Kubaner an US-Uni Auslandsstudium beim Klassenfeind

Sie sind die 17 ersten Auslandstudenten Kubas in den USA, denn seit gut einem Jahr genießen Kubaner etwas mehr Reisefreiheit. Die Studenten aus dem sozialistischen Inselstaat fürchten: Nach der Rückkehr aus Miami wartet auf sie der Geheimdienst.

DPA

Die große Auswahl an Obst auf dem Markt hat sie überrascht. Und auch, wie schnell das Internet in den USA funktioniert. 17 junge Kubaner sind seit ein paar Wochen in Miami, um dort zu studieren. Sie sind die ersten Bürger der sozialistischen Karibikinsel seit mehr als 50 Jahren, die das im Land des sogenannten Erzfeindes legal tun können.

Ihre diplomatischen Beziehungen haben Kuba und die Vereinigten Staaten 1961 abgebrochen - zwei Jahre nach der Revolution Fidel Castros, die Kuba in ein Bollwerk des Kommunismus vor der US-Küste verwandelte. Die Studenten sind für ein halbes Jahr mit einem Stipendium einer Exilkubanern nahestehenden Stiftung in Miami in die USA gekommen. Die Reform der kubanischen Reisegesetze, in Kraft seit vergangenem Januar, ermöglichte ihnen die legale Ausreise.

Am Miami Dade College lernen sie Englisch und studieren verschiedene Fächer. Sie sind zwischen 18 und 37 Jahre alt, ihr Hintergrund ist unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen aber die Nähe zu Dissidenten. In ihrer Heimat sind sie als Regierungskritiker aufgefallen. Einige sind als Aufsässige von der Universität geflogen - und wurden gerade deshalb von der Stiftung für Menschenrechte in Kuba (FHRC) für das Stipendium berücksichtigt. Hinter der Organisation steht die von Exilkubanern gegründete Kubanisch-Amerikanische Nationalstiftung, die sich den demokratischen Wandel und die Stärkung der kubanischen Zivilgesellschaft zum Ziel gemacht hat. Die Stiftung wird über US-Fördergelder mitfinanziert.

Ein verdächtiges Stipendium

"Die meisten hatten mit Politik nichts zu tun, aber sie wurden von der Uni geworfen, weil sie frei dachten", sagt die FHRC-Sprecherin Mariana Hernández. Zur Gruppe gehören auch zwei Kinder der Anführerin der Oppositionsgruppe Damas de Blanco (Damen in Weiß), Berta Soler.

"Nicht alle von uns machen ihre Kritik öffentlich", erklärt der Student Henri Constantin. "Aber allein der Umstand, ein verdächtiges Stipendium für kritische Kubaner zu haben und offen zu sprechen, macht uns zum Gegenstand der Überwachung."

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Jugend in Castros Kuba: Freiheit, die wir meinen
"Es ist nur logisch, dass die Opfer dieser falschen Fidel-Maxime "Die Uni gehört den Revolutionären" die Möglichkeit erhalten, in Miami zu studieren", verteidigt der US-kubanische Wissenschaftler Arturo López-Levy von der Universität Denver das Programm. Aber er kritisiert auch, dass sich die USA bei der Förderung auf die Exilkubaner gestützt hätten. So sei die Chance eines parteiunabhängigen Austausches verspielt worden. "Die Chance, die den kubanischen Studenten in den USA gegeben wird, wird zu einem weiteren Instrument einer Politik, die den Regimewechsel in Kuba forciert", bemängelt er.

Constantin würde sich wünschen, dass das Programm, mit dem er in die USA gereist ist, auch unpolitischen Studenten offensteht - und auch jenen, die dem Regime nahestehen. "Das wäre eine Art zu zeigen, dass die Universität nicht nur für Revolutionäre ist, sondern für alle."

Zur Rückkehr verpflichtet

Mit seiner florierenden Exilkubaner-Szene gilt Miami im offiziellen Jargon auf Kuba als Verräternest. Doch unter Feinden finden sich die Austauschstudenten nicht wieder. "Wir Kubaner fühlen uns nicht fremd in Miami, wo wir an jeder Ecke auf wohlhabende, erfolgreiche Kubaner stoßen", sagt Constantin. "Es gibt alles, was man in Kuba nicht finden kann", fügt Eleanor Calvo hinzu, die sich in ihrer Heimat in einer Gruppe gegen Diskriminierung und Rassismus engagiert.

Doch auch auf Kuba bemüht sich die Regierung um einen vorsichtigen marktwirtschaftlichen Öffnungskurs. 200 Berufe wurden in den letzten Jahren liberalisiert, nach offiziellen Angaben arbeiten über 440.000 Menschen im Privatsektor. Ab Anfang März sollen nun angehende Unternehmer an der Universität von Havanna ausgebildet werden: 30 Studenten erhalten einen zweimonatigen Kurs in Wirtschaft, Finanzen, Buchhaltung, Recht und Marketing. Bislang hatten lediglich private Initiativen sowie die katholische Kirche Kurse für Unternehmer angeboten.

Die Stipendiaten in Miami haben sich verpflichtet, nach dem halben Jahr in ihre Heimat zurückzukehren. "Wir wollen uns die nötigen Kenntnisse aneignen und in unserem Alltag für eine bessere Zukunft in unserem Land nutzen", sagt Eleanor. Danilo Maldonado genießt in Miami die Freiheit im Viertel Wynwood, dem Herzen der alternativen Kulturszene. Aber auch für den 30-Jährigen ist klar, dass er auf die Insel zurückgehen wird: "Wenn nötig, fahre ich auf einem Floß zurück."

Allerdings könnte das Wiedereinleben schwer werden. "Für alle von uns wird es traumatisch sein zurückzukehren, weil man schon jetzt damit beginnt, unsere Häuser zu bewachen", ist sich Constantin sicher. "Der Weg, der uns erwartet, wird kein Zuckerschlecken."


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Daniel García Marco/dpa/cap

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
hobbyleser 02.03.2014
1. Geheimdienst ja, aber..
..nicht erst nach der Rückfahrt und auch nicht der, den sie befürchten. ;)
imlattig 02.03.2014
2. es gibt wesentlich....
mehr US amerikaner die in kuba studieren, als kubaner die dies in der USA machen. diese US buerger die nach dem studium in fie USA zurueckkehren, werden auch geheimdienstlich ueberprueft.
meckerziege24 02.03.2014
3. Tag fuer Tag
wenn ich an meinen Computer arbeite wartet der Geheimdienst auf mich ...
BettyB. 02.03.2014
4. Nun ja...
Man sollte doch annehmen. dass die Studenten schon vorher vom Geheimdienst überprüft, überwacht und wohl auch angeworben wurden...
testthewest 02.03.2014
5.
Zitat von hobbyleser..nicht erst nach der Rückfahrt und auch nicht der, den sie befürchten. ;)
Nur das die NSA eigentlich recht nett ist für einen Geheimdienst. Er liesst nur ihre emails und forenpostings. Die Geheimdienste aus Diktaturen gehen weniger zimperlich vor. Nur scheinen hier viele den Unterschied zwischen "Email-mitlesen" und "abholen und auf die Streckbank" nicht zu kennen. Im Endeffekt sollte man all die Linkswähler in Deutschland nach Kuba schicken. Dann sehen sie, dass Kapitalismus selbst im Höhepunkt eines Bankencrashes immernoch deutlich angenehmer ist, als Sozialismus und keine Banken. Ja, die Herrschaft des Geldes ist weit humaner, fairer und freier als die Herrschaft des "Volkes".
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