Kiron University Wo Flüchtlinge studieren können - gratis und auf Englisch

Mangelnde Deutschkenntnisse, fehlende Unterlagen: Der Weg an die Uni ist vielen Flüchtlingen versperrt. Die Kiron University in Berlin ermöglicht nun ein Studium auf Englisch - mit kostenlosen Online-Kursen. Der Andrang ist riesig.

SPIEGEL ONLINE

Von (Text) und Robert Ackermann (Video)


Das Wichtigste musste in eine Tasche passen. Und auf das Handy. Kashif hat alle Dokumente gescannt und in seinem Mobiltelefon abgespeichert. Zeugnisse, Bescheinigungen, das Zertifikat für die ersten Ingenieurkurse.

Alles, was irgendwann einmal wichtig sein könnte, wenn es irgendwo weitergeht. In einem Land, wo sie dir nicht die Kehle durchschneiden, nur weil du lernen willst.

Er macht eine Geste. Die Kehle. Wirklich. Mit Messern.

Zweieinhalb Monate war Kashif unterwegs, auf der Flucht, neun Länder passierte er, meistens zu Fuß, manchmal in stundenlangen Märschen. Schmutziges Wasser hätten sie getrunken, sagt er, und manchmal, wenn es keine andere Möglichkeit gab, Blätter gegessen. Sie rannten weg vor Schüssen der Grenzschützer in der Türkei. Sie saßen in einem Boot auf dem Mittelmeer und bangten um ihr Leben. In Ungarn versteckten sie sich in Wäldern vor der Polizei.

Seit gut drei Monaten ist Kashif nun in Berlin. Hier ist er sicher, aber sonst ist alles ungewiss. Erst einmal hat er ein Hotelzimmer bekommen, das er sich mit vier weiteren Flüchtlingen teilt. Und dann? "Ich bin viel optimistisch", sagt er. Deutsch lernt er auch.

Vor Kurzem hat ihm eine Helferin, die er im Flüchtlingscamp auf Lesbos in Griechenland kennengelernt hatte, einen Link gemailt: Eine Studentengruppe will ein Online-Studium für Flüchtlinge organisieren. Wäre das nicht etwas für dich?

Er habe sein Glück kaum in Worte fassen können, sagt Kashif.

"Wenn du Bildung willst, töten sie dich": Kashif floh vor den Taliban
SPIEGEL ONLINE

"Wenn du Bildung willst, töten sie dich": Kashif floh vor den Taliban

Ein Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. In der Gemeinschaftsküche eines Co-Working-Hauses sitzt Psychologiestudent Markus Kreßler, Jahrgang 1990, der Kopf hinter der Initiative für das Online-Lernen. Er zählt auf, warum es so schwierig ist für Flüchtlinge, an einer deutschen Universität zu studieren:

  • Dokumente, die die Hochschulen verlangen, haben viele Flüchtlinge nicht, sie haben Zeugnisse zurückgelassen oder Unterlagen auf der Flucht verloren.
  • Ausländische Abschlüsse werden nicht ohne Weiteres anerkannt. Mitunter müssen Flüchtlinge daher auch Abschlüsse nachholen.
  • Ein Studium kostet: Geduldete Flüchtlinge sollen ab dem kommenden Jahr zwar schneller Bafög bekommen können; trotzdem bleibt für sie eine Wartezeit von 15 Monaten, ehe sie überhaupt einen Antrag auf Ausbildungsförderung stellen können.

Vor zwei Jahren, als er noch in Mannheim studierte, hat Kreßler selbst beobachtet, was das Ausharren, Bangen, Hoffen für viele Flüchtlinge bedeutet. Nach einer Partynacht trafen er und seine Mitbewohner früh morgens an einem Döner-Imbiss auf einen jungen Mann aus Gambia. Der Flüchtling wartete auf Freunde, die er aus dem Internet kannte, die ihn abholen und ihm weiterhelfen wollten. Aber die kamen nicht. Also nahm Kreßler ihn mit zu sich, ließ ihn im Wohnzimmer schlafen. Erst eine Nacht, dann ein halbes Jahr.

"Ein wahnsinnig intelligenter Mensch", sagt Markus Kreßler. Der junge Afrikaner wollte Wirtschaft studieren, aber in Deutschland konnte er sich nur mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. "Es muss doch einen Weg geben, dass solche Leute an die Uni gehen können", dachte Kreßler.

Irgendwann hatten er und zwei Bekannte eine Idee: Im Netz bieten namhafte englischsprachige Universitäten kostenfreie Online-Seminare an, sogenannte Moocs. Wäre das nicht das Richtige für den jungen Mann aus Gambia, der bisher an keiner Uni zugelassen wurde?

Oder für Kashif, der gerade erst mit dem Nötigsten aus Pakistan kam?

Im Video erklärt Markus Kreßler, wie Moocs funktionieren - und warum sie eine Chance für Flüchtlinge sind

SPIEGEL ONLINE
Nun haben Kreßler und seine Mitstreiter die "Kiron University" gegründet, ein Online-Angebot speziell für Flüchtlinge. Gut 50 Ehrenamtliche machen im Kernteam mit, dazu kommen weitere Helfer.

Ihr Versprechen an die Geflohenen: Erst studiert ihr virtuell, ohne Formalitäten, danach könnt ihr - wenn ihr die Unterlagen habt, euer Status klar ist, ihr die Sprache ausreichend beherrscht - an eine richtige Uni wechseln.

Fünf Studienfächer bietet das Kiron-Programm für den Anfang, unter anderem Informatik, Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften. Die Online-Kurse stammen von Unis wie Harvard, Stanford oder Yale und sind kostenlos. Die RWTH Aachen, die Hochschule Heilbronn und weitere Hochschulen haben der Kiron-Initiative zugesichert, die Online-Kurse der Flüchtlinge nachträglich anzuerkennen.

Ob der Wechsel vom Online-Kurs an die richtige Uni wirklich gelingt, ob für jeden Flüchtling der passende Studienplatz in der Nähe verfügbar sein wird - all das muss sich erst noch zeigen.

Im Video beschreibt Markus Kreßler, wie die Zusammenarbeit mit den Hochschulen aussehen soll

SPIEGEL ONLINE
Studieren - das kann in Kashifs Heimat Pakistan lebensgefährlich sein. Er stammt aus Parachinar, einer Stadt an der Grenze zu Afghanistan, von Taliban-Kämpfern tyrannisiert, von der Zentralregierung nicht mehr geschützt. In jeder Familie, sagt Kashif, gebe es schon drei bis vier Tote. Auch in seiner. Vor drei Jahren starb sein Cousin im Alter von 18 Jahren. Und in das Haus seiner Tante haben die Islamisten eine Handgranate geworfen.

"Wenn du Bildung willst", sagt Kashif, "töten sie dich."

Hier erfährt man von der Bedrohung nur gelegentlich aus den Nachrichten: Ende 2014 zum Beispiel hatten Taliban-Kämpfer eine Schule in Peschawar gestürmt, gut 260 Kilometer von Kashifs Heimatstadt entfernt. Mehr als 150 Menschen starben damals.

Kashif hat als Freiwilliger in einer Schule gearbeitet, er zeigt die Bilder auf seinem Handy, die ihn inmitten von Sechstklässlern zeigen, Schüler von etwa elf Jahren, in Schuluniformen mit weißen Hemden und beigefarbenen Hosen. Es gibt ein Motto, das er den Schülern mitgegeben hat; jetzt schreibt er es in englischen Druckbuchstaben auf ein Blatt Papier, damit es kein Missverständnis gibt: Wenn Bildung nicht mehr zählt, dann ist auch das Überleben nicht mehr wichtig.

9000 Dollar hat Kashif sich bei Freunden, Verwandten und Bekannten geliehen, um die Flucht zu bezahlen. Irgendwann will er sie zurückzahlen: Wenn er arbeitet. Wenn er sein Studium abgeschlossen hat.

Im Video beschreibt Markus Kreßler, was die Kiron University anders machen will

SPIEGEL ONLINE
15.000 Studieninteressenten meldeten sich bereits bei der Kiron University, rund tausend starten in diesem Semester, darunter viele Syrer und viele Pakistaner wie Kashif. Die Erwartungen an die Kiron University sind groß. Das weiß auch Kreßler, der dennoch immer Worte und Sätze findet, um das Projekt noch größer zu machen. Eine psychologische Betreuung soll es für die Studenten geben, Kontaktpersonen in vielen Ländern, sogar einen Campus in der Nähe von Berlin. "Wir wollen die ganze Welt erobern", sagt Kreßler, lachend.

Haben sie keine Angst, dass auf die Euphorie die Ernüchterung folgen könnte?

"Eigentlich nicht", sagt Kreßler.

Gleich muss er zum Flieger zu einem Kongress nach Wien, wo er reden soll. Sein Thema: die Kiron University. "Und wie sich Bildungssysteme in den letzten Jahrtausenden entwickelt haben."

Flüchtlinge an Universitäten: "Ein Schatz, den wir da haben"
Viele Flüchtlinge haben in ihrer Heimat bereits ein Gymnasium besucht oder studiert. Deutsche Hochschulen tun einiges, um ihnen ein Studium zu ermöglichen - doch es bleiben große Hürden.

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.