Israel-Tagebuch "Ruf sie an, sie ist nicht verheiratet"

Beim Auslandsstudium in Jerusalem hat Markus Flohr einen Unfall mit dem Motorroller, feiert israelischen Karneval, flirtet mit einem Mädchen namens Liat. Und muss sich mitten im Purim-Trubel für seinen Großvater rechtfertigen - Teil III seines Tagebuchs.


Donnerstag, 22. Januar: Großes Säbelrasseln

Seit drei Tagen sehe ich nur mein Bett und das Bad. Mein Magen spielt verrückt, der Kopf schmerzt, als hätte jemand eine Gehwegplatte auf ihm zerschlagen. Ich denke: Israel gefährdet meine Gesundheit. Vielleicht habe ich auch nur zu viel Leitungswasser getrunken.

Ich lese die Nachrichten. In drei Wochen wählt Israel: Der Rechte Benjamin Netanjahu tritt gegen die Halbrechte Zipi Livni an. Der Chef der angeblich linken Arbeitspartei ist Ehud Barak, derzeitiger Verteidigungsminister, ehemaliger Ministerpräsident und einer der Verantwortlichen für den Angriff auf Gaza im Dezember. Der große Star der Wahl scheint aber Avigdor Lieberman zu werden. Der ist noch rechter als Netanjahu und Livni und lässt noch lieber die Säbel rasseln als Barak.

Meine Mitbewohnerin Esther bringt mir einen Tee. Ich frage, wen sie wählen wird. "Lass uns später darüber reden", sagt sie. "Ich habe gerade gute Laune."

Mittwoch, 28. Januar: Jesus, ein Kibbuznik

Uni-Exkursion in die Jerusalemer Altstadt. Wir sitzen am Fuß des Tempelbergs. Dozent Schaul Sapir erzählt, wie König Herodes vor gut 2000 Jahren den zweiten jüdischen Tempel ausbaute.

An der Südmauer errichtete er eine riesige Säulenhalle, die auch nichtjüdische Besucher betreten durften. Mit der Zeit entstand zwischen den Säulen ein Markt, auf dem die Besucher Opfertiere kaufen und Geld wechseln konnten. In der Bibel steht, dass Jesus von Nazaret genau hierhin kam, die Tische der Geldwechsler umschmiss und sie verjagte.

Mein Dozent hat seine eigene Lesart: "Jesus kam aus dem Norden, vom Land. Heute wäre er ein Bauer von einem Kibbuz, ein Kibbuznik. Er hatte keine Ahnung von der Stadt. Er attackierte die Geldwechsler, obwohl sie eigentlich gar nicht direkt im Tempel saßen. Dann gründete er eine neue Religion."

Ich finde, es gibt Schlimmeres, als an einen Kibbuznik zu glauben.

Freitag, 30. Januar: Jalla, Habibi

Mit Samuel und Jörn schaue ich Bundesliga. Sie sind deutsche Zivis, absolvieren ihren Dienst aber hier. Bei Jörn gibt es deutsches Fernsehen. Heute hat der HSV die Bayern mit 1:0 nach Hause geschickt.

Nach dem Spiel gehen wir in die Altstadt, in die Kneipe eines palästinensischen Christen, der Pascal heißt. Wir sind die einzigen Gäste. Die Altstadt ist nach Einbruch der Dunkelheit leer und tot. Nachtleben gibt es nur drüben, im Westen Jerusalems, rund um die Jaffo-Straße.

Es gibt Wasserpfeife, Bier, und es läuft eine Platte mit Neunziger-Jahre-Hits, auf Arabisch nachgesungen. Pascal hat eine lustige Frisur, so eine mit Nackenspoiler und Minipli. In Deutschland wäre er sicher Mantafahrer.

Wenn er verstehen würde, wie wir über ihn reden, würde er uns vielleicht rausschmeißen. Aber so - "Jalla, gib mir noch ein Bier, Habibi, und zünd die Wasserpfeife noch einmal an."

Dienstag, 10. Februar: Der Wahltag

Avigdor Lieberman sitzt im Büro seiner Partei "Israel Beitenu" (Unser Haus Israel) in der Kleinstadt Kirjat Gat, auf halbem Weg von Jerusalem nach Gaza. 20 Journalisten schwirren um ihn herum. Heute wird die neue Knesset gewählt, das israelische Parlament. Sein Wahlkampf-Slogan: "Keine Staatsbürgerschaft ohne Loyalität".

Zur Person
Matthias Thiele
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.
Das richtet sich vor allem an die in Israel lebenden Palästinenser. Wenn Israels Armee wie im Gaza-Streifen in den Krieg zieht, gehen sie auf die Straße, oft kommt es zu Krawallen mit der Polizei. Von vielen jüdischen Israelis werden sie als fünfte Kolonne der Hamas gesehen. Sie selbst haben das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein.

Lieberman findet, die israelische Armee hätte in Gaza noch stärker durchgreifen müssen. Er spricht Hebräisch mit russischem Akzent. Seine Wähler findet er vor allem unter den Juden, die von dort eingewandert sind. Heute, am Wahltag, tourt er durch deren Städte: Kirjat Gat, Aschdod, Aschkelon.

Am Abend kommen die Hochrechnungen: Livni scheint zwar mit 23 Prozent knapp vor Netanjahu zu liegen, aber der Sieg würde ihr nichts nützen, denn sie kann keine Mehrheit zusammenbringen. Drittstärkste Kraft wird Lieberman, er landet bei zwölf Prozent. Baraks Arbeitspartei stürzt ab.

In der Nacht zieht ein Sturm über Jerusalem, Wasserfälle stürzen vom Himmel, der Strom fällt aus, Internet ist weg, alles dunkel. Zehn Stunden lang weiß ich nicht, wer wirklich gewonnen hat. Auf jeden Fall Avigdor Lieberman.



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