Kinder- und Jugendbericht Früher in die Krippe, später aus der Klasse

Mit zwei in den Kindergarten, mit sechs in die Schule. Das fordert das Gremium von Bildungsexperten, die den zwölften Kinder- und Jugendbericht erarbeitet haben. Für die umfassenden Reformen rechnet die Kommission mit etwa 2,7 Milliarden Euro Mehrkosten im Jahr.


Spielend lernen: Schon mit zwei Jahren sollen Kinder im Kindergarten gefördert werden
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Spielend lernen: Schon mit zwei Jahren sollen Kinder im Kindergarten gefördert werden

Zwei Jahre lang hat das siebenköpfige Expertengremium beraten, diskutiert und nach Formulierungen gesucht. Formulierungen, die ihre radikalen Forderungen möglichst klar auf den Punkt bringen. Nun liegt der bildungspolitische Dreiklang vor: Demnach sollen Kinder schon mit zwei Jahren in den Kindergarten kommen, mit sechs in die Schule und dort möglichst lange bleiben können.

Nach Vorab-Informationen der "Süddeutschen Zeitung" fordert das Gremium unter der Leitung von Thomas Rauschenbach, dem Direktor des Deutschen Jugendinstituts, dafür umfassende Reformen des gesamten Bildungs- und Erziehungssystems. Der zwölfte Kinder- und Jugendbericht wird am morgigen Donnerstag von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt in Berlin offiziell präsentiert.

"Bildung, Erziehung und Betreuung müssen Kindern aller Altersstufen zugänglich sein", schreibt Rauschenbach in dem Bericht. Bereits im Alter von zwei Jahren hätten Kinder ein starkes Bedürfnis nach Kontakt mit Gleichaltrigen. Für ihre Entwicklung bräuchten sie Anregungen, die ihnen die Familie in diesem Alter nicht mehr bieten könne. Der Kindergarten sei nicht nur für Betreuung, die Schule nicht nur für Bildung da, erklärte Rauschenbach der Zeitung zufolge.

Damit das Angebot im Kindergarten erweitert werden könne, sollten die Kinder auch mehr Zeit dort verbringen, mindestens fünf Stunden täglich. Die Zahl der Kindergärten müsse dafür vor allem in Westdeutschland massiv erhöht werden, um ein Versorgungsniveau wie etwa in Sachsen-Anhalt zu erreichen.

Rechtsanspruch ab der Geburt

In Zukunft soll nach Meinung der Experten auch der Rechtsanspruch der Eltern auf einen Betreuungsplatz für ihr Kind erweitert werden. Bis 2008 sollte dieser Anspruch für alle Zweijährigen gelten, von 2010 an dann sogar ab der Geburt des Kindes. Gebühren für den Kindergartenbesuch seien mittelfristig abzuschaffen, übergangsweise seien einkommensabhängige Elternbeiträge jedoch akzeptabel, so das Gremium.

Die Reformen würden den Bund nach Berechnungen der Kommission etwa 2,7 Milliarden Euro mehr im Jahr kosten. In diesem Zusammenhang betonte ein Sprecher des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend am heutigen Mittwoch, die Vorschläge seien Handlungsempfehlungen und nicht verpflichtend. Allerdings komme den Empfehlungen ein gewisses Gewicht zu. Schließlich sei der Bericht von der Bundesregierung vor zwei Jahren in Auftrag gegeben worden.

Ganztagsschule darf keine Verwahrstation sein

Für die Entwicklung von Ganztagsschulen schlägt das Expertengremium vor, neben Lehrern auch Sozialarbeiter für die Betreuung einzusetzen. Pädagogen sollten persönliche Arbeitsplätze erhalten und täglich länger in der Schule bleiben. Die Kosten für diese Form der Ganztagsschule würden etwa 30 Prozent über den heutigen Kosten liegen. Schrittweise sollte außerdem auch das Einschulungsalter gesenkt werden, schreibt die Kommission, von durchschnittlich 6,7 Jahren auf 6 Jahre. Zeitgleich sollte die Grundschulzeit über die üblichen vier Schuljahre hinaus verlängert und der Übergang auf die weiterführende Schule damit nach hinten verschoben werden.

Im Bundesbildungsministerium begrüßt man die Empfehlungen der Kommission. "Wir denken auch, dass der Kindergarten mehr als bloße Betreuung leisten kann", sagte Sprecher Christian Herbst gegenüber SPIEGEL ONLINE. Vor allem sollten die Kinder besser auf die bevorstehende Einschulung vorbereitet werden. In der multikulturellen Gesellschaft betreffe dies insbesondere die Sprachkenntnisse.

Auch beim Thema Ganztagsschule sieht sich das Ministerium von dem Bericht bestätigt. "Im Moment läuft ein Programm für den Ausbau von Ganztagsschulen, das wir mit vier Milliarden Euro finanzieren", sagte Herbst. Bis zum Schuljahr 2005/2006 sollten bundesweit 5000 Schulen von dem Programm, das vor allem Neu- und Ausbauten unterstützt, profitieren. "Wir fördern damit die Kinder früh in ihren Stärken und ermöglichen ihren Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", erklärt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn in einer aktuellen Pressemitteilung. Wichtig bei Ganztagsschulen sei bei aller Betreuung jedoch das tatsächliche Bildungsangebot. "Weder die Ganztagsschule noch der Kindergarten darf eine reine Verwahrstation sein", erklärte Herbst.

Jens Radü



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