Untergrund-Kino Film ab in der Fabrikruine

Ehemalige Studenten in Leipzig haben ein Untergrundkino aufgebaut: Sie treffen sich heimlich in verlassenen Fabrikhallen - und Dutzende Cineasten kommen dazu. Doch nun ist die Polizei dem konspirativen Zirkel auf der Spur.

Johannes Walther

Von Laura Koch


Es ist später Freitagabend irgendwo im Leipziger Westen. Über dem ehemaligen Industriegelände liegen Nebelschleier. Scheinwerfer eines Polizeibusses strahlen ein Loch im Bretterzaun an. Rund 150 überwiegend junge Leute schlüpfen hindurch und drängen sich von dem verlassenen Fabrikgelände zurück auf die Straße. Die meisten haben Decken und Bierflaschen in der Hand.

Damit ist der Kinoabend in dem heruntergekommenen vierstöckigen Gebäude schon vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. "Die Polizei hat och Internet", sagt ein Beamter in breitem Sächsisch.

Zu DDR-Zeiten hatte auf dem Gelände ein Scheinwerferhersteller seine Fabrik. Das Gebäude ist eins von Dutzenden leerstehenden Bauwerken in Leipzig, die seit der Wende verfallen. Einmal im Monat ist eins dieser Häuser Schauplatz einer klandestinen Filmvorführung. Seit sechs Jahren treffen sich Leipziger Kino-Fans zum kollektiven Filmgenuss. Doch jetzt steht das Guerilla-Kino womöglich vor dem Aus.

"Wir hatten schon länger den Verdacht, dass sich Zivilpolizisten unter das Publikum mischen", sagt Stefan*, einer der Organisatoren. Er ist Kulturwissenschaftler und arbeitet in einer Bibliothek. Wer am "Fernsehen unter Tage" teilnehmen wollte, musste sich bisher in einen E-Mail-Verteiler eintragen. Ein paar Tage vor jeder Kinonacht gab das Team den Treffpunkt bekannt. Immer an einer Straßenecke, nie am selben Ort. Dann flüsterten Mitglieder des Teams: "Hier lang!", und die Besucher folgten ihnen in eine Industrie- oder Wohnruine.

Ein "Maulwurf" im Verteiler?

Bisher ging das auf. Nur vier Mal riefen Anwohner in den vergangenen Jahren die Polizei. Die Ansammlung junger Menschen zu später Stunde war ihnen suspekt. "Wenn die Polizei geholt wird, muss sie auch handeln, das ist klar", sagt René*, ein anderes Mitglied von "Fernsehen unter Tage", mit gespieltem Verständnis. Der 32-jährige Juniorchef eines Autoverleihs wurde wegen des Guerilla-Kinos schon angezeigt und musste 300 Euro wegen Hausfriedensbruchs zahlen.

Von allein kam die Polizei noch nie. Doch inzwischen ist sich das Team sicher: Vom Treffen in der Scheinwerferfabrik können die Beamten nur durch den E-Mail-Verteiler erfahren haben. Sie vermuten einen "Maulwurf" im Verteiler, der Ort und Zeit an die Beamten weitergibt.

Das Guerilla-Kino ist typisch für das neue, hippe Leipzig: Es gehört zum Lebensgefühl, auf anarchische Weise Spaß zu haben. Der Zulauf ist nicht unbedingt im Sinne der Cineasten: "Wir wollen gar nicht, dass ganz Leipzig weiß, dass es uns gibt", sagt René. "Inzwischen haben wir Probleme, Räume zu finden, die groß genug sind."

Hollywood-Mainstream ist nicht erwünscht

Was vor einigen Jahren mit ein paar Filmen unter Freunden anfing, ist ein Event für trendbewusste Leipziger geworden. Zu einem Filmabend kommen mittlerweile zwischen 100 und 200 Besucher. Und während das Publikum anfangs eher aus Jugendlichen und Studenten bestand, mischen sich inzwischen auch Akademiker und Familienväter darunter.

"Wir machen das für Menschen, die gern Filme gucken und die Geschichten der alten Häuser erfahren wollen", sagt Réne. "In Leipzig findet man leerstehende Gebäude praktisch an jeder Ecke", sagt Réne. Die Organisatoren sind Anfang bis Mitte 30 und inzwischen aus dem Campusleben herausgewachsen. Ihren studentischen Kinogeschmack will sich die siebenköpfige Crew aber erhalten. "Wir suchen immer nach Filmen, die die meisten nicht kennen, also kein Hollywood-Mainstream", sagt Stefan.

Klamauk auf dem Kantinenboden

Die Polizei spielte das cineastische Untergrund-Treiben herunter. Auf intensive Nachforschungen habe man bisher verzichtet, sagt Pressesprecher Uwe Voigt. Die Beamten wollten Veranstaltungen dieser Art weder eindämmen noch verhindern. Doch Abbruchhäuser als "Veranstaltungsorte" könne die Polizei wegen Brand- und baurechtlicher Vorschriften nicht akzeptieren.

Der Idealismus der Kinomacher ist dennoch ungebrochen. Zwei Wochen nachdem die Polizei den Kinoabend im Frühling aufgelöst hatte, streute das Team einen neuen Treffpunkt. Diesmal lag das Haus mitten im Ausgehviertel der Stadt. Es gehört einer Bekannten und keiner machte sich strafbar.

Verfallen und leer ist das Haus trotzdem. Der Regen prasselt auf Wellblechteile draußen vor der Tür, drinnen brennen Kerzen. In den Räumen war früher eine Unterwäschefabrik. Die Besucher haben es sich auf dem Boden der ehemaligen Kantine gemütlich gemacht. Es läuft Klamauk aus der DDR der sechziger Jahre. In "Mit mir nicht, Madam!" wird ein ostdeutscher Journalist mit einem Pariser Modeschöpfer verwechselt und muss vor einer aufgebrachten Ganoven-Lady flüchten, die unbedingt die neue Kollektion des vermeintlichen Designers stehlen will.

Wie es mit dem Guerilla-Kino weitergeht, ist offen. Ein neues Konzept haben Stefan, René und die anderen nicht, und sie wirken ziemlich ratlos. Auf einem Zettel bitten sie alle Besucher, ihre E-Mail-Adressen zu hinterlassen. Ob sie auf diesem Weg den Maulwurf aufspüren können, wissen sie selbst nicht.

*Namen geändert

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
yast2000 21.07.2013
1. Cineleaks - Bild 2
Auf dem zweiten Bild sitzen links neben dem Projektor der junge Thomas de Maziére, rechts davon die junge Angela Merkel. Das ist die mieseste Propaganda, die ich kurz vor Wahlen je gesehen habe!
fuchs008 21.07.2013
2. Spätrömische Dekadenz
Manchmal hat dieser Begriff wirklich Sinn.
Newspeak 21.07.2013
3. ...
Um den Maulwurf zu finden, ließen sich doch per Mail verschiedene Orte ausgeben...und dann schaut man, an welchem die Polizei wartet. Dann hat man schon mal Zahl der möglichen Verräter reduziert. Wäre quasi eine eigene Art von Kunstaktion.
GoBenn 21.07.2013
4.
Zitat von fuchs008Manchmal hat dieser Begriff wirklich Sinn.
Wie meinen?
Blindleistungsträger 21.07.2013
5. U - Eine Stadt sucht ein Untergrundkino
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