Kanzler der "U18" Wen Jugendliche wählen würden

Die Wahl ist gelaufen. Zumindest bei den Kindern und Jugendlichen. Und beim Projekt Jugendwahl des Netzwerks "U18" gibt es auch einen glasklaren Sieger. Doch gleich drei Parteien liegen Kopf an Kopf zwischen 10 und 20 Prozent.


Wahlurne: 20.000 Jugendliche haben bereits gewählt
DDP

Wahlurne: 20.000 Jugendliche haben bereits gewählt

Bundeskanzler Gerhard Schröder kann sich freuen: Hätten Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren die Chance, am kommenden Sonntag die Wahlkabinen zu stürmen, stünden ihm und seiner SPD ein Erdrutschsieg bevor. Das legen zumindest die Ergebnisse der "Jugendwahl" nahe, die bereits am 9. September lief: Organisiert vom Netzwerk "U18" haben insgesamt 48.461 Kinder und Jugendliche in bundesweit 583 Wahllokalen ihre Stimme abgegeben.

Bei der Wahl erreichte die SPD fast 39 Prozent. Von Wechselstimmung findet man in den Reihen der Jugendlichen keine Spur: Die CDU ist zwar zweitstärkste Kraft, kommt bei den Nachwuchswählern jedoch nur auf 16,7 Prozent. Die Grünen versammeln 13,9 Prozent der Stimmen auf sich, die Linkspartei erreicht 11,5 Prozent.

Das Projekt "Jugendwahl" gibt es schon seit 1996. Damals begann es als Einzelaktion in einem Berliner Jugendclub. Doch die Idee wuchs im Laufe der Jahre, immer mehr Institutionen beteiligten sich daran. Zur Bundestagswahl 2002 hatten bereits Kinder und Jugendliche in ganz Berlin über die politische Zukunft Deutschlands entschieden und über 20.000 Jugendliche ihre Stimmen abgegeben. Damals lag das Durchschnittsalter der Wähler bei 15 Jahren, wenige waren jünger als acht Jahre. Das dürfte auch in diesem Jahr so gewesen sein. "Wir werten noch aus", erklärt Anja Baer von "U18", einem Zusammenschluss aus Sozial-Institutionen, Vereinen und Einzelpersonen.

Dabei sei "U18" kein Lobby-Verein für die Einführung des Jugendwahlrechts auf Bundesebene. "Natürlich ist das ein zentrales Thema", sagt Baer, "aber unser Projekt ist rein pädagogisch, wir kämpfen nicht für politische Veränderungen." Die Jugendwahl solle jedoch zeigen, dass auch Kinder und Jugendliche bereit seien, Verantwortung zu übernehmen.

NPD mit Personalproblem

Doch die Wahlergebnisse bieten für die Pädagogen des Projekts auch Anlass zur Sorge, denn die extremen Parteien sind bei Jugendlichen sehr erfolgreich. Ginge es nach dem Ergebnis der Jugendwahl, hätte etwa die NPD ein echtes Personalproblem. In Fraktionsstärke würden sie mit knapp 6,7 Prozent in den Bundestag einziehen - einen Prozentpunkt vor der FDP. Die NPD könnte in diesem Fall wohl nur mit Mühe genug Abgeordnete zusammenkratzen.

Bei der Aufschlüsselung der Wahlergebnisse nach Bundesländern zeigt sich der Trend noch deutlicher. In Brandenburg und Sachsen, wo die rechten Parteien DVU und NPD bereits im Landtag vertreten sind, ist auch bei den Kindern und Jugendlichen die Unterstützung groß: In Sachsen kommt die NPD auf das bundesweite Rekordergebnis von 16,3 Prozent aller Stimmen, knapp hinter der Linkspartei und deutlich hinter der SPD, aber noch vor der CDU. Kein Wunder, dass die NPD im Wahlkampf große Hoffnungen in die jugendlichen Erstwähler setzt und mit sogenannten Schulhof-CDs vor Jugendheimen und Berufsschulen auf Stimmenfang geht.

Doch auch das andere Extrem ist unter Jugendlichen offenbar verbreitet: Die Linkspartei mit ihren Spitzenkadidaten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi hat mit bundesweit 11,5 Prozent ein bequemes Machtpolster bei den Jugendlichen. Und in einigen Bundesländern sogar mehr als das. In Thüringen etwa erzielte die Partei ein Ergebnis, das selbst die gesteuerten Wahlen kommunistischer Länder übertrifft: Zu 100 Prozent votierten die Jugendlichen dort für die Linkspartei.

Reift also im Land der Bratwurst und der Wartburg eine umstürzlerische, radikale Jugend heran? Irrtum: In Thüringen gab es nur ein einziges Wahllokal. Und zwei gültige Stimmen.

Jens Radü



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