Jobben beim Spring Break Tanken und wanken

Wo dürfen Reiseleiter schon mittags mit den Gästen zechen? Beim Spring Break an den Sonnenküsten Mexikos und der USA. Thorsten Neumann hat einen Party-Job in Cancún - er bemuttert feierwütige junge Deutsche und ist Auskunft, Aufpasser und Club-Guide zugleich.

Von Bernd Dicks


Mit Baseballkappe, Sonnenbrille und einem Drink in der Hand schaut sich Thorsten Neumann, 29, aus einiger Entfernung die alltäglichen Spring-Break-Exzesse auf der Bühne einer überfüllten Hotelanlage im mexikanischen Cancún an.

Längst kennt er die Abläufe in- und auswendig: Um elf Uhr öffnen die All-inclusive-Bars des Hotels, eine Stunde später beginnen DJ und Animateur mit Clubmusik und versauten Wettbewerben ihr Programm. Spätestens um 14 Uhr stehen Tausende von angetrunkenen Studenten grölend vor der Bühne, um 20 Bikini-Mädchen beim Tanzen mit "Show your tits!"-Sprechchören anzufeuern.

Der Spring Break ist eine amerikanische Tradition: Seit Jahrzehnten brechen sonst oft brave, behütete Schüler und Studenten im Frühjahr zu den Sonnenstränden der USA und Mexikos auf. Sie lassen alle Hemmungen fahren und schalten die Triebsteuerung auf Autopilot - ab sofort zählen nur noch Babewatch, Alkohol, Sex. In den US-Touristenzentren ist Trinken meist erst ab 21 Jahren erlaubt, in Cancún sind die Gesetze lockerer.

Long Island Icetea zum Frühstück

Seit sechs Wochen arbeitet Thorsten Neumann für einen deutschen Studentenreiseveranstalter in der Party-Hochburg Cancún an der Karibikküste. Er betreut über hundert feierwütige deutsche Studenten, junge Banker oder auch Pizzafahrer. Sie zahlen für zwei Woche Sonne und Delirium 1600 Euro, Flug inklusive.

"Und, wo geht heute Abend die Party ab?", fragt Andreas, als er auf seinen Reiseleiter zuschlingert. Der Student, 22, trägt Badeshorts, einen leichten Sonnenbrand im Gesicht und hat seit dem Frühstück mehrere Long Island Icetea verputzt. Mit Eistee hat der Cocktail nur die Farbe gemein - ein Viertel Cola und drei Viertel Rum, Wodka, Gin und Tequila. "Im Daddy O", antwortet Neumann. "Wenn wir genug Leute sind, organisiere ich uns noch schnell einen VIP-Tisch."

Andreas macht das Daumen-hoch-Zeichen und verschwindet erwartungsfroh in der tobenden Masse, denn Bühnenanimateur Carlos hat den nächsten "Arschklatsch-Contest" angekündigt: Vier Mädchen versohlen ihren Zufallspartnern auf der Bühne solange den blanken Hintern, bis jeder eine große Dose Bier geleert hat. Der röteste Hintern gewinnt, der Sieger bekommt ein T-Shirt des Bier-Sponsors.

"Möglichst günstig möglichst viel Spaß"

Alle sollen "möglichst günstig möglichst viel Spaß bekommen", umreißt Neumann den Job. Er ist Auskunft, Aufpasser und Club-Guide in einem. Nach dem Einchecken erklärt er seinen Gästen, "wie sie beim Spring Break voll auf ihre Kosten kommen", und organisiert Touren mit Yachten, zum Schnorcheln und vor allem durch Bars und Clubs.

Ein typischer Thorsten-Tag beginnt morgens um zehn am Schreibtisch: Im kleinen Büro eines kooperierenden Reiseveranstalters checkt er neue An- und Abreiselisten seiner Gäste, verhandelt am Telefon mit einem Yachtbesitzer über Tagesausflug-Konditionen und besorgt Tickets für die Großraumdiscos. Schluss für ihn ist fast immer erst tief in der Nacht, wenn seine Partytouristen auf den Clubtischen tanzen.

"Für mich ist hier jeder Tag wie Montag und Samstag zugleich", sagt der Reiseleiter und grinst. Eine Pause gönnt er sich nur mittags, wenn er in der Hotelanlage auf Neuankömmlinge wartet und sich gelegentlich mit einem Bier zu übermüdeten Gästen an den Pool legt.

Das Traumwetter mit 30 Grad im Schatten und die Aussicht auf unzählige halbnackte junge Frauen genießt Neumann, wenn auch eingeschränkt. Immer wieder greift er zum Handy und verhandelt mit den Discotheken-Managern über aktuelle Preise für VIP-Tische. Zehn Jungs wollen am Abend seiner Empfehlung für das "Daddy O" folgen. BWL-Student Thomas, 22, aus Aachen freut sich über den All-inclusive-Partyservice: "Wenn man sich hier nicht auskennt, landet man schnell für viel Geld in einem langweiligen Club oder muss eine Ewigkeit vor der angesagten Disko anstehen."

Trinken bis zum Abwinken

Thorsten Neumann verhindert das - nicht nur zum Spaß. Mit den Zusatzarrangements bessert er sein Grundhonorar von knapp 300 Euro pro Woche auf. Wenn ihm Gäste einen Pauschalbetrag für eine Bootstour übergeben, steckt immer eine Provision für den gut gelaunten Vermittler mit drin.

Bis zum Arbeitseinsatz am Strand von Cancún arbeitete der Münsteraner in einer Marketingagentur. Vergangenes Jahr war er noch als Gast beim Spring Break. Wegen überraschender "beruflicher Veränderungen" hatte er dann plötzlich Zeit für den Zwischenjob in dieser Saison. Er mache das "wirklich gern", sagt er. "Ich habe täglich mit neuen Leuten zu tun und kann mich über das Arbeitsumfeld und meine unkomplizierten Gäste nicht beklagen."

Der späte Abend beim Spring Break gehört den Großraumdiscos in der fünf Kilometer entfernten Clubzone von Cancún. In der Zeit nach dem Strand trinken die Gäste in der überfüllten Hotelbar weiter. Die Mädchen haben ihre Bikinis gegen nicht selten halbdurchsichtige XXS-Miniröcke eingetauscht, ihre Oberweiten mit Push-Up-BHs in Form gebracht. Die Jungs in Jeans und Hemd, behängt mit Perlen und scheußlichen XXL-Christbaumkugeln, bleiben beim bewährten Programm: wanken und tanken, gucken und schlucken.

Pünktlich um 22 Uhr zerrt Neumann seine Gäste Richtung Bushaltestelle, sonst sind in der Disco die Tische mit der besten Aussicht auf die Tanzfläche vergeben. 40 Euro kostet der Eintritt pro Nase; wie in den Hotelanlagen ist auch hier alles inklusive. Extra bezahlt wird nur noch der Kellner mit einem ordentlichen Trinkgeld von fast 150 Euro, den Wodka bringt er dann gleich flaschenweise an den Tisch.

"Kein Job für die Ewigkeit"

Aufpassen muss Thorsten Neumann auf seine unerfahrenen Spring Breaker dennoch: Trotz des bereits üppigen Trinkgeldes hält der Kellner später erneut die Hand auf und will die ausgelassene Gruppe von ihrem Platz vertreiben. Neumann hat aber gute Drähte und bittet einen der Disco-Manager, den Kellner für die deutsche Gruppe auszutauschen.

Mit weit größeren Problemen kämpfen immer wieder Neumanns amerikanische Reiseleiterkollegen. Regelmäßig müssen sie ihre Leute aus dem Knast der Touristenpolizei loseisen - nicht etwa wegen Schlägereien, die gibt es es trotz ständiger Alkoholexzesse beim Spring Break kaum. Meist sind es Wildpinkler, die gegen eine Kaution von 150 Euro wieder auf freien Fuß kommen. "Ich hatte da bisher Glück", sagt Neumann.

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Auch wenn er immer wieder betont, dass der Dauerparty-Job "genau mein Ding ist", wirkt er jetzt, kurz vor dem Saisonfinale Ende März, müde: "Ohne viel Ausdauer, Organisationstalent und ab und an mal ein bisschen Abstand zum Geschehen kann man das hier nicht durchhalten. Ich profitiere auch von der Auslandserfahrung, aber es ist kein Job für die Ewigkeit."

Wenn Neumann in den nächsten Tagen nach Deutschland zurückkehrt, hat er schon die nächste wochenlange Fete im Visier: Ende Mai öffnen in den Strandresorts auf Ibiza die Hotels und Clubs für die ähnlich exzessiven Abitur-Abschlussfahrten. Sein Arbeitgeber würde ihn auch dort gern als Partyguide verpflichten.

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