitarrenlärm und übel gelaunter Poesie. Bands wie Isolation Berlin oder Die Nerven machen es vor. Ihre Botschaft: Manchmal tut es gut, deprimiert zu sein.

Isolation Berlin
Noel Richter

Isolation Berlin


Im Berliner Zoo schleicht ein junger blasser Mann herum. Er interessiert sich nicht für die Löwen, lässt die lustigen Erdmännchen links liegen. Auch die Paviane mit ihren roten Hintern sind ihm egal. Den jungen Mann zieht es ins Schattenreich des Zoos, ins abgedunkelte Aquarium.

Langsam trottet er von Glaskasten zu Glaskasten, betrachtet mit heruntergezogenen Mundwinkeln das trübe Wasser und seine stillen Bewohner. Und dann singt er sein Lied: "

Immer wenn ich einsam bin, geh ich ins Aquarium und besuch die Goldfischkönigin / Im grünen Glas sehe ich mein Gesicht, die Fische schauen trostloser als ich."

Der traurige Kerl trägt den Namen Tobias Bamborschke und ist Sänger und Texter der Band "Isolation Berlin". Das Lied "Aquarium" ist schon ein wenig älter und war sofort sehr beliebt, weil Bamborschke und seine Band beim Publikum einen Nerv trafen. Alles scheint erhitzt zu sein in diesen Krisentagen: die sozialen Medien, die politische Stimmung, die ganze Gesellschaft. Da tut es gut, einfach mal traurig zu sein und zu den Fischen zu gehen, ins fahle Licht und in die kühle Stille des Aquariums.

"Es ist so schwer aufzustehen, wenn man einfach nicht mehr weiß, wofür. Und es ist so schwer, aus dem Haus zu gehen, wenn man weiß, kein Weg führt mehr zurück zu dir."

Nun erscheint das erste Album der Gruppe, es heißt "Und aus den Wolken tropft die Zeit". Auch auf den neuen Liedern klingt Tobias Bamborschke mal müde, mal genervt. Mal schmollt, mal quengelt er. Oft macht er alles zusammen. Wer gut gelaunte Nachbarn hat, die in ihren WGs gern laut feiern und es dann auch noch geil finden, nachts um halb vier Helene Fischers Hymne "Atemlos durch die Nacht" aufzulegen, sollte sich diese Platte zulegen: Die vertonte Tristesse von Liedern wie "Fahr weg" oder "Schlachtensee" ist der perfekte Gegensoundtrack für die nimmermüden Gute-Laune-Bären.

Nun könnte man denken, die Musik von Isolation Berlin sei nur etwas für ein paar introvertierte Schmolllippen aus der Hauptstadt. Doch weit gefehlt: Die Band steht vor dem Durchbruch, die Leute sind ganz heiß auf die trüben Tassen. Hinzu kommt, dass Isolation Berlin längst nicht die einzige Band ist, die deutschsprachige, mies gelaunte, aber brillant konzipierte Rockmusik spielt. Auch Gruppen wie "Die Wirklichkeit" aus Solingen, "Das eNde" aus Hamburg oder "Karies" aus Esslingen widmen sich ihrem Griesgram - einige verträumt, andere punkig krachend.

"Ich mach den Mund auf, zähl die Narben, meine Frisur stört mich unheimlich. Meine Haut juckt, die Veränderung lässt mich kalt. Die ganze Stadt ist ein Problem, das mich stört."

Die Nerven, aus "Dreck"

Spätestens seit vergangenem Jahr dürfte auch die Stuttgarter Band "Die Nerven" bundesweit bekannt sein, die mit ihrer ersten Single "Sommerzeit, Traurigkeit" die Richtung vorgab: immer schön in Richtung Depression. Zu den ätzenden Worten, die Die Nerven so auf Vinyl bannen, schellen die Gitarren in den Ohren, als würde man die Nervenstränge mit Schmirgelpapier behandeln. Sänger Julian Knoth klingt dabei wie ein total unmotivierter Student, der schlecht vorbereitet und verkatert am Freitagmorgen ein Referat halten soll: Dieser Stimme geht alles auf den Geist, aber sie muss da durch. Und manchmal, da schreit sie auch.

Klingt furchtbar? Nein! Klingt super. Auch Die Nerven sind ein fantastisches Gegengift zu der penetranten Art von deutschsprachiger Musik, die heute die Charts bestimmt. Ob Mainstreamhelden wie Andreas Bourani, Befindlichkeitstruppen wie "Glasperlenspiel" oder Sängerinnen wie Namika, die direkt aus einem Urlaubskatalog entsprungen sein könnten: Alle klingen so positiv und superemotional, als sei die Rettung der Erde nur eine enge Umarmung entfernt, als helfe der große Zeh im warmen Meer gegen jede Art von Weltschmerz.

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Die Nerven treffen die Stimmung derer, die das ganz anders sehen. "Keine Lösung, kein Problem", singt Julian Knoth im Lied "Hast du was gesagt?". Das ist ja gerade das perfide an dieser Zeit: dass man nicht weiß, wo die Probleme anfangen, ob sie überhaupt mal aufhören und wie sie entstehen. Wie soll man mit diesem Umstand umgehen? Die Nerven entscheiden sich für Gitarrenlärm und übel gelaunte Poesie. Erstaunlich: Die Musik der Band kommt auch in England sehr gut an. Deutsche Gitarrengruppen erhalten dort eigentlich nur sehr selten eine Chance; die miesepetrigen Nihilisten aus Schwaben dagegen bekamen Ende vergangenen Jahres exzellente Kritiken.

In der englischen Presse tauchte immer wieder der Begriff der "German Angst" auf, ein altes Stereotyp der Briten und Amerikaner, das ein für Deutschland typisches diffuses Unwohlsein beschreibt. Man darf die "German Angst" auf die Müllhalde der blödesten Vorurteile werfen. Man kann diese Beschreibung aber auch positiv deuten - nämlich dann, wenn aus Angst und verwandten Gefühlen wie Schuld oder Schwarzmalerei eine kreative Energie entsteht. Gäbe es die Filme von Rainer Werner Fassbinder oder Oskar Roehler ohne dieses Angstgefühl? Die Bücher von Uwe Johnson oder Heinrich Böll? Oder eben die Musik von Isolation Berlin oder Die Nerven?

"Denn es gibt etwas in mir, das brauchst du gar nicht wissen. Und du wirst es nie erfahren, wirst es nie erfahren müssen."

Messer, aus "Es gibt etwas"

Der Sänger und Künstler Hendrik Otremba aus Münster ist Experte darin, das Gefühl von Angst und Orientierungslosigkeit zu Kunst zu machen. Seine Band heißt Messer und hat bislang zwei Alben veröffentlicht: "Im Schwindel" und "Die Unsichtbaren". Das dritte Werk entsteht gerade, es soll weniger laut zugehen - aber genauso düster. Es gibt Lieder mit Titeln wie "Das Versteck der Muräne" oder "Die kapieren nicht". Beim Stück "Mutmaßungen über Hendrik" auf seinem Debütalbum beschreibt Hendrik Otremba eine Person mit den Worten: "Kaputte Arme, zerschundene Knie, eine Träne im Auge und manchmal einen im Tee." Otremba malt die Cover der Messer-Platten selbst, zu sehen sind Porträts von Menschen, die so weit von einem Lächeln entfernt sind wie Thorsten Legat vom Trainerjob bei Bayern München: eine rauchende Frau, ein trauriger Mann mit Hut, ein Ignorant, der sich abwendet.

Es kann vorkommen, dass Zuhörer sich in der musikalischen Eiswelt von Messer verkühlen. Dass sie sich plötzlich sehr nach Musik von Farin Urlaub oder Jan Delay sehnen. Aber sobald man sich damit die Beine und das Gemüt etwas locker gemacht hat, kehrt man immer wieder zurück ins Schattendasein der neuen deutschen Schmollpopper.

Besonders ihre offene Ratlosigkeit spendet Trost: Man fühlt sich in einer Zeit wie dieser von Orientierungslosen sehr viel mehr verstanden als von lautstarken Meinungsposaunen, die schnelle Antworten bieten, obwohl sie nicht einmal die Frage verstanden haben. Darum kamen die 100 Fragen von Jan Böhmermann nach den Attentaten von Paris ja auch so gut an.

"Du siehst vertrocknet aus und kommst, weil ich dich brauch. Komm, wässere mich mit einer Träne von dir."

Die Heiterkeit, aus "Wässere mich"

Das Schmollen ist übrigens keine reine Jungssache. Aus Hamburg kommt die Band Die Heiterkeit - drei Mädels mit einem sehr eigenen Ironiebegriff. Nie zuvor hat man so traurig-vertrottelte Lieder gehört, das wunderbare Stück "Die ganzen müden Pferde" transferiert die Symptome der erschlafften Gesellschaft auf den Reiterhof. Auch Die Heiterkeit, die sich sehr direkt auf die deutsche Schwermutskönigin und Velvet-Underground-Stimme Nico bezieht, bringt in diesem Jahr ein neues Album heraus. Es darf also weiter geschmollt werden. Allein zu Haus, im Pferdestall - oder im Aquarium.



insgesamt 6 Beiträge
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tomkey 23.03.2016
1. Wir folgen einer Linie bis in den Tod (aus BALD)
Aus dem Stuttgarter Dunstkreis empfehle ich noch heftigst KARIES und HUMAN ABFALL. Die Bands hängen alle irgendwie zusammen. DIE NERVEN Drummer rührt meines Wissens auch die Knüppel bei KARIES. Erinnert alles sehr an die 80er Postpunkzeit, alte Fehlfarben usw. Auf alle Fälle genial. DIE NERVEN die ersten 2 Alben FLUIDUM und FUN ein must have!
gatsue 24.03.2016
2. Spannend
Vielleicht nochmals einen VHS Kurs für angewandte Lyrik besuchen, wenns schon nur Lese- und keine Hörbeispiele gibt. Deswegen kann ich mich leider nicht zur Musik äußern. Hoffe die ist musikalischer.
geando 24.03.2016
3. Deutscher Emo-Pop
Ich finde, davon gibt es mehr als genug. Diese blassen Typen, die mit dünnen Stimmchen ihr Selbstmitleid in die Welt hauchen und dabei so politisch Korrekt sind, das es weh tut. Beck hat es doch vor vielen Jahren schon formuliert: "I'm a loser baby, so why don't you kille me"? Wo sind die Musiker, die mal wieder so richtig auf die Kacke hauen?
Olaf 24.03.2016
4.
Zitat von geandoIch finde, davon gibt es mehr als genug. Diese blassen Typen, die mit dünnen Stimmchen ihr Selbstmitleid in die Welt hauchen und dabei so politisch Korrekt sind, das es weh tut. Beck hat es doch vor vielen Jahren schon formuliert: "I'm a loser baby, so why don't you kille me"? Wo sind die Musiker, die mal wieder so richtig auf die Kacke hauen?
Vielleicht fehlt es an Lebenserfahrung? Wer selber schwere Niederlagen oder Schicksalsschläge einstecken musste, kann natürlich auch authentischer darüber reden oder singen.
Xperienced 24.03.2016
5.
Zitat von geandoIch finde, davon gibt es mehr als genug. Diese blassen Typen, die mit dünnen Stimmchen ihr Selbstmitleid in die Welt hauchen und dabei so politisch Korrekt sind, das es weh tut. Beck hat es doch vor vielen Jahren schon formuliert: "I'm a loser baby, so why don't you kille me"? Wo sind die Musiker, die mal wieder so richtig auf die Kacke hauen?
Sie sind im Jahr 2016 tatsächlich nicht imstande, Musik(er) zu finden, die Ihrem Geschmack entspricht? Gibt mehr als je zuvor jeden Genres da draußen. Dass Ihnen diesse nicht mehr tagsüber im Radio serviert wird, ist ja nun schon seit Jahrzehnten so. Eventuell sollten Sie Ihre Energie postiv dazu nutzen, diese zu suchen, anstatt sie negativ auf das Dissen nicht geliebter Musik zu verschwenden.
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