Kenias Studenten Alle Rebellion geht vom Campus aus

Der Präsident fürchtet sie, die Polizei jagt sie: Im korrupten Kenia organisieren Studenten die mutigsten und radikalsten Proteste. Nun bereiten sich Polit-Aktivisten der Uni Nairobi auf den Showdown vor, denn bis Ende des Jahres entscheiden die Kenianer über eine neue Verfassung.

REUTERS

Von , Nairobi


13 Zeichen genügen: "5 pm track field". Jonah Osore weiß, was jetzt zu tun ist. Er leitet die SMS an seine Freunde weiter und startet den Computer. Im MSN-Chat sind 17 Kommilitonen online. Er schreibt: "Jungs, Bambule um 5 am Sportplatz." Dann verbreitet er die Nachricht auf Twitter und Facebook - "in 20 Minuten weiß der ganze Campus Bescheid".

Jonah Osore, 23, ist der Vorsitzende der Sonu Nairobi, der mächtigsten und radikalsten Studentenunion Afrikas. Als Osore und seine Kommilitonen im Frühjahr nach der Ermordung eines Polit-Aktivisten auf die Straße gingen, brach in Nairobi der Verkehr zusammen, Geschäfte schlossen, die Polizei rückte mit Panzern und Wasserwerfern an. "Die Politiker fürchten uns, weil sie wissen: Wir können das Land verändern", sagt Osore.

Präsident Mwai Kibaki hat Kenia in den vergangenen Jahren gewaltig heruntergewirtschaftet. Den verbliebenen Reichtum teilen Minister und Clanführer unter sich auf. Anhänger der Sonu, und davon gibt es viele, sagen, die Studenten seien die einzige wirkliche Opposition im Land. Gegner werfen ihnen vor, grundlos gewalttätig zu sein.

Einige hundert Demonstranten haben sich am späten Nachmittag am Sportplatz versammelt. Sie tragen Obama-Shirts und halten Plakate in der Hand: "Change" und "Politicians must face law." Sie protestieren gegen die Regierung, die sich weigert, kriminelle Minister zur Rechenschaft zu ziehen. "Warum zahlen unsere Abgeordneten keine Steuern? Warum müssen sie sich nicht vor Gericht verantworten?", fragt ein Junge mit Rasta-Locken. "Kibaki nach Den Haag!", ruft eine Studentin.

Wie der Asta - nur mit Einfluss

Die Sonu Nairobi hat mit dem Asta in Deutschland nur das Prinzip gemein: Studenten vertreten ihre Interessen. Doch ganz anders als in Deutschland prägt in Kenia Universitätspolitik die öffentliche Debatte. Die Studentenvertreter treffen Wirtschaftsführer und Minister und arbeiten mit der UNEP, der Umweltorganisation der Vereinten Nationen, zusammen.

Ihre schärfste Waffe aber sind "Kamkunjis" - unangemeldete Demonstrationen. Im Internet verabreden die Studenten Ort und Zeit. Bis die Polizei eingreifen kann, haben sich die Demonstrationen meist schon wieder aufgelöst. Zum bislang größten Kamkunji rief die Sonu nach den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2007 auf. Oppositionsführer Raila Odinga hatte die Wahl nach Überzeugung aller Beobachter gewonnen. Doch Amtsinhaber Kibaki weigerte sich abzutreten. Er unterschlug Stimmzettel und erklärte sich zum Sieger.

Die Unruhen, die folgten, waren die heftigsten in der jüngeren Geschichte Kenias. Stammesfürsten und das Militär führten das Land an den Rand eines Bürgerkriegs. In Nairobi brannten Autos und Läden. 1000 Menschen kamen bei den Ausschreitungen ums Leben.

Jonah Osore hielt damals eine Rede auf dem Sportplatz, einem der "Kamkunji Grounds". Er protestierte gegen die Regierung und rief die Demonstranten gleichzeitig zur Besonnenheit auf. Zehntausende hörten ihm zu. Es war der Anfang seiner politischen Karriere.

Aus dem Slum an die Spitze der Studentengewerkschaft

In seinem Zimmer im Studentenwohnheim rattert der Ventilator. Von den Wänden bröckelt der Putz. Es riecht warm, feucht und klebrig nach Katzen. Osore sagt, die nächsten Wochen seien die wichtigsten seiner Amtszeit, denn bis Ende des Jahres sollen die Kenianer per Referendum über eine neue Verfassung entscheiden. "Wir dürfen uns nicht noch einmal für dumm verkaufen lassen."

Jonah Osore ist in einem Slum in Kisumu aufgewachsen, der drittgrößten Stadt Kenias. Seine Mutter starb, als er fünf war; seinen Vater hat er nie gesehen. Als Kind arbeitete er auf dem Bau, als Lastenträger und Schuhputzer, um sich und seine vier jüngeren Geschwister zu ernähren. Von der Gesamtschule schaffte er es aufs Gymnasium und von dort mit einem Stipendium an die Uni Nairobi. Seit drei Jahren engagiert er sich in der Studentenunion, seit einem Jahr ist er im Vorstand. Er sagt, er möchte nach dem Studium für seine Gemeinde in Kisumu arbeiten und später Politiker werden. "Ich will das Land verändern."

Matt sackt die Sonne dem Horizont entgegen. Studenten mit Büchern unterm Arm schlurfen aus dem Hörsaal. Auf der Uni-Wiese werfen sich Jungs eine Frisbee-Scheibe zu, ein Mädchen spielt Gitarre. Die Musik in den Zimmern des Studentenwohnheims schwillt an und legt sich wie eine Decke über den Campus.

Die Universität Nairobi gilt als eine der besten des Landes. 45.000 Studenten studieren hier an 26 Fakultäten. Die Aufnahmekriterien sind streng: Nur Schüler mit Bestnoten erhalten einen Studienplatz. Und die Ausbildung ist teuer, 1600 Euro bezahlen die Studenten jedes Jahr. Gemessen am Durchschnittseinkommen ist Hochschulbildung in kaum einem anderen Land der Welt teurer als in Kenia. Familien verschulden sich, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen. "Wir geben ein Vermögen für unsere Ausbildung aus und finden trotzdem keinen Job", klagt eine Medizinstudentin.

Clinton: "Wenn euch keine Partei überzeugt, gründet eine Partei"

Am nächsten Morgen um 6 Uhr hastet Jonah Osore in weiten Schritten über den Campus. Die Universität erwartet für Mittag US-Außenministerin Hillary Clinton als Gastrednerin. Die Studentenvertreter helfen bei der Organisation. Jonah Osore gibt seinen Kommilitonen einige kurze Anweisungen. Er spricht schnell und ruft "alright" am Ende des Satzes.

Hubschrauber kreisen über dem Campus. Spürhunde suchen nach Sprengstoff. Am Eingang zum Hörsaal warten Tausende von Studenten. Sie tragen Anzüge und Abendkleider. Die Universität Nairobi dient immer wieder als Bühne für Politiker aus aller Welt. Kofi Annan hat hier gesprochen und im August 2006 Barack Obama, dessen Vater in Kenia geboren wurde.

Die Studenten springen von ihren Sitzen, als Hillary Clinton den Saal betritt. "Ich grüße euch im Namen von Barack Obama, dem Sohn Kenias!", ruft sie. Die Außenministerin spricht eine Viertelstunde, dann beantwortet sie Fragen der Studenten. "Kenia wurde lange genug von ausländischen Firmen und eigenen Machthabern ausgebeutet", sagt sie. "Erzwingt den Wandel. Tretet einer Partei bei. Und wenn euch keine Partei überzeugt - gründet eine eigene Partei."

Jonah Osore lächelt zufrieden. "Das gibt uns Auftrieb", sagt er. Er steht inmitten eines Pulks aus Studenten und ruft: "Yes we can! Yes we can!"

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