Kino statt Hörsaal Studenten lauschen Vorlesung im Plüschsessel

Roter Teppich, rote Sessel anstelle der hölzernen Klappsitze - wegen des großen Andrangs mietete die Universität Würzburg heute ein Kino an. Die 646 Wirtschaftsstudenten fanden die ungewöhnliche Vorlesung "schön und bequem".


Einen roten Teppich für Studenten gibt es wohl nur in Würzburg. Und dann steht um kurz vor 10 Uhr am Dienstag am Treppenaufgang eines Großkinos auch noch Unipräsident Axel Haase und verteilt die von einer Bank gesponserten Schreibbretter an die Studienanfänger der Wirtschaftswissenschaften. Von denen gibt es in diesem Wintersemester gleich 30 Prozent mehr an der Universität. Darum reichten die Räumlichkeiten nicht aus, angemietet wurde der größte Saal eines örtlichen Kinos. "Das ist der Versuch, unter schwierigen Bedingungen noch ein Optimum an Qualität der Lehre zu finden", sagte Haase.

Vorlesung im Kino: Die Uni-Säle reichten einfach nicht aus
DDP

Vorlesung im Kino: Die Uni-Säle reichten einfach nicht aus

Der Strom von Studenten, teilweise ausgerüstet mit Brötchen und Kaffee, bahnt sich den Weg in den Kinosaal. Erstsemester Matthias Tritschler ist gespannt auf die Vorlesung. Etwas verwundert sei er schon gewesen, als er gehört habe, dass die Einführungsveranstaltung in einem Kinosaal stattfinde. Nun hat er ein geschenktes Schreibbrett, "das ist ja schon mal was", sagt er und entschwindet in den Saal.

Genau 646 Studenten finden in bequemen roten Plüschsesseln Platz und lauschen der Einführungsveranstaltung über Grundlagen der Statistik. Der Beamer wirft das Skript auf die Kinoleinwand, wo derzeit sonst Streifen wie "Ratatouille", "Pornorama" und "Stellungswechsel" laufen. Ganz vorn steht mit Mikrofon Dozent Martin Kukuk. "Das ist natürlich schon etwas ungewohnt", sagt der Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Nicht optimal, aber besser als kein Sitzplatz

"Im normalen Hörsaal haben sie einen Tisch vor sich, wo man den Kopf ablegen kann, da können sie genauso einschlafen wie hier", antwortet er auf die Frage, ob er nicht um die Aufmerksamkeit fürchte. Es sei noch weniger zumutbar, über Video die Vorlesung in einen zweiten Hörsaal zu übertragen, sagt Kukuk.

"Letztlich ging alles ganz schnell", berichtet Nicola Schneider, die Vertriebsassistentin des Kinos. "Die erste Anfrage bekamen wir vor nicht ganz zwei Wochen, und erst am vergangenen Freitag wurde es dann konkret."

Um kurz nach 11 Uhr ist die erste Vorlesung im Kinosaal beendet. "Es war schön und bequem", beschreibt Christina Poppe ihre Eindrücke. Und zieht die ungewöhnliche Vorlesung gar der in der Universität vor. "Da war gestern nur Chaos und so viel Lärm."

Ihr Studienkollege Klaus Schellakowsky sieht die Sache mit gemischten Gefühlen. "Das ist sicher nicht das, was man sich für 500 Euro Semesterbeitrag vorgestellt hat. Aber es ist besser, als in einem zu kleinen Hörsaal keinen Sitzplatz zu haben."

Ralph Bauer, ddp



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