Demos von Rechten Wie die Köthener Hochschule um ihren Ruf kämpft

Aufmärsche von Rechten und Rechtsradikalen machten den Ort Köthen in Sachsen-Anhalt bekannt. An der dortigen Hochschule kommt jeder dritte Student aus dem Ausland. Jetzt engagiert sie sich politisch.

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Als Sen Wang, 35, am vergangenen Sonntag in seinem Garten stand, konnte er laute Rufe hören. Sie hallten von einer rechten Demo herüber, er konnte sie nicht verstehen, doch sie machten dem freundlichen Automatisierungstechniker aus der chinesischen Provinz Yunnan etwas Angst.

"Meine Frau hat mich am Sonntag nicht rausgelassen", sagt Wang. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, sie haben eine sieben Monate alte Tochter. Wang lebt seit neun Jahren in Köthen, einem schmucken Städtchen in Sachsen-Anhalt, wo er sich bisher wegen seiner Herkunft nicht bedroht fühlte.

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Hochschule in Köthen: Schlagartig politisch

Doch dann geriet ein Deutscher namens Markus B. auf einem Spielplatz in eine Auseinandersetzung mit zwei Afghanen und starb an einem Herzinfarkt - und Köthen wurde schlagartig zu einem Symbol für den Rechtsruck dieser Gesellschaft.

In die Debatte wurde auch Wangs Arbeitgeber hineingezogen: die Hochschule Anhalt, die einen ihrer drei Standorte in Köthen hat. Zwischen der Bernburger Straße und der Fasanerieallee nordwestlich der Innenstadt liegt ein Ensemble aus bunten, teils modernen und teils alten Gebäuden. Autos parken im Innenhof. Es ist ruhig, das Semester hat noch nicht begonnen.

Wang arbeitet auf dem Campus als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Knapp jeder dritte der 3500 Studierenden kommt aus dem Ausland, um Fotovoltaik, Biotechnologie und andere naturwissenschaftliche Fächer zu studieren. Sie stammen aus 108 Ländern, junge Chinesen machen die größte Gruppe aus.

Präsident Jörg Bagdahn, 48, hat sich in den vergangenen Tagen vor allem mit zwei Fragen beschäftigt: Wie kann die Hochschule für die Sicherheit der ausländischen Studierenden sorgen, die teilweise erst vor wenigen Tagen neu nach Köthen gekommen sind? Und wie soll sich die Hochschule in dem politisch brisanten Klima positionieren?

Zur ersten Frage: Die Hochschule riet allen Studierenden über ihre Website, in WhatsApp-Gruppen und Aushängen, "potenziell gefährliche Demonstrationen" zu meiden. Sie schaltete auch eine Hotline, bei der Studierende am vergangenen Wochenende anrufen konnten.

Es seien keine Studierenden oder Hochschulmitarbeiter zu Schaden gekommen, bei der Hotline hätten sich weniger als ein Dutzend Anrufer gemeldet, darunter viele Journalisten und kein einziger ausländischer Student, heißt es aus der Pressestelle.

Umso heikler scheint dafür die zweite Frage nach der Positionierung. Denn Hochschulen sind gewöhnlich darum bemüht, politisch neutral zu bleiben. Schließlich soll jeder forschen, lehren und lernen dürfen, gleich welcher politischen Couleur.

Wo jedoch politisches Engagement anfängt, ist eine Frage, die immer mal wieder für Konflikte sorgt - zuletzt zum Beispiel an den Universitäten in Bremen und Magdeburg.

Die Hochschule Anhalt ist in der aktuellen Situation wenig zimperlich. Zwar hat das Präsidium nicht dazu aufgerufen, bei der Gegendemo mitzulaufen. Doch Mitarbeiter und Studierende beteiligten sich durchaus an einer Aktion am vergangenen Samstag, als Menschen den Köthener Marktplatz mit Friedensbotschaften aus Kreide bemalten.

Malaktion auf dem Marktplatz
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Malaktion auf dem Marktplatz

Nun geht sie noch einen Schritt weiter: Am 29. September will sie einen Aktionstag "Weltoffene Hochschulen" auf dem Marktplatz veranstalten. Vertreter aller sieben Hochschulen in Sachsen-Anhalt haben sich angekündigt, ebenso wie der Wissenschaftsminister des Landes, der Oberbürgermeister und weitere Redner.

Interessant ist daran, dass der Aktionstag als Versammlung angemeldet ist. Und eine Versammlung müsse "zur Meinungsbildung von Dritten beitragen", erklärt Präsident Bagdahn, der sich mit diesem Thema in den vergangenen Tagen viel beschäftigt hat.

Seine Hochschule tritt damit in direkte Konkurrenz zu rechten Gruppen, die am 29. September auch etwas auf dem Marktplatz veranstalten wollen, und zwar ein Rechtsrockkonzert. Wer den Zuschlag bekommt, entscheidet die zuständige Behörde am kommenden Dienstag.

Dass sich die Hochschule mit dem Aktionstag politisch weit aus dem Fenster lehne, findet Bagdahn nicht. "Neutral heißt nicht, dass man gar nichts sagt." Es stehe nicht zur Diskussion, dass man sich gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit positioniere. Das gehöre schon seit Jahren zum Grundverständnis der Hochschule. "Doch jetzt zeigen wir es deutlicher nach außen."

Hochschulpräsident Jörg Bagdahn
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Hochschulpräsident Jörg Bagdahn

Für die Einrichtung steht viel auf dem Spiel. Köthen ist seit mehr als 125 Jahren ein Hochschulstandort, der immer viele internationale Studierende angezogen hat. Diese sind ein Aushängeschild des ganzen Bundeslandes. Erst Ende August lobte Wissenschaftsminister Armin Willingmann, dass die Zahl der Studierenden aus dem Ausland eine neue Rekordzahl erreicht habe - und dass diese in Zeiten des Fachkräftemangels leichter für ein Ingenieurstudium zu begeistern seien als deutsche Studenten.

Anrufe von Partnerhochschulen

Es ist fraglich, wie sehr der Ruf von Köthen und der Region nun auch im Ausland darunter leidet, dass hier rechte Demonstranten aufgelaufen sind. Präsident Bagdahn sagt, er habe bereits Anrufe von einigen der rund 270 Partnerhochschulen bekommen, die sich erkundigten, wie es um die Sicherheit bestellt sei.

Mitarbeiter Wang erzählt, ein Bekannter aus der Nähe von Peking habe ihn kontaktiert: Ob es in Köthen wirklich so schlimm sei? Er habe in chinesischen Medien davon gehört.

In der Mensa sitzt ein Student aus Jordanien, er macht hier seinen Master in Biomedical Engineering und ist gerade aus dem Heimaturlaub zurückgekehrt. Er hat die Nachrichten zu Hause in Amman verfolgt: "Ich dachte, das kann doch nicht sein, das hier ist so ein kleiner, ruhiger Ort!"

Am Tag, nachdem er nach Köthen zurückgekehrt war, ging der schmale Mann mit dem dunklen Bart und den hellbraunen Augen zu Fuß in die Innenstadt, um zu schauen, was dort los ist. Es war der Mittwoch dieser Woche, und "es war alles wie immer", sagt er. In ein paar Tagen sei die Aufregung bestimmt vorüber - und er könne seinen Master ungestört zu Ende machen.

Seinen Eltern hat der 29-Jährige trotzdem nicht erzählt, dass sein Studienort Köthen gerade in den Schlagzeilen ist. Und er klingt etwas erleichtert, als er sagt: "Sie schauen kein Fernsehen."

insgesamt 14 Beiträge
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fatherted98 24.09.2018
1. als ob dass...
..das Problem wäre. Soweit mir bekannt gab es nie Probleme mit Köthener Studenten....gleich aus welchem Teil der Erde sie stammen. Und das Köthener Studenten im Umkehrschluss Probleme hatten ist mir auch nicht bekannt. Das auf einen schwer Herzkranken eingeprügelt wurde, bis er an Herzversagen starb (ursächlich) hat wohl weder etwas mit den engagierten Studenten zu tun noch mit der Mehrheitsbevölkerung in Köthen...und das ist auch dort allen klar.
peterpeterweise 24.09.2018
2. Waren die Demonstranten in Köthen gewalttätig?
Es wird viel davon geschrieben, dass man gegen Gewalt vorgehen möchte. Welche Gewalt haben die Demonstranten denn in Köthen genau ausgeübt? Gab es Übergriffe aus ausländische Studierende? Oder wurde nur vermutet, dass Demonstranten gewalttätig werden könnten, und damit schon vorsorglich ein Bild vom gefährlichen Köthen verbreitet, welches in der Realität gar nicht eingetreten ist?
cave100 24.09.2018
3. real
Was hat die Hochschule mit den Demos zu tun ? Antwort : Nicht ! Was sollen also die dramatisch aufgepeppten Statements der Gebührenfreien ausländischen Studenten, die auch noch, offensichtlich, entsprechend suggestiv gefragt wurden? Aufklärende informative Berichterstattung liest sich anders!
kajoter 24.09.2018
4.
Köthen ist ein ehemaliger Arbeitsplatz Johann Sebastian Bachs. Dieser wird von unseren Ultrarechten - sofern sie denn von ihm gehört haben - sicherlich als in Granit gemeißeltes Sinnbild urdeutscher Kultur angesehen. Ihnen sei gesagt, dass er sich überall Anregungen holte, vor allem aus Italien, Frankreich, England und den Niederlanden. Und hätte es damals Noten aus z.B. Indien gegeben, er hätte wohl auch sie neugierig gelesen und für sich etwas Nutzbringendes daraus gezogen. Nun also wird diese Stadt, die dadurch eigentlich ein Ort des offenen Geistes sein sollte, durch kleingeistiges Pack heimgesucht. Als bekennender deutscher Kulturpatriot kann ich nicht verstehen, warum sich diese Menschen nicht geehrt fühlen, wenn Ausländer neugierig nach Köthen kommen. Warum sie ein Treffen unterschiedlicher Nationalismen, einen Austausch, ein Kennenlernen nicht nur ablehnen, sondern sogar noch bekämpfen. Das heißt - ich kann es doch verstehen: Wenn Kleingeistigkeit und mangelnde Bildung all diese positiven Aspekte nicht erkennen lassen, dann kommt eben so etwas dabei heraus.
dasfred 24.09.2018
5. Das bedrückende sind nicht die Einwohner
Das bedrückende in Köthen war, dass sich innerhalb kürzester Zeit Tausende von diesen "Besorgten" aktivieren lassen. Mit der entsprechenden Menge Bier und ein paar Einpeitschern wird daraus ein unberechenbarer tobender Mob, vor dem nichts sicher ist. Das ist die Sache, die uns alle beschäftigen sollte.
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