Jura-Studienreform "Eine gute Ausbildung ist da ausgeschlossen"

Baden-Württemberg und Sachsen wollen die Juristenausbildung reformieren. Vor allem mehr Praxisnähe soll es so geben. Doch nicht alle Juristen sind begeistert. Cord Brügmann vom Deutschen Anwaltverein warnt im Interview mit SPIEGEL ONLINE vor Halbwissen und Erfahrungsmangel.


SPIEGEL ONLINE: Die Justizminister von Baden-Württemberg und Sachsen wollen die Juristenausbildung reformieren und versprechen vor allem mehr Praxisnähe. Das müsste doch im Sinne der Anwälte sein.

Rechtsanwalt Cord Brügmann: Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins
Deutscher Anwaltverein

Rechtsanwalt Cord Brügmann: Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins

Cord Brügmann: Praxisnähe ist gut! Dazu gehört aber nach unserer Ansicht auch eine post-universitäre Ausbildung in praktischen Dingen. Praxiserfahrungen vor allem in ein Masterstudium zu pressen, genügt aus unserer Sicht überhaupt nicht. Das Ziel muss sein, dass am Ende der Juristenausbildung ein wirklich berufsfertiger Anwalt steht.

SPIEGEL ONLINE: Erklären Sie uns doch bitte, was sie mit "post-universitärer Ausbildung" genau meinen.

Brügmann: Heute heißt das Referendariat. Das ist eine praktische Ausbildung, die zwei Jahre dauert. In dieser Zeit lernen angehende Juristen verschiedene Berufsfelder kennen. Es geht darum, die Anwendung von Recht zu lernen. Das heutige Referendariat ist zwar auch nicht ideal, weil es einzig und allein auf den Richterberuf vorbereitet. Es deswegen abzuschaffen, ist aber keine gute Idee. Wir möchten gern eine zweijährige Praxisphase behalten.

SPIEGEL ONLINE: Der Reformvorschlag sieht doch aber vor, dass die Jura-Studenten im Masterstudium Praxisluft schnuppern sollen.

Brügmann: In der Tat soll in das Masterstudium eine einjährige Praxisausbildung integriert werden. In dieser kurzen Zeit sollen alle möglichen juristischen Berufe kennen gelernt werden. Da kann doch aber keine vernünftige Ausbildung stattfinden!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Angst vor einer Flut von Schmalspurjuristen?

Brügman: Das wäre in der Tat ein großes Problem. Was wir in der Anwaltschaft brauchen, ist Nachwuchs, der in Theorie und Praxis gut ausgebildet ist. Dafür ist es übrigens auch wichtig, dass eine Staatsprüfung am Ende der Ausbildung bestehen bleibt. Denn gelernt wird nur, was auch geprüft wird.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre schlimm daran, wenn es die Staatsprüfung nicht mehr gäbe?

Brügmann: Ich befürchte, dass wir dann eine Situation bekämen wie bei den Architekten. Da gibt es hervorragende Studiengänge an den Fakultäten. Und dann müssen angehende Architekten völlig unreglementiert in Architektenbüros eine bestimmte Zeit jobben, um nach einiger Zeit den Titel Architekt tragen zu können. Eine gute Ausbildung für die breite Masse ist da ausgeschlossen.

Das Interview führte Christoph Seidler.



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