Judiths Universum Sag Nein zu den Ja-Sagern

Muss man wirklich dabei sein, wenn zwei Freunde den Bund fürs Leben schließen? Judith Liere umtreibt der Fluchtreflex. Hochzeitskandidaten schleudert sie entgegen: Nieder mit der neuen Bürgerlichkeit! Schluss mit dem "Wir trauen uns"-Gesülze!


Wortlos überreicht mir Holger eine Karte und guckt dabei irgendwie, hm, konspirativ. Ich werfe einen argwöhnischen Blick drauf, sehe ein rotes Herz mit zwei ineinander verschlungenen Ringen davor und erschaudere. Er wird doch nicht... Will er etwa... ? Ach du liebe Güte. Mit schreckgeweiteten Augen starre ich ihn an.

"Nee, Quatsch, nicht, was du denkst. Die ist von Christopher. Er heiratet Svenja im Juni. Und lädt uns beide ein."

Warum man sich trauen sollte, Hochzeiten zu meiden...
Illustration: Sandra Engelke

Warum man sich trauen sollte, Hochzeiten zu meiden...

Himmel, es ist doch so schlimm, wie ich befürchtet hatte. "Muss ich da mitgehen? Das sind doch deine Freunde! Ich kenne Christopher kaum. Außerdem, Juni passt mir gar nicht. Meine Magisterarbeit und so... ", stottere ich vor mich hin. Vielleicht komme ich da noch irgendwie raus. Ich hasse Hochzeiten. Abgrundtief. Aber neuerdings flattert eine kitschige Einladung nach der anderen ins Haus. Ist das jetzt die vielbeschworene neue Bürgerlichkeit? Und muss ich das jetzt ausbaden?

Bis vor zwei Jahren sahen meine Erinnerungen an mich als Hochzeitsgast so aus: Ich bin fünf, habe Blumen im Haar, dazu welche in der Hand, mit denen ich das Brautpaar bewerfen soll, und am Ende ist mir schlecht von zu viel Kakao und Sahnetorte. Dabei hätte ich es auch eigentlich gern belassen.

Doch dann ging es im vergangenen Jahr los mit der ganzen Verloberei und diesem "Wir trauen uns"-Gesülze. Zuerst waren meine früheren Grundschulkameraden dran und zwangen mich, zurück ins elterliche Dorf zu reisen, um mir dort das versammelte Elend in schlecht dekorierten Gemeindesälen anzugucken. In der Kirche musste ich mir anhören, wie der Pfarrer Braut und Bräutigam mit dem wunderbar romantischen Spruch "Und sie werden ein Fleisch" traute, und es wurde nicht besser: applaudieren, nachdem das Paar einen Baumstamm durchgesägt oder ein Herz aus einem Bettlaken geschnitten hatte; höflich lachen, wenn angetrunkene Verwandte peinliche Reden hielten; darauf warten, endlich mein von der Hochzeitsliste ausgewähltes Eierbecherset überreichen zu dürfen; schließlich tapfer dem tumben Anmachversuch des Trauzeugen trotzen. Grauenhaft.

Live-Tätowieren statt Ringtausch

Aber die "ausgefalleneren" Hochzeiten sind auch nicht besser: Als meine Grufti-Cousine neulich heiratete (selbst die ist von der neuen Bürgerlichkeit schon infiziert!), wurde die gesamte Verwandtschaft auf eine Burgruine gekarrt. Meine Oma hat fast einen Herzinfarkt gekriegt, als die Braut in schwarzer Spitze vor einen Steinaltar trat, hinter dem ein glatzköpfiger Mann eine Zeremonie auf Aramäisch oder was auch immer murmelte. Statt Ringtausch gab's dann wechselseitiges Live-Tätowieren, und bevor das glückliche Paar die Torte mit den Marzipan-Fledermäusen anschnitt, wartete es noch mit einem eigens einstudierten Hochzeitstanz zu seltsam klingenden Tier- und Klagelauten auf. Horror, the horror.

Nach diesen Erfahrungen erwarte ich auch bei der Feier von Holgers Freunden nur das Schlimmste. Vorsichtig klappe ich die Einladungskarte auf: Oha! Der Bräutigam und der Vater der Braut geben die Hochzeit bekannt. Haben die das unter sich ausgemacht? Hat Svenja denn da nichts mitzureden? Die Feier findet in einem Fünf-Sterne-Hotel statt, das wird sicher anstrengend, verspricht aber gutes Essen. Der Hinweis auf den obligatorischen Hochzeitstisch fehlt natürlich auch nicht, und dann steht da noch "Black tie".

"Was soll denn das heißen? Dass alle einen schwarzen Schlips umbinden sollen? Auch die Mädels, so Avril-Lavigne-mäßig?"

Holger guckt mich strafend an. "Das ist der Dress-Code, Judith. Das bedeutet, dass ich einen Smoking tragen muss und du ein langes Abendkleid."

Na bravo. Das hat mir noch gefehlt. Und zum Werfen vor der Kirche kriegen wir dann wahrscheinlich auch extra Basmatireis aus dem Feinkostkatalog.

"Warum heiraten die denn überhaupt kirchlich? Hat Christopher nicht neulich noch erzählt, dass er wegen der Kirchensteuer ausgetreten sei?"

"Ja, aber für die Hochzeit ist er wieder eingetreten, ist ja festlicher und so. Außerdem bringt so eine Ehe ja auch viele neue steuerliche Vorteile." Holger guckt etwas gequält, wenigstens sind ihm seine Freunde auch peinlich.

Ich seufze. "Halten wir das durch? Müssen wir da hin?"

"Wir müssten. Natürlich. Aber wenn die das erst so kurzfristig bekannt geben... Wir haben doch schon vor Wochen unseren Urlaub gebucht." Er grinst und legt zwei Flugtickets nach Rom auf den Tisch. Ha! Ich hab doch gewusst, was ich an meinem Freund habe.

"Weißt du was? Dafür könnte ich dich glatt heiraten!"

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