Studie zum Elternwillen Abitur? Mein Kind doch nicht

Die Oberschicht verlangt für ihre Kinder die Hochschulreife, Eltern aus weniger privilegierten Schichten begnügen sich mit einem mittleren Abschluss. Eine Studie zeigt: Sie fühlen sich mit Bildungsfragen alleingelassen.

Helfen wollen alle Eltern ihren Kindern: Weniger privilegierte Familien sind jedoch häufiger ratlos, wie das gelingt
Corbis

Helfen wollen alle Eltern ihren Kindern: Weniger privilegierte Familien sind jedoch häufiger ratlos, wie das gelingt

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Sie haben wenig Geld, sind vielleicht arbeitslos, doch den eigenen Kindern soll es eines Tages besser ergehen: Eltern aus niedrigen sozialen Schichten in Deutschland träumen vom Aufstieg für ihren Nachwuchs - und sind oft ratlos, wie sie ihre Kinder bei der Bildung am besten unterstützen können.

Das ist das Ergebnis einer neuen repräsentativen Umfrage im Auftrag der Vodafone-Stiftung. Für sie hatte das Institut für Demoskopie Allensbach im vergangenen Herbst 1126 Eltern schulpflichtiger Kinder befragt. Um die soziale Schicht der Eltern zu bestimmen, haben die Forscher verschiedene Faktoren wie Einkommen, Beruf und Bildungsabschluss zusammengefasst.

Die Untersuchung zeigt: Oberschichteltern wollen, dass für sie und ihre Kinder möglichst alles so bleibt, wie es ist. Die Unterschicht wünscht sich für ihre Kinder ein besseres Leben als das eigene. Wenn es aber darum geht, diese allgemein formulierten Wünsche in konkrete Schulabschlüsse zu übersetzen, werden große Unterschiede deutlich. Die Eltern aus unteren Schichten trauen sich deutlich weniger zu und hängen die Ziele für ihre Kinder viel niedriger, als es die Privilegierten tun.

Eltern aus unteren Schichten wünschen sich den Aufstieg
Zwar wünschen sich fast zwei Drittel der Eltern aus niedrigen sozialen Schichten, dass es den eigenen Kinder einmal besser geht als ihnen selbst. Sie begnügen sich in ihren Bestrebungen um Aufstieg aber mit deutlich niedrigeren Schulabschlüssen für den eigenen Nachwuchs als Eltern aus vergleichsweise privilegierteren Milieus.

Wer einer höheren sozialen Schicht angehört, zieht für den Nachwuchs eigentlich nur einen Schulabschluss in Betracht: das Abitur. 90 Prozent der Oberschichteltern sagen, dass sie die Hochschul- oder Fachhochschulreife für ihren Nachwuchs wünschen.

Eltern aus schwächeren sozialen Schichten begnügen sich dagegen weitaus häufiger mit einem mittleren Abschluss. 52 Prozent von ihnen streben einen Mittleren Abschluss für die eigenen Kinder an. Das Abitur wollen dagegen nur 31 Prozent.

Der angestrebte Schulabschluss hängt von der Schicht ab
Dass die Bildungswünsche mit der sozialen Schicht variieren, beobachten Forscher schon länger. Die neuen Zahlen der Vodafone-Stiftung deuten an, wie drastisch diese Effekte ausfallen: Das Abi ist der Standardabschluss für die Nachkommen derer, die es ohnehin gut haben.

Die Studie deutet eine mögliche Ursache dafür an, weshalb die Bildungswünsche so stark mit der Herkunft variieren: Viele Eltern aus niedrigen sozialen Schichten fühlen sich - dem guten Willen zum Trotz - häufig nicht in der Lage, ihre Kinder in der Schule optimal zu unterstützen.

Eltern aus unteren Schichten sind in Bildungsfragen oft unsicher
Etwa 37 Prozent aller Eltern sagen, dass sie manchmal oder häufiger unsicher sind, wie sie das eigene Kind am besten in der Schule unterstützen können. Diese Verunsicherung bekunden Eltern aus niedrigen sozialen Schichten mit 54 Prozent allerdings deutlich häufiger. 22 Prozent dieser Eltern sagen sogar, dass sie sich "richtig Sorgen" machen.

Dabei ist quer durch die Schichten allen Eltern klar, an wen sie sich mit ihren Bildungsfragen wenden würden: an die Lehrer. Das Vertrauen in die Beratungskompetenz der Pädagogen ist schichtübergreifend groß, Lehrer sind die Hauptansprechpartner der Eltern. Jugendämter, Beratungsstellen oder Psychologen spielen nur eine nachrangige Rolle.

Dennoch haben Eltern aus weniger privilegierten Verhältnissen sehr viel häufiger das Gefühl, mit ihren Anliegen keine Hilfe zu finden - egal ob bei Lehrern oder anderen Stellen. Von ihnen beklagen 48 Prozent, ab und zu oder häufig keine zufriedenstellende Antwort auf Fragen rund um Bildung und Erziehung zu erhalten.

Viele Eltern sind orientierungslos, gerade die aus unteren Schichten
Entsprechend schlägt die Vodafone-Stiftung vor, die Elternarbeit, also die Beratung in erzieherischen oder schulischen Fragen, in den Schulen auszubauen - ein Ziel, für das sich die Düsseldorfer Denkfabrik schon länger einsetzt. Die Eltern weiß sie dabei hinter sich: 62 Prozent wünschen sich der Umfrage zufolge bessere Informationsangebote an den Schulen, unter den Eltern aus niedrigeren sozialen Schichten sind es sogar 71 Prozent.

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claterio 11.03.2015
1.
In Deutschland gilt das Abitur als der bestmögliche Abschluss, die Mittlere Reife als mäßiger Abschluss und der Hauptschulabschluss als Totalversagen, für das man bemitleidet wird. Als Reaktion darauf haben Ministerien und Lehrerkollegien die Benotung immer weiter aufgeweicht, sodass vielerorten über die Hälfte der Schüler das Abitur bekommt (notfalls über eine Gesamtschule) und ein weiteres Viertel eine indirekte Hochschulreife, etwa durch die eine abgeschlossene Ausbildung. Wir sollten die mittlere Reife wieder stärken und als berufsqualifizierenden Abschluss mit hohem Praxisanteil ausbauen. Sie muss von Arbeitgebern gerade für praktische Berufe wieder geschätzt werden. Es muss wieder Regel werden, einen Azubi mit Realschulabschluss anzustellen und keinen mit Abitur. Aber auch das Abitur muss wieder schwieriger werden. Beispielsweise kann heute kaum noch ein Abiturient Statistiken lesen oder textkritisch Quellen erschließen. Das sind aber Grundvoraussetzungen für ein wissenschaftliches Studium.
rst2010 11.03.2015
2. momentan
ist das alles aus dem gleichgewicht. die akademikerschwemme führt nur dazu, dass die gehälter sinken. gute handwerker haben inzwischen bessere perspektiven für die zukunft, als akademiker. für den übertritt ins gymnasium sollte man überdurchschnittlich gut sein. d.h. den übertritt sollten deutlich weniger als 50% schaffen. oder wir stellen das duale system generell zur disposition. denn auszubildende, die was taugen, findet man nur noch schwer, wenn die alle ans gymnasium und danach auf die uni gehen.
Bondurant 11.03.2015
3. Erfreulich ist
Die Oberschicht verlangt für ihre Kinder die Hochschulreife, Eltern aus weniger privilegierten Schichten begnügen sich mit einem mittleren Abschluss. wenn man so beiläufig erfährt, wie groß die "Oberschicht" in Deutschland ist. Denn die "Abiturquote" beträgt mittlerweile mehr als 50% eines Jahrgangs.
seikor 11.03.2015
4. hmmm...
"Das Abi ist der Standardabschluss für die Nachkommen derer, die es ohnehin gut haben." vielleicht ist es aber ja auch andersrum? Die, die es "gut haben", haben es deswegen gut, weil sie geistig fitter sind und daher eine höhere Bildung genossen haben und somit mehr Geld verdienen. Also finden sich hier mehr Leute mit höherer Intelligenz? Irgendwo wird ein Teil der Intelligenz ja auch vererbt. Als Lehrer und Vater sehe ich schon seit langem, dass Kinder keinesfalls identische Startpositionen von der Vererbung her mitbekommen...
bartholomew_simpson 11.03.2015
5.
Da immer mehr Kinder Abitur machen (müssen), hat sich die Konkurrenzsituation in den letzten Jahrzehnten in akademischen Berufen deutlich verschärft. Wenn Auslandssemester und andere teure Extras im makellosen Lebenslauf gefordert werden, wird es für Kinder aus ärmeren Schichten schwierig, mithalten zu können. Ein sozialer Aufstieg durch Bildung ist heute schwieriger als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ein Bachelor-Abschluss allein wird von vielen Personalern kritisch gesehen. Eine Berufsausbildung mit darauffolgendem Techniker-, Meister- oder Fachwirtsabschluss kann eine bessere Perspektive bieten.
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