Junge Vollzeitaktivistin Von Beruf dagegen

Plakate malen, Gleise blockieren, gegen Atomkraft demonstrieren: Das macht Hanna Poddig nicht nebenbei, sondern als "Vollzeitaktivistin". Die 24-Jährige ist sich für keine Protestaktion zu schade. Ein bisschen Geld verdient sie - was sie noch zum Leben braucht, fischt sie manchmal aus Müllcontainern.

Rotbuch Verlag

Von Nadja Schlüter


Hanna ist 2,57 Meter groß, und man muss sich strecken, um ihr die Hand zu geben. Sie läuft auf Stelzen vor dem Berliner Hauptbahnhof auf und ab, wo sich gerade mehrere hundert Menschen zur Anti-Atom-Demo versammeln. Ihre überlange blau-gelbe Hose und die contratom-Flagge an ihrem Rucksack flattern im Wind, der ihr schließlich auch den Zylinder vom Kopf fegt. Sie muss jemanden bitten, ihn aufzuheben, weil sie sich nicht bücken kann.

Im Tausch bekommt der Mann einen Flyer für die Aktionstage gegen Gentechnik und Atomkraft. An denen soll es Workshops geben, Blockaden und Straßentheater. Denn eine Demo wie hier, sagt Hanna, "ist schon okay, ich will den Leuten das ja nicht kaputt reden. Aber ich finde, man sollte mehr tun als im Kreis laufen und sein Gewissen beruhigen."

Hanna Poddig ist 24 Jahre alt. Sie isst vegan und bezieht Ökostrom. Ihre Nächte verbringt sie an ein Gleis gekettet oder auf einem Acker, um einen Bundeswehrtransport oder die Aussaat von Genmais zu verhindern. Ihre Tage verbringt sie damit, Kletterer zu organisieren, die dann auf das Brandenburger Tor steigen und ein Banner gegen Kohlekraftwerke aufhängen. Oder sie leitet Workshops und nimmt an Podiumsdiskussionen teil. "Ich mache das Vollzeit", sagt Hanna.

Die Eltern prägten ihre Rebellion

Dabei sieht sie gar nicht so aus. Ohne Stelzen ist sie klein und schaut mit ihren blonden Haaren brav aus. Sie hat ein freundliches Gesicht, Härte oder Bitterkeit ist da nicht zu sehen. Wenn man etwas nicht tun sollte, dann zu Hanna sagen, sie sehe nicht wie eine Aktivistin aus. Dann fragt sie sofort, wie eine "typische" Aktivistin denn auszusehen habe.

Hannas Weg: Mit 16 leitet sie eine Gruppe der Jugendorganisation Bund Naturschutz, bevor sie Mitglied der Umweltorganisation "Robin Wood" wird. Nach dem Abitur beginnt sie eine Artistikausbildung in Berlin. "Das habe ich aber schnell wieder sein lassen, da ging es mehr um Hochleistungssport als um Kunst", erzählt sie. Zum Teil ist Hanna dem Stelzenlauf und dem Jonglieren treu geblieben - sie verbindet beides mit ihrem Aktivismus, der nun ihr Leben ausfüllt. Protest ist ihr Alltag geworden. Wenn sie etwas stört, dann geht sie dagegen vor.

"Meine Eltern haben mich mit auf Demos genommen und mit mir über das geredet, was uns umgab: geplante Müllverbrennungsanlagen, geplante Autobahnen, bestehende AKW", erzählt Hanna. Vor allem die Blockade der Rhein-Main-Airbase anlässlich des Irak-Kriegs im Jahr 2003 hat ihre persönliche Rebellion geprägt. Auf Hannas Teilnahme folgte eine Ordnungswidrigkeitsanzeige. "Das hat mir die Hemmschwelle genommen", sagt sie. Sie hat schon einige Male in einer Zelle gesessen und Kacheln gezählt, weil sie nach einer Aktion in Gewahrsam genommen wurde. Sie sagt, dass sie sich daran gewöhnt hat.

Wählen? Findet Hanna zum Gruseln

Auf der Berliner Demo trifft Hanna alle paar Meter jemanden, den sie kennt, der zu ihr hoch schaut und mit ihr plaudert. Dann geht es nicht immer um Feldbesetzungen oder Kletteraktionen, sondern auch mal darum, wer mit wem Schluss gemacht hat oder was man Samstagabend unternimmt. Aber es ist nicht so, dass Hanna alle Leute auf der Anti-Atom-Demo mag. "Es nervt mich, dass hier alle so tun, als seien sie sich einig. Die Grünen laufen auch mit, und mit denen bin ich mir absolut nicht einig."

Sie weist auf die vielen Plakate mit dem Logo der Grünen hin. "Die machen hier Wahlkampf - das finde ich nicht okay. Der ganze Atomkonsens mit Restlaufzeiten wäre doch ohne die gar nicht möglich gewesen. Und sie haben den Widerstand auf der Straße geschwächt. Dabei wird der Atomausstieg nur durch den Druck von außen kommen." Als Hanna Pause vom Stelzenlaufen macht und am Brandenburger Tor zum Essensstand geht, trampeln sie und ein Freund fest über ein abgerissenes Grünen-Wahlplakat. Sie lachen sich an dabei. Es ist eine Art ernstgemeinter Scherz.

Hinter Hannas Ärger steckt aber mehr als nur Politikverdrossenheit. Hanna hat bei der Bundestagswahl nicht gewählt. Das parlamentarische System ist in ihren Augen nichts, das man unterstützen sollte. "Ich finde die Vorstellung, dass ich meine Stimme abgeben soll, damit mich jemand anderes regiert, gruselig. Ich glaube, es gibt niemanden, der etwas Sinnvolles für mich entscheiden kann. Das kann nur ich selbst", sagt sie und fasst ihre Meinung in einem Satz zusammen: "Keine Macht - für niemanden".



insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
Viva24 21.10.2009
1. Leute die für Ihre Sache eintreten sind immer gut!
Wenn mam mal schaut, so gibt es kaum noch politische Auseinandersetzungen in Parteien. Es wird von oben delegiert. Die in der Verfasunng zugesprochenen Aufgaben von Parteien finden nicht mehr statt. Nun tut sich was auf den Strassen und das ist gut so!.
Meinungsmarktbeiträger 21.10.2009
2. Hut ab .....
Hanna, Du denkst in die einzig richtige Richtung, bist mir dabei aber zu kompromisslos. Vor Deinem großen persönlichen Einsatz habe ich auf jeden Fall den höchsten Respekt!
viribus, 21.10.2009
3. Es lebe die Pseudo-Revolution
Zitat von sysopPlakate malen, Gleise blockieren, gegen Atomkraft demonstrieren: Das macht Hanna Poddig nicht nebenbei, sondern als "Vollzeitaktivistin". Die 24-Jährige ist sich für keine Protestaktion zu schade. Ein bisschen Geld verdient sie - was sie noch zum Leben braucht, fischt sie manchmal aus Müllcontainern. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,654637,00.html
Der demokratische Wohlfahrtsstaat ist schon eine praktische Sache. Wo sonst, wenn nicht hier, kann man ein bisschen Teilzeit-Che-Guevara spielen und sich furchtbar "revolutionär" geben. Sollte einem der Spass vergehen, fängt einen die Gesellschaft schon mit Sozialhilfe auf und eine Rückkehr ins "08/15 Spiessbürgerleben" ist auch jederzeit möglich. Vor dem "bööösen" Staat und den "bööösen" Grosskonzernen muss man auch keine Angst haben bei den ganzen "Protesten"; hier gibts keine Geheimknäste, Folterkommandos und Schlägertrupps wie in Iran, China o.ä. also voller Revolutionsspass mit Null Risiko, was will man mehr? Ich habe grössten Respekt vor Leuten die wirklich gegen totalitäre Regime aufbegehren. Das aber, was wir hier haben, ist spätpubertärer Kinderkram von Leuten, die das normale Arbeitsleben schlicht angurkt.
qwer 21.10.2009
4. Sich für etwas einzusetzen
ist natürlich sehr begrüßenswert. Die Dame hier setzt sich aber leider nur gegen etwas ein. Solche Aktivisten braucht keine Gesellschaft.
lemming51 21.10.2009
5. Erinnerung
Erinnert mich so' n bisschen an eine frühe Freundin (ca.1969), die nie Zeit zum Ausgehen oder für Unternehmungen hatte, weil sie immer "agitiern" gegen musste. War damals schon recht komisch. Andrerseits: es gibt also noch Ausnahmen bei der "Irgendwie-Generation".
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