Junge Oppositionelle gegen Lukaschenko Weißrusslands Wutstudenten

Sie riskieren ihre Karriere, vielleicht ihr Leben: Viele Studenten in Weißrussland begehren auf gegen das Regime von Alexander Lukaschenko. Sie schleusen Nachrichten zu politischen Gefangenen und trauen sich zu Protesten auf die Straße - sie müssen aber den mächtigen Geheimdienst fürchten.

REUTERS

Von André Eichhofer, Minsk


Jetzt, in diesem Moment, sind Anspannung und Aufregung weit weg, auch die Menschenmassen, mit denen Viktor im Dezember auf die Straße ging. Hier, im Café Mistrel im Zentrum von Minsk, läuft russische Popmusik, ein Beamer wirft New-York-Fotos an die Wand, draußen ist es dunkel, Schnee liegt auf den Straßen. Viktor, 22, Student, wägt dennoch sehr genau ab, was er sagt.

Er erzählt, wie er im Dezember auf dem Oktoberplatz gegen Präsident Lukaschenko demonstrierte, Tausende waren dabei. Er erzählt, wie die Polizei die Menschenmenge niederknüppelte, wie Freunde und Bekannte im Gefängnis landeten.

Die Wut hatte sich entzündet am offiziellen Ergebnis der Präsidentschaftswahl am 19. Dezember: Präsident Alexander Lukaschenko soll 79,67 Prozent der Stimmen erhalten haben. "Eine Farce", sagt Victor. Auch die Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nannten es eine undemokratische und fehlerhafte Wahl.

Am Abend versammelten sich damals 20.000 Menschen, warfen Lukaschenko Betrug vor. Der oppositionelle Präsidentenkandidat Wladimir Nekljajew wurde von der Polizei bewusstlos geschlagen, später ins Gefängnis verschleppt. Viktor sagt, dass mehr als 600 Demonstranten festgenommen wurden, manche wurden demnach weggesperrt für bis zu 15 Tage.

Offiziell engagieren sie sich als Studentenräte - inoffiziell im Widerstand

Behördenwillkür ist Viktor nicht fremd. Sie spiegelt sich auch in der Geschichte der Hochschule, an der er studiert. Die Europäische Humanistische Universität war früher in Minsk, wurde aber 2004 geschlossen und musste umziehen, ins Exil nach Litauen. Studieren kann Viktor zwar die meiste Zeit von Minsk aus, doch für die Prüfungen muss er nach Vilnius.

Neben ihm im Café sitzt Oles, 21, ein Freund von Viktor. Er studiert Ingenieurwissenschaft an der Technischen Universität in Minsk. Beide sind Mitglied im Studentenrat, das ist ihre offizielle Funktion. Inoffiziell wagen sie etwas ganz anderes: Viktor und Oles helfen politischen Gefangenen. Sie gehören zur einer Generation, die viel riskiert für mehr Demokratie. Sie setzen ihre Karriere aufs Spiel, vielleicht ihr Leben.

Wut und Hoffnung treiben sie an: Wut auf ein autokratisches Regime, Hoffnung auf ein Land, in dem sie frei ihre Meinung sagen dürfen. Die Wutstudenten Weißrusslands schüren die Proteste mit an.

Wie die Studenten eine Geheim-Post für Gefangene organisierten

Ihren letzten Einsatz hatten sie nach der Präsidentenwahl, als Demonstranten zu "administrativen Strafen" verurteilt worden waren, wie das Wegsperren in der Behördensprache heißt. Viele saßen im Okrastina-Gefängnis bei Minsk. "Dort herrschten chaotische Zustände", sagt Oles. "Gefangene bekamen tagelang nichts zu essen und einen Tag lang kein Wasser." Wärter, die helfen wollten, hätten den Häftlingen Schnee zu essen gegeben. Verletzte seien nicht versorgt worden, Angehörige zu Hause hatten keine Ahnung, wo ihre Familienmitglieder steckten.

Oles greift in seine Tasche und legt einen Stapel Postkarten auf den Tisch. "Diese Postkarten haben Angehörige an ihre Familienmitglieder geschrieben, die im Gefängnis saßen." Viktor und Oles haben die Postkarten eingesammelt und versucht, an die Häftlinge weiterzuleiten. Auf die Rückseite jeder Karte hatten sie Zettel mit Telefonnummern von Hilfsorganisationen und Rechtsanwälten getackert. Doch die Operation war nur teilweise erfolgreich: Einige Karten erreichten ihr Ziel, viele allerdings nicht. "Wir standen mit einem Sack voll Postkarten vor dem Gefängnis", erinnert sich Viktor. "Dann wurden wir von der Polizei verjagt."

Fast alle Demonstranten sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Doch das Regime lässt nicht locker, überprüft jeden, der sich an den Protesten beteiligte. Zwei weißrussische Mobilfunkbetreiber hätten Ortungsdaten ihrer Kunden an die Polizei weitergegeben, berichten Oles und Viktor. "Die Polizei hat mich angerufen und mich auf die Wache bestellt", sagt Viktor. "Sie hätten anhand meiner Handydaten festgestellt, dass ich bei der Demonstration dabei war."

"Die Polizei will jeden, der sich an Protesten beteiligt hat"

Dass die Behörden Handy-Daten auswerten würden, sagt auch Andrej Jurow, Leiter der "International Observation Mission", einer Gruppe von Menschenrechtlern in Minsk. "Die Polizei will jeden in die Finger kriegen, der sich an der Demonstration am Wahlabend beteiligt hat", sagt Jurow.

Lukaschenko regiert seit 1994 - und noch immer hat der autoritäre Herrscher Unterstützer. Rentner etwa halten dem Mann mit dem Schnauzbart zugute, dass er die Pensionen pünktlich auszahlt. Andere sind froh, dass der Lebensstandard etwas höher ist als in den Nachbarländern Russland und Ukraine. Die Hauptstadt Minsk ist aufgepäppelt, die Straßen sind sauber gepflastert, die U-Bahn-Stationen sind blitzblank. Das sei Lukaschenkos Verdienst, finden sie.

"Viel Geld fließt aus Russland in die weißrussische Wirtschaft", sagt Alexander Apeikin vom Liberalen Club, einer oppositionellen Vereinigung junger Weißrussen. Der Club ist keine Geheimorganisation, er ist bei den Behörden angemeldet. Seine Mitglieder stehen dem Politiker Jaroslaw Romantschuk nahe, der als Kandidat der Bürgerpartei angetreten war. Apeikin erklärt: Russland ist der größte Handelspartner, jahrelang lieferte der Nachbar Erdgas und Rohstoffe zu Vorzugspreisen.

Die Studenten-WG als Einsatzzentrale

Alexander Apeikin teilt sich mit zwei Mitstreitern eine Wohnung im Minsker Bezirk Kamenogorsk. Sie ist WG und Hauptquartier zugleich. In der Küche stapeln sich Pfannen, wie in vielen Studentenbuden. Doch obwohl der Liberale Club registriert ist, leben seine Mitglieder nicht ungefährlich. "Einer unserer Freunde musste nach Estland emigrieren", sagt Apeikin. Der Student hatte Comics gezeichnet, in denen er sich über Lukaschenko lustig machte.

Auch bei der Kommunikation müssen die jungen Oppositionellen vorsichtig sein. "Es ist ganz normal, dass der Geheimdienst Handys abhört, auch E-Mails werden mitgelesen", sagt einer der Mitstreiter. Deshalb vernetzen sich die Mitglieder über Facebook, Nachrichten tauschen sie über Skype aus.

Mit dabei im Liberalen Club ist auch Tatsiana. Die 20-jährige Wirtschaftsstudentin holt eine Gitarre hervor, spielt ein weißrussisches Volkslied. Nächste Woche, sagt Tatsiana, habe sie an der Uni eine Prüfung, in der es um die Wirtschaftspolitik der Regierung gehe. Tatsiana zeigt ein Paar Ohrringe, auf denen ein rotes Wappen mit einem Ritter zu sehen ist - das alte weißrussische Nationalwappen. Es ist mittlerweile ein Symbol der Opposition.

Die werde sie zur Prüfung tragen, sagt Tatsiana. Ihr könne nichts passieren: "Der Professor kann Lukaschenko auch nicht leiden."

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.