Jugendliche und Politik "Toll! Die wollen Haschisch erlauben!"

Stoiber? Nie gehört. - Sozialkundeunterricht kann für deutsche Lehrer frustrierend sein. Vielen Jugendlichen fehlt jedes Interesse an Politik. Jetzt werden bundesweit 60.000 Schüler beim Projekt "Juniorwahl" auf eine fiktive Abstimmung vorbereitet. Die Ergebnisse bleiben bis zum Wahlabend geheim.

Von Rüdiger Strauch


Fehlanzeige: Viele Jugendliche suchen Spaß im Leben - Interesse an Politik bleibt meist auf der Strecke
AP

Fehlanzeige: Viele Jugendliche suchen Spaß im Leben - Interesse an Politik bleibt meist auf der Strecke

Berlin - Am Rand der Hauptstadt, direkt an der Landstraße 2 bei Neubeeren, wachsen 2500 Lärchen. Und sie gedeihen gut, aber unauffällig. Nur aus der Luft lässt sich erkennen, dass die Bäume in Form eines großen "A" gepflanzt sind. Die Spitze des Buchstabens zeigt direkt auf den Deutschen Bundestag in der Mitte Berlins.

Jugendliche haben für das politisch motivierte Aufforstungsprojekt gesorgt. Das Pflanzen-A soll die Berufspolitiker im Parlament daran erinnern, was junge Menschen von der Politik erwarten: A wie Antworten. Antworten auf ihre Fragen und Belange. Allerdings nicht alle Jugendlichen. Vielen von ihnen ist Politik herzlich egal. "Who the fuck is Müntefering?" - dieser Spruch ist unter den Kundigeren von ihnen zum Synonym dafür geworden, dass sich Mandatsträger um die Interessen junger Menschen meist wenig kümmern.

"Who the fuck is Müntefering?"

Politik? Was ist das? Und wer macht die eigentlich? Die meisten Jugendlichen interessiert das kaum. "Edmund Stoiber war vielen meiner Schüler völlig unbekannt", sagt Thomas Schäfer. Der 36-jährige Politikwissenschaftler unterrichtet an der Heinrich-Hertz-Hauptschule in Berlin-Spandau: kein ausgesprochener Problembezirk der Hauptstadt, aber doch gebeutelt von hoher Arbeitslosigkeit (18,5 Prozent) und mit vielen Familien, die von Sozialhilfe leben.

Zum zweiten Mal beteiligt sich Schäfer mit seinen Kollegen an den "Juniorwahlen". Wie schon zu den Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlen im Herbst 2001 werden in der Woche vor der Bundestagswahl die Schüler der siebten bis neunten Klassen an die Urnen strömen, um in einer fiktiven Wahl abzustimmen.

Alle sind unter 18 Jahre alt, also eigentlich noch nicht wahlberechtigt. Die "Juniorwahl 2002", ein Projekt der Initiative "Kumulus" und der Bundeszentrale für politische Bildung, soll Jugendliche jedoch frühzeitig an die Politik heranführen und beweisen, dass jeder Wähler ein Teil des Ganzen ist. Bevor es zu spät ist; bevor die Wahlmüdigkeit mit steigendem Alter so groß wird, dass das Heer der politikverdrossenen Nichtwähler weiter anwächst.

Jeder ist ein Teil des Ganzen

Ein kleiner Teil des Ganzen: "Juniorwahlen" sollen junge Menschen mit politischen Vorgängen vertraut machen

Ein kleiner Teil des Ganzen: "Juniorwahlen" sollen junge Menschen mit politischen Vorgängen vertraut machen

Dass sich Jugendliche nur selten für Politik wenn schon nicht begeistern, so doch wenigstens interessieren, hat nach Ansicht von Gerald Wolff zumeist mit mangelnder Kenntnis zu tun. Erst recht, wenn nicht irgendwer dafür sorgt, dass in Schulen oder Jugendtreffs über Politik diskutiert wird. Deshalb will der Kumulus-Projektleiter diesen Teufelskreis durchbrechen. Gemeinsam mit etwa 30 Mitgliedern des überparteilichen Vereins koordiniert Wolff die Juniorwahlen in bundesweit rund 250 Bildungseinrichtungen.

Längst ist die 1998 in Berlin gegründete Initiative den Kinderschuhen entwachsen. Inzwischen übernahm sogar Bundespräsident Johannes Rau die Schirmherrschaft. Vor der Stimmabgabe der teilnehmenden 60.000 Schüler muss der SPD-Politiker allerdings nicht zittern - ihr Votum fließt schließlich nicht ins amtliche Endergebnis ein. Die Juniorwahl ist und bleibt eine Randerscheinung der großen Politik. Aber eine interessante.

Schlaumeiertum der Erwachsenen

Denn für welche Partei entscheiden sich Jugendliche, die über politische Vorgänge weniger rational und ohne Grundüberzeugungen, vielmehr nach Gefühl und Intuition urteilen? Hauptschullehrer Schäfer hat so seine Erfahrungen: "Die 'Wahrheit' verkürzt sich bei jungen Menschen auf enorm kleine Dinge", meint der Klassenleiter. Als seine Schüler parallel zur Berliner Abgeordnetenhaus-Wahl abstimmten, errangen die Grünen weit über 30 Prozent. Die Begründung der grünen Schüler folgte auf dem Fuße: "Die wollen Haschisch erlauben."

Nachholbedarf und manchmal Wissensdurst: Bei Schülern, die nicht verblöden wollen, kommt die fiktive Wahl gut an
DPA

Nachholbedarf und manchmal Wissensdurst: Bei Schülern, die nicht verblöden wollen, kommt die fiktive Wahl gut an

Schäfer wäre ein schlechter Pädagoge, hätte er für diese Logik nicht auch Verständnis. Wenn mancher erwachsene Wahlberechtigte seine Entscheidung von Optik und Auftreten der Kandidaten-Gattinnen abhängig mache, sei es Jugendlichen doch wohl erlaubt, sich vergleichbarer, aber grundverschiedener Argumentationsmuster zu bedienen. "Die Schlaumeier-Haltung der Erwachsenen ist völlig unangebracht", findet Schäfer.

Überheblichkeit verbietet sich nicht zuletzt auch deshalb, weil die "Juniorwahl" der wirklichen Wahl technisch weit voraus ist. Zunächst gestaltet sich die Prozedur wie bei jeder demokratischen, gut organisierten Wahl: Berufung des Wahlvorstandes, Erstellen eines Wählerverzeichnisses, Verschicken der Wahlbenachrichtigungen. Doch am Wahltag selbst trennen sich die Wege von "Juniorwahl" und Bundestagswahl. Die "Juniorwahl" sprintet mit ausgeklügelter Technik auf und davon.

Technik von morgen für die Wähler von morgen

In den Wahlkabinen steht ein Computer mit Maus, aber ohne Tastatur. Die Schüler geben auf einer virtuellen Tastatur einen vorher zugeteilten Code ein und sind dann zur Wahl berechtigt. Ein Klick und eine Bestätigung, dasselbe noch einmal - und Erst- und Zweitstimme landen bei den Parteien und Kandidaten. Ein System, das in Zukunft möglicherweise auch bei wirklichen Wahlen zum Einsatz gelangt. Daran arbeitet das Kasseler Unternehmen Micromata, von dem Kumulus unterstützt wird. Eine wissenschaftliche Auswertung der Wahlergebnisse erfolgt auf Grundlage von Befragungen durch namhafte Politikdidaktiker.

Wie ernst Wissenschaftler, aber auch Politiker die "Juniorwahlen" nehmen, beweist nicht nur die Kooperation mit prominenten Experten. Von Projektbeginn an drängten Landes- und Bundeswahlleiter darauf, die Ergebnisse der Schul-Abstimmungen nicht vor Schließung der echten Wahllokale bekannt zu geben - die Ergebnisse, so ihre Sorge, könnten die Entscheidungen der Erwachsenen beeinflussen. "Das zeigt, dass wir keine Kinkerlitzchen veranstalten", freut sich Gerald Wolff von Kumulus.

Der Stolz des 29-jährigen Wirtschaftsingenieurs könnte noch wachsen, würde sich ein weiterer erhoffter Erfolg seiner Initiative einstellen: Politische Diskussionen sollen in der Schule angeregt und in die Familien getragen werden. Ähnlich wie in den USA, wo das Projekt unter dem Namen "Kids Voting" bekannt ist, könnten Eltern eine zweite Chance zur politischen Sozialisation erhalten. Deren Wahlbeteiligung, so ergaben Auswertungen in den Vereinigten Staaten, steigerte sich in Folge von "Kids Voting" um teilweise über neun Prozent.



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