Karriereverweigerer in Cambridge Linguistik fürs Diaphragma

An der Elite-Universität tummeln sich nicht nur Überflieger, die nach dem Examen schnurstracks die Chefetagen oder Lehrstühle stürmen. Manche Absolventen suchen lieber eine kauzige Nische - oder verbringen ihre Tage mit Kochen und Bügeln.

Von Benedikt Mandl, Cambridge


"Ich war in der Endphase meines Studiums und hatte schon Bewerbungen an die üblichen Verdächtigen geschickt", erzählt Erik van der Merwe, "hauptsächlich Unternehmensberater, aber auch Banken und Finanzunternehmen." Der Südafrikaner hatte einige Monate für eine große Investmentbank gearbeitet, ehe er seine Promotion in Produktionstechnik an der Universität Cambridge in Angriff nahm.

Mit seiner Ausbildung als Ingenieur und seinem Interesse an der Finanzwelt sah es ganz danach aus, als würde Erik den traditionellen Pfad eines Cambridge-Absolventen antreten - ab in die City von London, in die Welt der Maßanzüge, Geschäftsessen und Konferenzen.

Es kam anders: Heute ist Dr. van der Merwe hauptberuflich Hausmann. Während seine Frau Caroline Richard als Anwältin eifrig die Karriereleiter aufwärts klettert, verbringt Erik seine Tage mit Kochen und Bügeln. "Ich traf Caroline in meinem letzten Jahr in Cambridge. Mir war bald klar, dass wir uns perfekt ergänzten und ich mir dieses Ideal der Weiblichkeit nicht durch die Finger gehen lassen konnte."

Seine Traumfrau für eine Karriere in London eintauschen? Für Erik keine Option. Seit der Hochzeit ordnet Erik seine eigenen Ambitionen denen von Caroline unter und folgte ihr erst nach London, dann an den Obersten Gerichtshof nach Kanada, schließlich für ein Jahr nach Harvard.

Mit dem Klischee des Cambridge-Absolventen, der nach dem Diplom schnurstracks in die Chefetagen großer Unternehmen wechselt, können sich längst nicht alle "Canterbrigians" identifizieren. Dass Altphilologen mit Oxbridge-Heiligenschein flugs zu Managern werden - das war einmal. Heute sehen sich die Elite-Absolventen zunehmend der Konkurrenz von anderen, oft praktischer orientierten Hochschulen ausgesetzt und wählen alternative Karrierewege.

Nabokov als Schmetterlingsforscher

"Ich habe Freunde, die vor einem Jahr mit mir graduierten und noch immer keinen Job haben", erzählt auch Kat Gold. "Die beziehen lieber Arbeitslosengeld oder kellnern, statt einen Arbeitsplatz anzunehmen, der unter ihren Erwartungen liegt." IFür Müßiggang finden sich in der langen Geschichte von Europas viertältester Universität durchaus prominente Vorbilder. Nachdem der Dichter Rupert Brooke zu Beginn des 20. Jahrhunderts graduiert hatte, mietete er ein Zimmer in Grantchester, einem Dorf unweit von Cambridge. Dort verbrachte er Monate damit, dichtend und lustwandelnd über die Natur zu reflektieren, die Grenzen der menschlichen Sexualität auszuloten oder gemeinsam mit illustren Freunden wie Ludwig Wittgenstein, Maynard Keynes und Virginia Woolf in einem Obstgarten Tee zu trinken.

Wie Brooks war auch der Staatsmann Sir John Harrington ein Mitglied von King's College. Das Patenkind von Königin Elisabeth I. bewies 1596 eine unglückliche Hand für große Regierungsgeschäfte - und ist heute als der Erfinder der Spültoilette bekannt, wofür er sich zu Lebzeiten nur Spott und Häme zuzog.

Ein junger Zoologe russischer Herkunft begann seine Laufbahn in Cambridge 1919 mit einer Studie über die Schmetterlinge der Krim. Eine entsprechende Publikation verfehlte ihre Wirkung bei den Massen, der Schmetterlingsforscher wandte sich lieber Studien russischer und französischer Literatur zu. Heute sind Vladimir Nabokovs entomologische Bestrebungen so gut wie vergessen.

Sogar unter den Superstars der Cambridge-Absolventen findet sich so manche holprige Karriere. Charles Darwin studierte erst Medizin in Edinburgh, ehe er sich Botanik, Geologie und Naturgeschichte in Cambridge zuwandte. Mit dem Reichtum seines Vaters in Aussicht erwies sich der junge Charles als waschechter Bummelstudent, der lieber nach Fossilien buddelte und Käfer sammelte, als für Prüfungen zu lernen. Nach mehreren mäßig erfolgreichen Jahren entließ ihn die Universität mit einem Gnadenabschluss in Theologie. Heute ist der gefeierte Naturforscher nicht nur Lieblingsfeind fundamentalistischer Christen, sondern auch ein Aushängeschild von Cambridge.

Markennamen in Thai übersetzt

In jüngerer Geschichte fällt Tony Armstrong Jones auf, der in Cambridge zwar eifrig ruderte, aber nie seinen Abschluss machte. Heute ist er als Lord Snowdon ein Mitglied der britischen Hochadels und teilt sein Schicksal mit Rajiv Gandhi: Auch der verließ Cambridge ohne Abschluss, eher er indischer Ministerpräsident wurde.

Cambridge brachte auch in jüngster Zeit Querköpfe und Müßiggänger hervor, die mit Dienstwagen und in Gold gefassten Visitenkarten so gar nichts anfangen konnten. Der Neuseeländer Duncan beispielsweise, Rugbyspieler und Kapitän der Unimannschaft von 2002, graduierte in Jura und promovierte danach in Medizin. Anschließend verweigerte er sich sowohl der Welt der Anwälte als auch der Ärzte und begann eine Laufbahn als Seemann. Für SPIEGEL ONLINE war Duncan nicht erreichbar - er weilt derzeit auf hoher See.

Oder Dr. Peter Manasantivongs: Der amerikanische Linguist promovierte vor zwei Jahren und kehrte dann ins heimatliche Kalifornien zurück. Dort arbeitete er einige Monate lang als Freiwilliger für "Rosetta", ein gemeinnütziges Linguistikprojekt. "Mir war schon in einer frühen Phase meines Doktorstudiums klar geworden, dass eine akademische Laufbahn nicht für mich in Frage kommt", sagt Peter. Auf einer Konferenz entdeckte er eine Annonce von "Lexicon Branding". Das Unternehmen aus San Francisco suchte Linguisten, die unbedenkliche Markennamen entwickeln sollten.

Heute evaluiert Peter, ob Namen wie "Elexa" für ein neues Diaphragma in manchen Sprachen einen negativen Beigeschmack haben oder gar an lokale Schimpfwörter erinnern. Seine Entscheidung gegen die Wissenschaft bereut Peter nicht. Er genießt die Tätigkeit in seinem Büro im Herzen von San Francisco, findet sie erfreulich praxisnah und kann sogar unerwartete Meriten auf akademischem Boden vorweisen: "Auf einer Konferenz von Linguisten präsentierte ich im Januar meine erste Fachpublikation - 'Der optionale Gebrauch von tonalen Markern in der Transliteration von ausländischen Markennamen ins Thai'."

Auch Erik, der Hausmann bereut seinen Schritt ans Bügelbrett keineswegs. Es war für ihn eine Frage der Priorität: "Ich finde ein Leben gemeinsam mit meiner Frau wertvoller, als getrennt in verschiedenen Ländern zu arbeiten, nur um meine Karriere loszutreten." Letztlich scheint sich auch seine berufliche Zukunft zu fügen: Im Herbst wird seine Frau eine neue Stelle in Paris antreten, spätestens dann will sich auch Erik nach einem Arbeitsplatz umsehen.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.