Leben als junger Amish "In der modernen Welt ist Dating schwierig"

Amish fahren Kutsche, kleiden sich altmodisch und leben ohne Internet. Becky Esh, 23, und Esther Schmucker, 25, sind bei den christlichen Hardlinern aufgewachsen. Wie jeder junge Amish durften sie ein freies Leben ausprobieren. Dann mussten sie wählen: bleiben oder gehen?

Aus Lancaster, USA, berichtet Maria Timtschenko

Maria Timtschenko

Becky sieht aus wie eine mittelalterliche Magd: Ihre blonden Haare hat sie in der Mitte gescheitelt und im Nacken zu einem Dutt verknotet, darüber trägt sie eine weiße Haube, ihr Kleid reicht bis zu den Knöcheln und wird von einer langen Schürze bedeckt. Becky Esh, 23, hat sich nicht verkleidet, sondern ist eine von 250.000 Amish in Nordamerika. Sie nutzt keinen Strom aus der Steckdose, kein Telefon, kein Fernsehen und kein Internet.

Becky lächelt stets liebevoll, doch nie breit. Auf Fragen antwortet sie freundlich, aber vage, als hätte sie Angst vor Verurteilung. Becky spricht Englisch mit leichtem deutschem Akzent - ein Überbleibsel aus früheren Zeiten, als die Amish aus Deutschland und der Schweiz nach Amerika kamen. Untereinander sprechen sie das sogenannte Pennsylvania Dutch, einen mit englischen Wörtern gemixten pfälzischen Dialekt. Nur sie verstehen das, das stärkt den Gemeinschaftssinn.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr besuchte Becky eine der typisch amischen Ein-Raum-Schulen, lernte Grundlagen im Rechnen, Lesen und Schreiben. Danach fing sie an, in jenem Best Western Restaurant zu arbeiten, in dem sie jetzt auf einem türkisfarbenen Barhocker sitzt und Servietten faltet - so lange, bis ihre Kollegin Esther Schmucker, wie Becky amisch aufgewachsen, sie ablösen wird. Früher arbeitete Becky fünf Tage die Woche, nun, da sie verheiratet ist, nur noch zwei. Schließlich muss sie den Haushalt führen. Mit ihrem Mann lebt sie in einem Haus, das seine Eltern ihnen schenkten.

Becky fährt Kutsche statt Auto

Manchmal fährt Becky nach Philadelphia. Die Großstadt ist mit dem Auto eine Stunde von Lancaster entfernt. Becky braucht länger. Sie nimmt die Kutsche, denn ein Auto darf sie nicht fahren. Sowieso darf sie fast nichts von dem benutzen, was der große Rest des Landes als technische Innovation feiert. Manchmal macht die Gemeinde eine Ausnahme: So besitzt Becky ein iPhone mit einer pinkfarbenen Schutzhülle. Ins Internet kommt sie damit aber nicht.

Wer sich so von der Außenwelt abschottet wie Becky, eckt an, schürt Misstrauen. Man könne die Amish als Sekte bezeichnen, sagt der Leipziger Religionswissenschaftler Thomas Hase. "Dabei sollte der Begriff aber keineswegs negativ konnotiert sein", sagt er. Es bedeute nur, dass sie ihre religiösen Überzeugungen nicht leichtfertig unterordnen. "Mit Gehirnwäsche hat diese Haltung gar nichts zu", sagt Hase. Trotzdem könne so ein Leben für den Einzelnen problematisch sein. Schließlich stünden die religiösen Regeln über allem. Der amerikanische Amish-Forscher Donald Kraybill fügt hinzu, dass die Amish der Bibel nicht sinngemäß, sondern buchstäblich folgen. So grenzten sie sich scharf ab.

"Rumspringa": Zeit für Sex, Drogen, Führerschein

Es gibt aber eine Zeit, in der diese Grenze durchlässig ist, in der junge Menschen ab 16 aus dem Korsett der Gemeinde ausbrechen dürfen. "Rumspringa" heißt sie. Diese Zeit dauert, solange sie eben dauert, und endet erst mit der Entscheidung für ein Leben mit der Gemeinde. Oder ohne sie.

Manche von Beckys Freunden machten während der "Rumspringa" ihren Führerschein und gingen nach New York. Hinterher erzählten sie, dass sie gefeiert, Alkohol getrunken, Drogen probiert und Sex gehabt hätten. Sie habe sich auch sehr auf diese Zeit gefreut, sagt Becky. "Aber ich war immer glücklich da, wo ich war, mit meiner Familie."

Für "Rumspringa" blieb sie deswegen zu Hause. Manchmal schaute sie sich mit Freunden in Philadelphia ein Baseballspiel an, sie ging zu amischen Partys und betrank sich zum ersten Mal. Da habe sie auch einige Fehler gemacht, die sie bereue. Was es war? Blackout? One-Night-Stand? Becky lächelt und sagt nichts.

Im Best Western ist Schichtwechsel. Becky schenkt den beiden Männern mit Vollbart und Filzhut noch Kaffee ein, dann fährt ihr Arbeitskollege sie mit dem Auto nach Hause. Mitfahren ist erlaubt.

Die Nachtschicht übernimmt nun Esther Schmucker, 25. Sie trägt Jeans, T-Shirt, unechte, lachsfarben lackierte Fingernägel, und unter ihren Brillengläsern ist die Wimperntusche verwischt. Esther ging für "Rumspringa" fort. "Die Vorstellung, vom Leben nicht mehr erwarten zu können als Kirche, Ehe und Kinder, war für mich schrecklich", sagt sie.

Sobald sie aus dem Haus war, brach ihre Mutter den Kontakt ab. Zwei Jahre sprachen sie nicht miteinander. "Ich habe sie schrecklich vermisst. Aber ich konnte einfach nicht zurück", sagt Esther.

Alles ist vorgeplant, Platz für eigene Wünsche ist nicht vorgesehen

Zunächst wohnte sie bei einem nicht-amischen verheirateten Paar. Nach einem Jahr zog sie in ihr eigenes Apartment, immer noch in Lancaster County. Sie tauschte ihre amische Kleidung gegen Jeans und Tanktops und begann, sich mit Jungs zu treffen. Ihre Mutter habe damals gesagt, sie sei verwirrt, wisse nicht, was sie tue. Sie werde schon wieder heimkommen. Esther aber sagt, sie habe sich frei gefühlt.

Doch das junge Mädchen vermisste seine Mutter und die Familie. Irgendwie habe ihre Mutter sie überzeugt, dass sie tatsächlich verwirrt gewesen sei, der Ausbruch nur Teil der Pubertät. Deswegen kehrte sie zurück in die Gemeinde. Sie ging wieder zum Gottesdienst, brach den Kontakt zu ihren nicht-amischen Freunden ab, lernte einen amischen Jungen kennen. Aber: "Alles, was wir uns für die Zukunft erträumen konnten, war vorgeplant. Es gab gar keinen Platz für eigene Wünsche." Das sei schlimm gewesen, sagt sie.

Zwei Jahre hielt diese Beziehung. Das Gefühl der Enge und des Vorgeplanten ließ Esther nicht los, deswegen ging sie mit 21 endgültig fort. Doch nur jeder siebte Jugendliche in Lancaster County macht es wie sie und kehrt nach "Rumspringa" nicht in die Gemeinde zurück. Durch den Kinderreichtum der Amish - etwa sechs Kinder im Durchschnitt - wächst die Gemeinde beständig. "Die Amish überleben nicht nur den Weggang mancher Jugendlicher, ihre Population verdoppelt sich alle 20 Jahre", sagt der Amish-Forscher Kraybill.

Esther geht heute trotzdem jeden Sonntag in ein Gebetshaus - ohne einer bestimmten Konfession anzugehören. Sie wisse, dass sie gläubig sei, sagt sie. Dazu müsse sie kein Bekenntnis ablegen.

Ihr gehe es gut, trotzdem fehlten ihr manchmal die amischen Männer. Bei ihnen habe sie gewusst, dass sie es ernst meinten. "In der modernen Welt ist das Dating so schwierig und mit so vielen ungeschriebenen Regeln verbunden", sagt Esther. "Das ist sehr anstrengend, und man weiß nie, was die Männer wollen."

Ihre Kollegin Becky lernte vor drei Jahren ihren jetzigen Ehemann auf einer Feier in der Gemeinde kennen. Zwei Jahre gingen sie aus, bis er um ihre Hand anhielt. Für amische Frauen eine lange Zeit, sagt sie. Zur Heirat vor einem Jahr hat sie sich zu ihrem Glauben bekannt und wurde getauft. Für sie sei die Entscheidung leicht gewesen, sagt sie. Sie kennt ja kein anderes Leben.



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gralsritter 13.06.2012
1. iPhone und unechte Fingernägel
Über Inhalte erfährt man hier leider wenig. Die beiden gegensätzlichen Lebensweisen werden auf einige wenige Äußerlichkeiten reduziert. Das ist entlarvend. Zumal das Leben außerhalb einer Amish-Gemeinde nach dieser Darstellung vorrangig von Besäufnissen, One-Night-Stands und White-Trash-Kleidung gekennzeichnet ist. Wenn man das so liest, möchte man fast Amish werden...
Critik 13.06.2012
2. Stereotyp
Zitat von sysopMaria TimtschenkoAmish fahren Kutsche, kleiden sich altmodisch und leben ohne Internet. Becky Esh, 23, und Esther Schmucker, 25, sind bei den christlichen Hardlinern aufgewachsen. Wie jeder junge Amish durften sie ein freies Leben ausprobieren. Dann mussten sie wählen: bleiben oder gehen? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,822799,00.html
Die Frau auf dem Foto ist nicht blond. Bedient der Autor hier einfach nur einen Stereotyp?
paula12 13.06.2012
3. Warum nicht
wird bestimmt von vielen müde belächelt. Immerhin scheinen sie etwas zu haben, was uns "Modernen" fehlt: Zusammenhalt, Gemeinschaftsinn, Komzentration auf das Wesentliche. Und wenn es nichts zu verteilen gibt, strebt auch niemand danach. Mit der Mode könnte ich mich allerdings nicht anfreunden. Absolutes NoGo.
Trivalent 13.06.2012
4. Kindheit
Zitat von sysopMaria TimtschenkoAmish fahren Kutsche, kleiden sich altmodisch und leben ohne Internet. Becky Esh, 23, und Esther Schmucker, 25, sind bei den christlichen Hardlinern aufgewachsen. Wie jeder junge Amish durften sie ein freies Leben ausprobieren. Dann mussten sie wählen: bleiben oder gehen? http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,822799,00.html
Kindheit und Jugend prägen. Für Frauen sind soziale Netze und familiärer Anschluss und Geborgenheit noch wichtiger. Im Falle des Ausbruches aus der gewohnten Amischgesellschaft müssen die Jugendlichen eine neue Identität in einer neuen Gesellschaft aufbauen, bei gleichzeitigem Verlust von bisheriger Heimat und Familie. Das erinnert nur all zu sehr an die absolutistischen Vorgänge in muslimischen Gastarbeiterfamilien. Offensichtlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier das nach dem Grundsatz lebt: Irgendwie arrangiert man sich halt, richtet man sein Leben ein.
e_h 13.06.2012
5. Mehr davon!
Der Artikel liest sich wie die Einleitung zu einer Serie. Liege ich richtig?
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