Juristisches Staatsexamen Bessere Noten im Norden und Westen

Hat der Prüfungsort Einfluss auf die Note beim Jura-Examen? Geraunt wird darüber schon lange - jetzt zeigt eine Studie: In einigen Bundesländern gibt es tatsächlich häufiger gute Noten als in anderen.

Justitia urteilt ohne Ansehen der Person. Urteilen die juristischen Prüfungsämter auch ohne Ansehen der Examenskandidaten?
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Justitia urteilt ohne Ansehen der Person. Urteilen die juristischen Prüfungsämter auch ohne Ansehen der Examenskandidaten?

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Wenn sich nach einem langen Tag bei juristischen Fachkonferenzen rotweinselige Müdigkeit breit macht, "dann weckt ein Thema garantiert alle Kollegen wieder auf: die Staatsexamensnoten", sagt Lorenz Kähler, Jura-Professor an der Universität Bremen. Genauer: die Frage, ob das juristische Examen in Bayern oder Bremen, in Brandenburg oder im Saarland leichter oder schwerer ist.

Zu ihren Noten pflegen Juristen ohnehin eine ganz eigene Beziehung. Einsen gibt es so gut wie nie. Wer mit einem "Vollbefriedigend" das zweite Staatsexamen absolviert, gilt in der Szene schon fast als Überflieger. Lorenz Kähler und seine Kollegen Uwe Engel und Franziska Ritter wollten deshalb in ihrer Studie klären, was dran ist am Mythos vom angeblich leichteren Staatsexamen in bestimmten Bundesländern. Ihre Untersuchung erscheint diese Woche in der "Zeitschrift für Rechtssoziologie".

"Ja, es gibt Differenzen bei den Noten", sagt Lorenz Kähler, "letztlich aber ist die Bewertungspraxis vergleichsweise homogen." Generell lasse sich zwar bei den Noten ein Nord-Süd-Gefälle und ein West-Ost-Gefälle nachweisen: "Es kommt aber immer auf die einzelnen Bundesländer an." Juristen erhalten ihre Noten auf einer bundesweit einheitlichen Punkteskala von 0 bis 18; mit vier Punkten hat man bestanden. "Sehr gut" gibt es nur für 14 bis 18 Punkte.

Nur zehn von 16 Ländern machten mit

Die Debatte über die Unterschiede werde zwar schon seit Jahrzehnten geführt, bisher hatte es aber nie eine systematische Auswertung gegeben, sagt Lorenz Kähler. Ursprünglich wollten die Bremer Forscher deshalb einen bundesweiten Vergleich anstellen - doch nur zehn Bundesländer lieferten die benötigten Daten.

Ausgewertet wurden nun die Noten beim ersten und zweiten Staatsexamen von mehr als 18.400 Jurastudenten aus den Jahren 2009 bis 2014. Die Notenskala lag zwischen vier und 14,4 Punkten.

Die Studie zeigt:

  • Bei den vergebenen Noten gibt es "erhebliche Unterschiede", schreiben die Autoren. "So schwankt die Häufigkeit der Note 'gut' in der ersten Staatsprüfung von 0,9 % in Mecklenburg-Vorpommern bis hin zu 12,1 % in Sachsen-Anhalt." In Berlin erreichten 34,7 % der Absolventen ein "vollbefriedigend", im benachbarten Brandenburg nur 14,8 Prozent.
  • "Eklatante Unterschiede" gibt es auch in der zweiten Staatsprüfung nach dem Referendariat. "Während 2014 in Hamburg 6,7 Prozent der Kandidaten ein 'Gut' erreichten, waren das in Rheinland-Pfalz nur 0,3 Prozent." Und die Durchfallquote der zweiten Staatsprüfung schwankte zwischen niedrigen 5,7 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern und beeindruckenden 26,6 Prozent in Bremen.

Ausgewertet wurden Fälle, in denen die Studenten zwischen den Prüfungen das Bundesland gewechselt hatten. Da die beiden Noten mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit eng beieinander liegen, konnten die Forscher bei den Wechslern Rückschlüsse auf die unterschiedliche Bewertung in den Ländern ziehen.

Hochnäsigkeit ist unangebracht

Die größten Abweichungen ergaben sich dabei für Wechsler von Nordrhein-Westfalen nach Bremen, die eine durchschnittliche statistische Verbesserung um 1,6 Wertungspunkte erzielten. Wer von Hessen nach Baden-Württemberg wechselte, verbuchte dagegen im Durchschnitt einen Verlust von 1,1 Punkten.

Daraus allerdings die Empfehlung abzuleiten, dass Jurastudenten vor dem zweiten Staatsexamen gezielt in bestimmte Bundesländer wechseln sollten, hält Lorenz Kähler für absurd. Eher sollten sich seine Professorenkollegen selbstkritisch fragen, warum sie im Ländervergleich ihre jeweilige Position einnähmen.

Und Kähler hat noch eine zweite Empfehlung parat: Hochnäsigkeit gegenüber vermeintlich leichteren Examen in anderen Bundesländern sei völlig fehl am Platz. Denn Unterschiede seien zwar da, aber nicht außergewöhnlich hoch. Lorenz Kähler: "Ein Richter mit zehn Punkten im zweiten Staatsexamen aus Bremen ist immer noch besser als ein Acht-Punkte-Richter aus Bayern."



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