Knast-Film von Studenten Grauen in Zellen

Drogen, Schlägereien, Vergewaltigungen - zwei Studenten haben zusammen mit Häftlingen einen Film über den Gefängnisalltag gedreht. Er zeigt: Das Leben hinter Gittern ist weit entfernt von glitzernden Goldketten-Gangster-Klischees. Doch lassen sich Jugendliche so abschrecken?

Von Astrid Langer


Wums, mit einem Knall fällt die Metalltür ins Schloss. Florian sitzt in einer Acht-Quadratmeter-Zelle und starrt auf die Gitter vor dem Fenster, auf der Pritsche neben ihm liegt sein Zimmernachbar, zwei Meter groß, hundert Kilo schwer.

"Dort drin zu sein, war so beklemmend, das werde ich nie vergessen", sagt er rückblickend. Dabei war Florian Klug, 22, Wirtschaftsstudent aus Stuttgart, nur zu Besuch. Gemeinsam mit Samuel Härtl, 23, drittes Semester Kommunikationsdesign, hat er ein Jahr lang Gefängnisinsassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rottenburg besucht, jeden Montag zwei Stunden.

Das Ergebnis ist die 30-minütige Dokumentation "Knastalltag", von der JVA, den Gefangenen und der Polizei gedacht als Prävention. Die Polizei will den Film an Schulen zeigen. Die Idee: jugendliche Straftäter abschrecken, die schon fast mit einem Bein im Gefängnis stehen.

Die Gefangenen der JVA haben Konzept und Inhalt gemeinsam mit Samuel und Florian erarbeitet. Genervt vom Gangster-Bild, das Kinofilme und Songs oft von Gewalt, Drogen und Gefängnis vermitteln, wollten die Inhaftieren den echten Knastalltag zeigen - aus ihrer Perspektive. Die Seite der Verbrechensopfer, der Geschädigten, der Familien blendet der Film aus.

Alltag in "Drogenburg"

Er zeigt, wie neue Insassen ins Gefängnis gebracht werden, wie sie ihre graue Anstaltskluft bekommen, wie sie Basketball spielen, sich auf den seltenen Besuch freuen, wie sie von morgens bis abends zu zweit in einer Zelle hocken, nur ein Duschvorhang trennt die Toilette vom restlichen Raum. "Du bist hier mit Leuten zusammengeballt, die dich tierisch nerven und die du draußen nicht mal anschauen würdest", erzählt einer von drei Gefangenen, die im Film in Interviewsequenzen und aus dem Off ihre Erfahrungen schildern.

Der Film erzählt von Männern, Mitte 50, die im Laufe des Haftlebens Beruf, Freunde und schließlich die Familie verlieren und dann, kurz vor der Entlassung, auf die Trümmer ihres Lebens blicken. Ob jemand auf der anderen Seite des Schiebetors auf sie wartet, wissen sie nicht.

Bei der Premiere im Dezember sitzen im Publikum auch zwei der drei ehemaligen Gefangenen aus dem Film. Thomas*, in langem schwarzen Mantel und mit dunkler Wollmütze, verbrachte zehn Jahre im Knast, heute ist er 31 Jahre alt, seit eineinhalb Jahren draußen, hat Freundin und Kind. "Mich selbst noch mal in der Gefängnis-Umgebung zu sehen, war ein komisches Gefühl, eine so andere Welt", sagt er. In der JVA Rottenburg arbeitete Thomas als Reinigungskraft, fand immer wieder Joint-Stummel und andere Drogenreste. Auch davon erzählt er im Film.

Drogen bestimmten den Alltag, 90 Prozent der Insassen seien bereits abhängig oder würden es nach einigen Wochen, schätzt ein Häftling im Film. Die Wachleute seien gegenüber dem Drogenproblem weitgehend machtlos, sagt ein Beamter. "Drogenburg" lautet der Spitzname der JVA Rottenburg in der Knasti-Szene. Mit den Drogen käme auch die Gewalt; wer seinen Stoff nicht mit Geld oder Tabak bezahlen könne, sagt einer der Inhaftierten, bekäme eben eins aufs Maul. Das stünde genauso auf der Tagesordnung wie Vergewaltigungen unter der Dusche, erzählt ein anderer.

"Knast ist gut? Nein! Knast ist Scheißdreck", lautet das Fazit eines Häftlings am Ende der Dokumentation. Spätestens nach dieser Szene verstummen selbst die zunächst grölenden Jugendlichen, die an diesem Abend in der ersten Reihe sitzen und die sich mit weiten Jeans, XXL-Pulli und Basecap ein bisschen kleiden wie Gangster-Rapper.

Seite an Seite mit Schwerverbrechern

Die Idee zu einem solchen Film hatten einige Häftlinge bereits 2006, doch lange fanden sich keine Filmemacher für das ehrenamtliche Projekt. Vor zwei Jahren hörten die Studenten Florian und Samuel über Umwege davon. Im Winter 2010 dann fuhren sie zum ersten Mal in die Vollzugsanstalt.

Damals hatten sie noch ein flaues Gefühl im Bauch, als sich das Schiebetor hinter ihnen schloss. Inhaftierte Straftäter kannten sie bis dahin nicht. Doch der Blick in die Welt hinter Gittern reizte und schockierte sie gleichermaßen. "Wir haben selbst bei den Filmaufnahmen am Rande mitbekommen, wie jüngere, schmächtige Knastis in die Zellen der Älteren mit einer Zahnbürste in der Hand marschiert sind", erzählt Samuel - Zelle schrubben. Die Eindrücke der Besuche holte Florian in den kommenden Monaten nachts in den Träumen ein. Seinen Eltern habe er nicht alles von den Besuchen erzählt: "Zum Beispiel, dass wir nicht mit großem Abstand, sondern eng an eng am Tisch saßen und diskutierten", sagt er.

In der JVA Rottenburg verbüßen Männer zwischen 24 und 70 Jahren ihre Strafe, einige sitzen für Einbruch, andere für Mord. Wofür ihre Interviewpartner verurteilt wurden, wollten Samuel und Florian nicht wissen. "Es war so schon schwierig, sich aufeinander einzulassen", sagt Samuel.

Die Gefangenen wiederum hätten sich gefreut, dass sich jemand für sie als "Versager", wie sie selbst sagten, interessierte. Anfangs wollten viele an dem Film mitwirken, erzählt Gerhard Brüssel, der an der JVA Rottenburg die Freizeitgestaltung leitet. Doch als klar war, dass sie in dem Film zu erkennen sein würden, hätten die meisten einen Rückzieher gemacht. Andere hätten mit dem deutschen Justizwesen abrechnen und ihren persönlichen Fall schildern wollen. Doch um Einzelschicksale geht es nicht in der Dokumentation, auch die JVA Rottenburg soll stellvertretend für den deutschen Strafvollzug stehen. Die Anstaltsleitung davon zu überzeugen, hat Überredungskunst erfordert. "Der Film war eine Gratwanderung", sagt Brüssel. Manche Szenen wurden auch nachträglich von der Anstaltsleitung zensiert.

Am Premierenabend drängen sich mehr als 100 Zuschauer in den Kinosaal, auf zusätzlich herbeigeschafften Klappstühlen sitzen Jungs mit Rastazöpfen neben Rentnern. Nach der Vorführung haben sie viele Fragen an Florian und Samuel: Wie war es so im Knast? Hatten Sie Angst? Die Jugendlichen aus der ersten Reihe geben dabei mit lautstarken Kommentaren zu verstehen, dass auch sie Leute im Knast kennen - auch jetzt noch scheinen einige stolz darauf zu sein.

Ex-Häftling Thomas begrüßt "Flo" und "Sam" nach dem Film mit Handschlag, gleich gehen sie ein Bier trinken. Mit dem Film sei er sehr zufrieden, sagt Thomas. Wobei er auch weiß, wie schwer es ist, die Zielgruppe zu erreichen. Aber er sagt: Wenn der Film nur einen Jugendlichen vom Knast abschrecke, sei er ein voller Erfolg.

* Name von der Redaktion geändert



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
vantast 29.12.2011
1. Alle wissen, das dies nicht hilft,
eine bessere Lösung für das Problem weiß ich allerdings nicht. Jedenfalls ist es ineffektiv, menschenunwürdig,zu teuer, und von besseren Ideen hört man auch nichts. Wichtig wäre mehr Privatheit, vernünftige Arbeit,damit man auch im Knast würdig sein Geld verdienen kann und nicht gleich wieder gezwungen ist, einen Bruch zu machen. Vernünftige Arbeit ist vielleicht die beste Therapie. Und kostenlose Krippen, Kindergärten, Schulen, Sportstätten für unsere Jüngsten, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten, die ist allemal teurer, Vorbeugung statt Strafe. Seelisch gestörte Täter sind besondere Fälle wie Hannibal Lecter, ein Albtraum, der aber nicht für die große Menge der Einsitzenden gilt.
ghosti73 29.12.2011
2. Film
Zitat von sysopDrogen, Schlägereien, Vergewaltigungen - zwei Studenten haben zusammen mit Häftlingen einen Film*über den Gefängnisalltag gedreht. Er zeigt: Das Leben hinter Gittern ist weit entfernt von glitzernden Goldketten-Gangster-Klischees. Doch lassen sich Jugendliche so abschrecken? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,804224,00.html
... und wo kann man den Film sehen? Die Homepage zum Film ist sehr wenig auskunftsfreudig diesbezüglich ...
marcuspüschel 29.12.2011
3. Elendstouristen
Zitat von sysopDrogen, Schlägereien, Vergewaltigungen - zwei Studenten haben zusammen mit Häftlingen einen Film*über den Gefängnisalltag gedreht. Er zeigt: Das Leben hinter Gittern ist weit entfernt von glitzernden Goldketten-Gangster-Klischees. Doch lassen sich Jugendliche so abschrecken? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,804224,00.html
Ein möglichst abschreckendes Bild zu liefern war ihre Aufgabe, natürlich ohne die Anstaltsleitung dabei zu kompromitieren. Also Zensur. Würde ja gar nicht ins Konzept passen wenn da dann ein Grasdealer sitzt, der bei sich keine Schuld feststellen und dies auch argumentieren kann. Oder Gewalttäter die einen Zusammenhang zwischen ihrem Elend und der Gesellschaft erklären könnten. Darum gehts nicht, auch wenn genau sowas ebenfalls Knastalltag ist, da man dort eben nix anderes tut als über die Vergangenheit grübeln. Also staatlich geförderte Abschreckung. Floh und Sam werden mal ganz artige Beamte.
knobel 29.12.2011
4. ...
Zitat von vantasteine bessere Lösung für das Problem weiß ich allerdings nicht. Jedenfalls ist es ineffektiv, menschenunwürdig,zu teuer, und von besseren Ideen hört man auch nichts. Wichtig wäre mehr Privatheit, vernünftige Arbeit,damit man auch im Knast würdig sein Geld verdienen kann und nicht gleich wieder gezwungen ist, einen Bruch zu machen. Vernünftige Arbeit ist vielleicht die beste Therapie. Und kostenlose Krippen, Kindergärten, Schulen, Sportstätten für unsere Jüngsten, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten, die ist allemal teurer, Vorbeugung statt Strafe. Seelisch gestörte Täter sind besondere Fälle wie Hannibal Lecter, ein Albtraum, der aber nicht für die große Menge der Einsitzenden gilt.
Achje "menschenunwürdig"... Warum sollte es jemand gut gehen, wenn er in strafwürdigem Ausmaß gegen gesellschaftliche Regeln verstößt? Ich sehe keinen Sinn dahinter es Mördern bequem zu machen.
Gaiwa 29.12.2011
5. Film
Wo kann man den Film überhaupt schauen, wenn man schon lange kein Schüler mehr ist? Gibts den online irgendwo - ist ja kein kommerzielles Projekt, sondern "geförderte Abschreckung", daher wärs ja möglich? (Ich find es nebenbei sinnlos einen Film zu kritisieren bevor man ihn gesehen hat....)
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