Jung und verschuldet Alles auf eine Karte. Oder auf zwei. Oder drei.

Student Hendrik jonglierte mit mehreren Kreditkarten und überzogenem Dispo, mit 21 war er bankrott. Das ist nicht nur seine Schuld.

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Leicht verfügbar: Viele Banken bieten Kreditkarten an und fragen nicht genau nach
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Hendrik S.* hatte bereits die 1000 Euro Dispo seines Girokontos ausgereizt, als er die Werbung für die Kreditkarte las. "Damit komme ich an Geld ran", war sein einziger Gedanke. Dass er nur wenige Hundert Euro Einkommen hatte, kümmerte ihn genauso wenig wie die britische Barclays Bank. Zwei Wochen später hielt er die Kreditkarte in der Hand, Verfügungsrahmen: 1000 Euro.

Hendrik war nach seinem Fachabitur mit 19 Jahren eilig bei seinen Eltern ausgezogen. Gerade hatte er in Ulm ein Studium der Wirtschaftsinformatik aufgenommen. "Mein neues Leben war finanziell eine Katastrophe. Nie hatte ich gelernt, was es bedeutet, auf eigenen Füßen zu stehen", sagt er.

Bald hatte er viele offene Rechnungen: Versandhäuser, Fitnessstudio, Strom, Wasser. Trotz 400-Euro-Jobs reichte das Geld von Barclays nur für zwei Monate.

Auf die erste Karte folgte: die nächste

Hendriks Lösung: Er bestellte sich eine zweite Karte, um die Forderungen der ersten abzulösen - mit einer als gebührenfrei beworbenen "GenialCard" der Hanseatic Bank. Nach einigen Monaten beantragte er eine dritte Karte, danach eine vierte.

Als Hendrik seine Raten nicht zahlte, forderten die Banken bis zu 17 Prozent Sollzinsen und beauftragten teure Inkasso-Unternehmen. Im Rahmen ihrer Bonitätsprüfung hatten sie zwar bei der Schufa gesehen, dass Hendrik bereits Kreditkarten besaß, aber nicht, dass er mit Zahlungen im Rückstand war.

"Erst wenn eine Bank ein Kreditkartenkonto kündigt, hätte unser Scoring-System den Kunden als nicht kreditwürdig eingestuft", erklärt die Hanseatic Bank.

Bei Barclays heißt es, die Bonität werde "selbstverständlich auch bei Studenten geprüft". Dazu würden Auszüge der Schufa und von zwei weiteren Auskunfteien verlangt.

Von insgesamt 6,67 Millionen überschuldeten Personen in Deutschland sind laut aktuellem Schuldneratlas 1,75 Millionen unter 30 Jahre alt. 70 Prozent der deutschen Schuldner sind Männer: Die meisten Überschuldeten wohnen in Bremen, Berlin, Sachsen-Anhalt und im Ruhrgebiet. Unwirtschaftliche Haushaltsführung ist der Hauptgrund, warum sich unter 25-Jährige verschulden.

Schuldenfalle Smartphone

260 Schüler zwischen 14 und 20 Jahren beschrieben Pädagogin Natasa Kranz-Kuljic von der Universität Mainz über ein Jahr lang, wie sie sich verschuldet haben. "Es geht nicht nur um Statussymbole. Vor allem hat Mobilität einen hohen Stellenwert, ihre Freizeit ist nach außen verlagert", sagt Kranz-Kuljic.

Viele gäben ihr Geld außerdem für etwas aus, das sie zu Hause oft umsonst bekommen könnten: Essen. Unterwegs sein und Nahrung kaufen stiftet Gemeinschaft - und kostet Geld.

Auch um ein Smartphone kommen Jugendliche kaum herum. Es ist das wichtigste Mittel, um mit Gleichaltrigen in Kontakt zu sein. So erklärt sich auch, dass bei unter 25-jährigen Schuldnern fast ein Fünftel der gesamten Schuldenlast aus Verbindlichkeiten bei Telekommunikationsanbietern besteht, wie das Statistische Bundesamt ermittelte.

Als er Hilfe suchte, hatte Leon bereits 10.000 Euro Schulden

Auch bei Leon M.*, heute 23, fing seine Überschuldung mit den Handys an. Als Maler verdiente er mit 18 Jahren sein erstes eigenes Geld. Er hatte eine Freundin, die wie er ein Smartphone wollte, also unterschrieb er gleich zwei Verträge. Als er die ersten Rechnungen nicht bezahlen konnte, machte er Überstunden und ließ sie sich bar auszahlen.

Leon kommt vom Land, er wollte ein Auto, um seine Freunde sehen zu können, und kaufte es auf Raten. Dann kaufte er Fernseher und Beamer. Gegen das schlechte Gewissen trank er am Wochenende Alkohol. Als er endlich eine Schuldnerberatung aufsuchte, hatte er 10.000 Euro Schulden angehäuft.

"Mit Geld riskant umzugehen, kann eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe sein", sagt Leons Schuldnerberater Heiner Gutbrod. Der Pädagoge arbeitet in Tübingen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aktuell bearbeitet er Schuldenfälle von 400 bis 36.000 Euro.

Eifriger Konsum erwünscht

Oft seien es junge Handwerker wie Leon, die ordentlich verdienen, sich aber dann verheben. Gymnasiasten und Studenten seien dagegen seltener betroffen. Ihre Eltern können erste finanzielle Schnitzer oft wieder beheben.

"Experimente mit Geld gehören zum Heranwachsen und zu unserem Wirtschaftssystem", sagt Gutbrod. Er kritisiert, der Finanzwirtschaft werde es zu leicht gemacht, verführerisch zu werben. Auch die Politik fördere das Konsumklima. "Dabei sollte hinterfragt werden, ob jungen Leuten vier Kreditkarten angeboten werden dürfen."

Student Hendrik beichtete nach dem zweiten Semester und 6000 Euro Schulden alles seinen Eltern: "Aus Stolz habe ich bisher nur vier Personen von dem Mist erzählt." Er wohnt nun wieder bei ihnen und brät jeden Tag Burger bei McDonald's für einen Stundenlohn von 8,51 Euro: "Das ist jetzt meine Strafe." Eine Schuldnerberatung half ihm, mit allen Gläubigern Vergleiche auszuhandeln.

Die Schulden müssen mühsam abgestottert werden

Sollten in der Schule Finanzthemen behandelt werden? "Ich konnte einen Break-even-Point berechnen", sagt Hendrik, der eine kaufmännische Hochschulreife hat. Doch als er auf seiner Lohnabrechnung sah, wie viel ihm vom kargen McDonald's-Lohn abgezogen wurde, war er überrascht.

Er stimmt der 17-jährigen Schülerin Naina zu, die sich in einem vielbeachteten Tweet beschwerte, zu wenig über Alltägliches zu lernen. Ähnlich wie Naina sagt auch Hendrik: "In der Schule haben wir sechs Jahre lang den Zweiten Weltkrieg besprochen. Ich hätte lieber Finanzdinge gelernt."

Hendrik muss noch ein Jahr Burger-Fleisch wenden, um seine Schulden zu tilgen, ehe er wieder studieren kann. Auch Handwerker Leon wird von der Schuldnerberatung unterstützt. Außergerichtliche Möglichkeiten gibt es fast immer, auch wenn die Schufa-Einträge bleiben werden. "Ich habe Angst, dass mich das mein ganzes Leben verfolgen wird", sagt Hendrik.

Die echten Herausforderungen liegen für die beiden woanders: Fristen und Termine einhalten, Briefe aufmachen und verstehen, Konsequenzen des eigenen Handelns einschätzen.



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insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
diplpig 02.03.2015
1. Plus und Minus statt Break-Even
Zugegeben, die Lockangebote der Banken sind verführerisch, aber nicht kriminell. Wer Wirtschaftsinformatik studiert sollte doch Minus und Plus rechnen können. Den Umgang mit Geld lernt man doch schon im Kindesalter. Wer Anfang des Monats alles für Lego ausgibt, der kann sich eben kein Hotwheel am Ende des Monats mehr leisten. In einem soliden Haushalt leben die Eltern hoffentlich entsprechende Prinzipien vor (Urlaub nicht auf Kredit etc.). Im Prinzip geht es nur um den gesunden Menschenverstand.
suppenkoch 02.03.2015
2. Schuldfrage
Natürlich, man hätte ihm die Kreditkarten gar nicht aushändigen dürfen. Auf der anderen Seite sind doch so viele gegen Überwachung, Datenauswertung und es wird gesagt, dass doch alle mündige Bürger seien. Also sind die Leute doch selber schuld, wenn sie versuchen, Schulden mit Schulden abzulösen bzw. überhaupt erstmal Schulden zu machen, die sie gar nicht bedienen können. Wer denn sonst, wenn nicht der mündige Bürger?
Tostan 02.03.2015
3.
'Er stimmt der 17-jährigen Schülerin Naina zu, die sich in einem vielbeachteten Tweet beschwerte, zu wenig über Alltägliches zu lernen. Ähnlich wie Naina sagt auch Hendrik: "In der Schule haben wir sechs Jahre lang den Zweiten Weltkrieg besprochen. Ich hätte lieber Finanzdinge gelernt."' Naja, mit Geld umgehen kann man kaum in der Schule lernen sondern nur in der Praxis. Rechnen lernt man ja in der Schule lang genug ... auch Zinsrechnung. Mit Geld umgehen hingegen kann man nur in der Praxis lernen, z.B. durch die Eltern. Dazu gehört meiner Meinung nach auch ein regelmäßiges Einkommen(Taschengeld) von dem auch Ausgaben bestritten werden müssen. Auch gewünschte Großanschaffungen(Smartphone) kann man so regeln ... Einen "Kredit" bei den Eltern aufnehmen und vom Taschengeld abzahlen. Da sieht man auch schmerzhaft, wie die Kreditraten drücken können. und im Gegensatz zu später droht noch nicht der ganz große Ärger(Schufa, inkasso, Insolvenz) wenn man sich verhoben hat.
equamicus 02.03.2015
4.
Außerdem wird das natürlich in der Schule behandelt: Im Mathematikunterricht in der Grundschule, wenn man mit Zahlen bis 1000 rechnen lernt! Da lernt man nämlich zwangsläufig, dass man nicht immer jeden Monat mehr ausgeben kann als mein einnimmt. Hier wird echt so getan, als sei das höhere Wirtschaftsmathematik, die er, zumal als WIRTSCHAFTSinformatiker!!!!!, jawohl ansatzweise beherrschen müsste, oder? Einfach mal gerade machen und nicht immer die Schuld bei anderen suchen! Die Lehrer sollten mal lieber gegen die Ignoranz und das mangelnde Schuldbewusstsein von vielen Eltern und Kindern streiken, anstatt für mehr Geld ;) Und zwar trotz Föderalismus in jedem Bundesland ;)
catcargerry 02.03.2015
5. Was denn nun?
Grundlagen des Wirtschaftens und des Rechtssystems zu lernen, ist doch nur im Sinne der Kapitalisten, denen es nur um die Verwendbarkeit der Menschen im Produktionsprozess geht. Darf das denn sein? Wo Vernunft und Selbstverwirklichung kollidieren, dürfen die Einschränkungen doch nicht die Selbstverwirklichung treffen! Für die Folgen haben wir ja lebenserfahrene Sozialarbeiter.
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