Kölner Uni-Rektorat besetzt Erst Altglas einsammeln, dann Revolte machen

Im letzten gebührenfreien Semester geht es in Nordrhein-Westfalen rund: In Bochum räumte die Polizei den Senatssaal per Großeinsatz, in Bonn wurde es laut. Kölner Studenten halten das Rektorat besetzt. Krawallig sind sie nicht gerade - ihr Protest ist eine saubere Sache.

Von Inga Rapp


"Rektorat besetzt!" Über dem Eingang zum Hauptgebäude der Universität Köln teilt ein großes Banner mit, was die Stunde geschlagen hat. Es begann am Donnerstagnachmittag mit einer Vollversammlung an der Universität Köln. Als die Stimmung wegen der drohenden Einführung von Studiengebühren hochkochte, kam der Vorschlag zur Rektoratsbesetzung auf den Tisch - und etwa 100 Studenten machten sich danach gleich auf den Weg. "Die Frontgruppe ist einfach durchmarschiert", erzählt Studentin Julia gut gelaunt. Nach einer Diskussion mit Prorektor Norbert Finzsch ließ man sich dann in den Räumen des Rektors häuslich nieder.

Szenen vom Abend der Besetzung: Auf einem Tisch im Rektor-Büro stehen belegte Brote bereit, in der Sitzecke klappert eine Laptoptastatur. An der Wand hängt eine Anwesenheitsliste für die nächsten Tage, in die sich jeder eintragen kann, daneben pappen die Solidaritätserklärungen von Studenten anderer Universitäten. Eine Studentin telefoniert. "Hallo, ich wollte Dich ins Rektorat der Uni einladen. (...) Jetzt, sofort. (...) Nö, das ist besetzt."

Die Stimmung ist ruhig, hier herrscht konzentrierte Betriebsamkeit statt blindem Aktionismus. Es geht strukturiert zu: Bereits am Nachmittag wurden Arbeitsgruppen gebildet, die Handynummern der Ansprechpartner für "Mobilisierung", "Presse" und "Versorgung" sind auf Plakaten an der Wand vermerkt, direkt neben den Zeit- und Ortsangaben für das nächste AG-Treffen.

Ein Blatt Papier an der Tür klärt darüber auf, dass für die besetzten Räume Alkohol- und Rauchverbot beschlossen wurde. "Hier soll ja nichts zu Bruch gehen", betont Julia. "Wir haben gemeinsam die teuren Bilder von der Wand genommen und die Rechner weggeräumt", erzählt Jan, Student der Musikwissenschaften, "alles geht sehr pfleglich ab." Am Fenster hängt ein Schild. "Nicht rein- oder rausklettern, Tür bleibt offen!"

Sehr reinlich, diese Besetzer

Die Besetzung ist wohlorganisiert, die Studenten achten streng darauf, dass sie nichts kaputtmachen. Am frühen Abend sind noch etwa 80 Leute im Rektorat, etwa 30 richten sich auf eine Übernachtung dort ein - oder auf mehrere. Denn die Kölner Uni-Leitung macht vorerst keine Anstalten, ihre Räume durch die Polizei räumen zu lassen. Sie setzt offenkundig auf Deeskalation statt auf Konfrontation: Zumindest übers Wochenende sollen die Besetzer bleiben können.

Und so stellt die Verwaltung ihnen Müllsäcke zur Verfügung, die Studenten wiederum fragten artig nach einem Staubsauger, um ihre Krümel wegzumachen - es handelt sich um ausgesprochen ordentliche Gäste. Angst vor einer Räumung hat hier niemand. Die Besetzer sehen ihre Aktion als "Signal, noch weitere Studierende zu mobilisieren für die Senatssitzungen am 3. und am 24. Mai", wie Jan sagt. Denn am 24. Mai soll die endgültige Entscheidung über die Einführung allgemeiner Studiengebühren in Köln fallen.

Für die Hochschulleitung um Rektor Axel Freimuth ist klar, dass auch die Universität Köln ab dem kommenden Wintersemester 500 Euro pro Semester von jedem Studenten kassieren muss - und so sehen es auch fast alle anderen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen, dem mit Abstand studentenstärksten Bundesland. Das Sommersemester hat begonnen, überall in NRW stehen Entscheidungen über die heikle Gebührenfrage an oder sind bereits gefallen. Die Landesregierung hat es den Hochschulen trickreich freigestellt, ob sie Studiengebühren erheben wollen. Nun müssen sie sich mit den rebellierenden Studenten herumschlagen.

Turbulenzen auch in Bochum und Bonn

Rektoratsbesetzungen zählen dabei fast schon zur akademischen Folklore. Im letzten Jahr campierten Freiburger Studenten wochenlang im Rektorat; in Bielefeld hielten Besetzer vier Wochen durch, bevor sie das Rektorat Anfang März ohne Polizeieinsatz verließen. Zuvor hatten auch Paderborner Studenten das Rektorat besetzt gehalten.

In den nächsten Wochen dürfte es an den Hochschulen ziemlich turbulent zugehen. Einen Vorgeschmack erlebte am Donnerstag die Ruhr-Universität Bochum, wo der Senat die Diskussion und die Entscheidung über Studiengebühren vertagen musste, nachdem Studenten den Senatssaal stürmten. Rund 250 hielten sich bis zum Abend dort auf, dann rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an: 170 Beamte trugen 93 Demonstranten einzeln aus dem Senatssaal, gegen die jetzt wegen Hausfriedensbruchs ermittelt wird. Für den kommenden Dienstag hat der Bochumer Rektor Gerhard Wagner zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung über Studiengebühren eingeladen.

Zu ähnlich chaotischen Szenen kam es am Donnerstagmorgen an der Bonner Universität. Dort sprengte das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren eine Senatssitzung. Der Rektor bat eine Abordnung der Studenten hinein, anschließend enterten 150 Protestler den Saal. Bis auf kleinere Schäden am Mobiliar geschah nichts, danach war es wieder ruhig. Am Fahrplan der Universität für die Gebühreneinführung ändere sich nichts, betonte Uni-Pressesprecher Andreas Archut: Am 1. Juni werde die endgültige Entscheidung fallen und eine Gebührenordnung verabschiedet werden.

Beschauliche Nacht der Besetzung

Die Kölner Besetzer halten ihre Aktion für den richtigen Weg, um Aufmerksamkeit für ihr Nein zu Studiengebühren zu schaffen. "Mit dem Protest im letzten Jahr ist leider nicht viel erreicht worden", erzählt Julia. "Viele sind davon frustriert." Ein einfacher Streik reicht in dieser Situation nicht. Musikwissenschafts-Student Jan wehrt sich vor allem gegen die "Pseudo-Sozialverträglichkeit". Die Gebühren sollen zwar "sozial abgefedert" werden, aber das hält Jan für eine Farce: "Studierende häufen Schuldenberge bis zu 10.000 Euro an, aber es gibt keine Sicherheit mehr, nach dem Abschluss auch einen toll bezahlten Job zu bekommen."

Jan wehrt sich auch gegen das so genannte "Hochschulfreiheitsgesetz" in Nordrhein-Westfalen und den geplanten "Aufsichtsrat", der zur Hälfte aus Hochschul-externen Menschen bestehen solle, vor allem aus der Wirtschaft. Die Folgen wären fatal, meint Jan: "Ich befürchte, dass die Wissenschaft in ihrer Freiheit beschnitten werden wird, dass es primär um Lukrativität und Drittmitteleinwerbung gehen wird."

Nächtens beim Bier vor den Toren des Hauptgebäudes ist es trotz allem eher gemütlich als politisch. Und selbst hier merkt man die Ordnungsliebe der Kölner Protestler: keine Scherben, die leeren Flaschen werden brav in einem Einkaufswagen gesammelt. "Braucht Ihr die Plastiktüte noch?" Wie selbstverständlich wird die gerade noch gegen die von unten heraufziehende Kälte schützende Tüte zur Mülltüte umfunktioniert. Am Morgen soll es schließlich trotz Protest sauber aussehen.



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