Jurastudium Diese Jobchancen haben Juristen mit schlechten Examensnoten

40.000 oder 140.000 Euro Einstiegsgehalt: Darüber entscheiden bei Juristen die Staatsexamina. Doch es gibt viele Alternativen zur Anwaltskanzlei und zum Richterberuf - ob mit schlechten oder guten Noten.

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Die juristische Fakultät der Uni Regensburg, Mitte der Neunzigerjahre. Sechs Erstsemester sitzen gemeinsam in ihrer ersten Vorlesung. 20 Jahre später haben alle ganz unterschiedliche Karrieren gemacht. Einer ist heute Finanzbeamter, einer ist Rechtsanwalt, einer Richter, einer arbeitet in einem Ministerium, einer in einem Landratsamt und der Sechste in einem großen Unternehmen.

Nur eine Geschichte von vielen, aber doch typisch. Denn obgleich das Jurastudium sehr streng geregelt ist: Was und wo die Absolventen hinterher arbeiten, ist sehr unterschiedlich. Zwar wird der überwiegende Anteil der Volljuristen, wie Rechtswissenschaftler mit zwei Staatsexamina heißen, tatsächlich Anwalt. Doch es gibt noch viele andere Möglichkeiten.

Richter und Staatsanwälte können sie werden oder in die Rechtspflege von Behörden aller Art gehen. Jobs gibt es auch in der Rechtsabteilung von Unternehmen, bei Verbänden, Wirtschaftsprüfern oder Steuerberatungskanzleien sowie in Lehre und Forschung. Und das sind nur die klassischen Berufe.

Denn es gibt auch immer mehr Absolventen, die sich weitere Qualifikationen aneignen und sich etwa auf Wirtschaftsrecht spezialisieren oder sich technisch ausbilden lassen. "Die Digitalisierung kommt auch in der Rechtsbranche an", sagt Micha-Manuel Bues. Der promovierte Jurist ist Geschäftsführer des Unternehmens Leverton in Berlin. Das Start-up entwickelt Software, mit der sich zum Beispiel Verträge auslesen und so Rechtsfragen bearbeiten lassen. Legal Tech nennt sich diese relativ neue Branche.

Manchmal sind die Noten schlechter als gedacht - und dann?

"Für diese Arbeit brauchen wir Leute, die juristischen und technischen Sachverstand mitbringen", sagt Bues. Dieses Querschnittswissen müssen sich Juristen allerdings meist selbst zusammensuchen. Denn nur an wenigen Hochschulen gibt es Lehrveranstaltungen für Juristen in Bereichen wie Data Science oder Informatik.

Auch Projektmanagement wird künftig ein wichtiger Arbeitsbereich für junge Absolventen sein, glaubt Bues: "Immer mehr Fälle werden in Projekte aufgeteilt und bearbeitet, um Prozesse zu beschleunigen und zu vereinfachen." Nicht nur in großen Kanzleien und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften werde Effizienz immer wichtiger. "Auch in der Verwaltung wird man das brauchen, um Gelder einzusparen." Für diesen Bereich reiche in vielen Fällen das Diplom der Wirtschaftsjuristen oder das erste Staatsexamen.

Welcher Bereich der Rechtswissenschaften und welche Art von Arbeitgeber für sie ideal sind, sollten sich angehende Juristen schon während des Studiums klarmachen - mit Praktika. "Das Jurastudium bietet mit zwei Pflichtpraktika in der Rechtspflege und Verwaltung bereits die Chance, Einblicke in unterschiedliche Berufszweige zu erhalten", sagt Andreas Nadler, Generalsekretär des Vereins Deutscher Juristentag in Bonn. Auch das Referendariat vor dem zweiten Staatsexamen kann da eine sinnvolle Orientierung sein.

Manchmal kommt es dann nach dem Studium aber doch anders, als man denkt - was häufig mit den Examensnoten zu tun hat. Wer zweimal mit "Vollbefriedigend" aus Klausuren und mündlicher Prüfung geht, kann sich den Job fast aussuchen. Wer dagegen nur einmal oder gar nicht die magischen neun Punkte schafft, hat es nicht ganz so leicht. Eventuell lohnt sich dann eine weitere Qualifikation: Zum Beispiel mit einer Promotion oder einem der angelsächsischen Titel Master of Laws (LL.M.), Master of Comparative Jurisprudence (M.C.J.) oder Master of Business Law (M.B.L.).

Jurastudium: Unterlassene Hilfeleistung

Doch es gibt auch für die Vielzahl der Absolventen, die nicht zu den Top-Juristen ihres Jahrgangs gehören, eine breite Auswahl von Arbeitgebern. "Verbände, Kammern, die Verwaltung des Deutschen Bundestags, das Auswärtige Amt, die BaFin, die GIZ oder das Bundeskartellamt, europäische oder internationale Organisationen haben immer Bedarf an jungen Juristen und können ein hervorragendes Karrieresprungbrett sein", sagt Christoph Wittekindt, Leiter der Personalvermittlung Legal People Germany.

Und auch der Staat bietet zahlreiche Arbeitsbereiche, an die man nicht direkt denkt. Andreas Nadler nennt etwa die Option, als Verwaltungsjurist bei Ministerien und Behörden zu arbeiten - darunter etwa das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst, die Bezirksregierungen, die Polizei oder die Kommunalverwaltung.

Wer auf das große Geld aus ist, muss im Studium aber hervorragende Leistungen bringen: "Generell gilt: Je besser die Noten, desto höher das Gehalt", sagt Wittekindt. In großen Kanzleien verdienen Einsteiger zwischen 75.000 und 140.000 Euro, dafür brauchen sie allerdings zwei sehr gute Examen und am besten einen Doktor oder einen entsprechenden internationalen Titel sowie Fremdsprachenkenntnisse. Zum Vergleich: In einer kleineren Kanzlei steigt ein Jungjurist mit einem Jahresbruttogehalt von 40.000 bis 60.000 Euro ein.

lgr/dpa/Verena Wolff



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tubolix 23.08.2017
1. Verhungern muß keiner
Und wer sonst zu gar nix taugt verdient seine Brötchen eben mit Abmahnungen.
keine-#-ahnung 23.08.2017
2. 140.000 Euronen als Einstiegsgehalt ...
... entspricht in etwa dem ehemals meinigen. Da hatte ich als (promovierter) "Arzt im Praktikum" mit Einser-Examensschnitt auch so ungefähr .... 18.000? Also ... D-Mark natürlich. Die Welt ist sooooo ungerecht ;-)
smartphone 23.08.2017
3. gepflastert
Also solche Karriereverläufe können sie in dieser Einfalt für fast jedes Studium erstellen ...es soll sogar Leute geben die mit drei abgebrochenen Studiums sogar Minister sind. Fakt ist das Jurist seit xx Jahren ein Looserstudium ist , ich kenne einige die "in der Not" auf Immobilienmakler machen - bekanntlich eine Existenz, für die man gar keine Ausbildung benötigt.... Der "Bedarf" und die Wirklichkeit ist überall zu sehen nur 5% der MINT Absolventen , die ja ach so händeringend gesucht, finden überhaupt einen adäquaten Job .....
TheHotHatCat 23.08.2017
4. Schlecht recherchiert
Mit 40 Tsd Einstiegsgehalt fängt niemand an, auch in keiner kleineren Kanzlei, der keine besseren Noten hat. Auch das BKA und ähnliche Behörden wollen mind 2x befriedigend. Diese Ausbildung ist viel zu lang und geht an der Realität im späteren Arbeitsleben komplett vorbei. Allerdings stimme ich zu, dass man sich bereits während des Studiums klar machen muss, wo man hin möchte. Sonst wird es hinterher sehr schwer. Und zum "Verhungern muss keiner" Im Arbeitsamt und Jobbcenter sind alle gleich (arm) ;)
quadraturdeskreises 23.08.2017
5. Naja
Ich bin selbst Jurist und kenne auch viele Juristen. Was die Berufswahl angeht, mag der Artikel ja stimmen. Aber was die Berufschancen gerade bei den nicht vollbefriedigenden Kandidaten angeht, ist der Artikel unhaltbar. Bitte mal dringend die Gehaltspraxis nachrecherchieren.
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