Kommentar zum Numerus-clausus-Urteil Das Abitur ist nicht genug

Das Bundesverfassungsgericht hat den Numerus clausus nicht abgeschafft, aber abgewertet. Das sollte ein Beispiel sein für viele Studienfächer, bei deren Zulassungskriterien die Abiturnote überbewertet wird.

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Das Bundesverfassungsgericht hat heute entschieden, dass die Studienplatzvergabe in Humanmedizin teilweise gegen das Grundgesetz verstößt: Die Lotterie bei der Ortswahl, der undurchdringbare Irrgarten auf dem Weg ins Studium, die Fixierung in vielen Bereichen auf die Abiturnote - und das, obwohl das Abitur zwischen den Bundesländern schwer vergleichbar ist. All das haben die Verfassungsrichter moniert und verlangen von Bund und Ländern Korrekturen.

Das wirft die Frage auf: nur im Studienfach Humanmedizin? Merkwürdige Zulassungskriterien sind keine Spezialität der Mediziner. Und gut 42 Prozent der Studiengänge in Deutschland sind mit einem Numerus clausus belegt.

Wenn die obersten deutschen Richter in einem Fach etwa einen "Ausgleichsmechanismus zur Herstellung einer hinreichenden Vergleichbarkeit der Abiturnoten über die Landesgrenzen hinweg" fordern - muss das dann nicht für alle Fächer gelten?

Wie immer, wenn Richter sich zur Urteilsverkündung erheben: Ganz so einfach ist es nicht. Geurteilt wurde ausschließlich über die Humanmedizin, was an vielen Stellen des Urteils deutlich wird. Es stützt sich beispielsweise auf Studien, die den Zusammenhang zwischen einer guten Abiturnote und dem Studienerfolg in Medizin untersuchen.

Eine Chance für alle Fächer

Diesen Zusammenhang gibt es übrigens: Im vorklinischen Teil des Studiums haben Einserabiturienten die besseren Erfolgsaussichten. Dieselbe Studie zeigt aber auch, welch großen Einfluss auch andere Aspekte haben, etwa Berufserfahrung oder Lebensalter. Deswegen fordern die Richter, dass nicht ausschließlich auf die Abiturnote abgestellt wird.

Ob aber all das genauso für Zahnmedizin, Tiermedizin oder Pharmazie gilt, steht nicht im Urteil. Formaljuristisch müsste in diesen drei Fächern womöglich gar nichts geändert werden, obwohl auch hier dieselbe Stiftung für Hochschulzugang nach vergleichbaren Kriterien die Zulassung organisiert.

Doch das wäre mindestens eine vertane Chance. Und auch abseits der medizinischen Fächer täten Bildungspolitiker in Bund und Ländern sowie die Hochschul- und Institutsleitungen gut daran, sich das Urteil genau anzuschauen. Sie sollten ihre eigenen Zulassungsvoraussetzungen nach dieser Vorlage prüfen.

Wenn sie es nicht tun, sind auch in anderen Fächern Klagen denkbar. Die Konstellation dürfte immer dann vergleichbar sein, wenn es um Studiengänge mit klarem beruflichen Ziel geht. Der Ausgangspunkt der Argumentation ist das Grundrecht auf freie Berufswahl, auf das sich die Mediziner heute berufen konnten. Vorstellbar wären zum Beispiel Psychologie oder Betriebswirtschaft, um mal zwei Fächer mit riesigen Studierendenschaften herauszugreifen.

Eine andere Voraussetzung dürfte sein, dass es im betreffenden Fach offenkundig nicht ausreicht, mit gutem Schulabschluss anzutreten. Bei den Medizinern wurde heute die soziale Komponente des Arztberufs hervorgehoben, weshalb Zulassungstests wahrscheinlicher werden, die die Kommunikations- und Empathiefähigkeit der Bewerber prüfen (allerdings sollen die Hochschulen aus einem Katalog sinnvoller Prüfkriterien auswählen dürfen). Das ließe sich auf Psychologie und BWL übertragen.

Die Verfahren müssen transparent werden

Würde hier ein Gericht genauer nachfragen, könnten bald weitere Fächer vor der Aufgabe stehen, es sich bei der Auswahl der Studierenden nicht zu leicht zu machen. Denn das ist es ja, was die Karlsruher Richter den Hochschulen heute aufgetragen haben: Die Auswahlkriterien und -verfahren müssen transparent und nachvollziehbar werden.

Die Abiturnote ist als Kriterium zwar billig, aber in vielen Konstellationen zumindest dann nicht geeignet, wenn sie der einzige Prüfstein bleibt. Der Numerus clausus wurde zwar nicht abgeschafft, aber in seiner Bedeutung herabgestuft.

Auch ohne juristische Nachhilfe sollten die Länder und Universitäten das Urteil für sich nutzen. Als Einschnitt in der Zulassungspolitik, der einen Neuanfang erlaubt. Als Leitlinie für die Neugestaltung.

Eine kluge Zulassungspolitik wäre im Interesse aller. Sitzen die richtigen Leute im richtigen Hörsaal, dann kommen sie mit weniger Schwierigkeiten durchs Studium, dann kostet ihre Ausbildung weniger, dann gibt es weniger frustrierte Abbrecher. Dann bekommt die Gesellschaft am Ende die besseren Wissenschaftler, Fachleute und Ärzte.

insgesamt 42 Beiträge
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Take it or leave it 19.12.2017
1. Es ändert sich nichts
Das BVG-Urteil schafft nicht einen Medizinstudienplatz mehr. Es erfolgt lediglich eine Verschiebung. Es wird nicht mehr der zugelassen, der die beste Abiturnote hat, sondern derjenige, der die meiste "soziale Kompetenz" (vulgo Aschrkriecherfähigkeiten) hat.
eichenbohle 19.12.2017
2. Jede/r...
... die ein Medizinstudium beginnen wollen MÜSSEN, außer sehr gute schulische Leistungen, wenigstens 1 Jahr praktische Vorbildung mit entsprechender Ausbildung nachweisen können. Pflegedienst oder Notdienstassistent im Krankenhaus. Pflegedienst für Schwerkranke im Sozialdienst oder im Bereich der Rettungsdienste (Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe). Zwei fliegen mit einer Klatsche: Aufstockung von medizinischem und Pflegepersonal und eine praxisnahe Vorbildung.
vitalik 19.12.2017
3.
Zitat von eichenbohle... die ein Medizinstudium beginnen wollen MÜSSEN, außer sehr gute schulische Leistungen, wenigstens 1 Jahr praktische Vorbildung mit entsprechender Ausbildung nachweisen können. Pflegedienst oder Notdienstassistent im Krankenhaus. Pflegedienst für Schwerkranke im Sozialdienst oder im Bereich der Rettungsdienste (Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe). Zwei fliegen mit einer Klatsche: Aufstockung von medizinischem und Pflegepersonal und eine praxisnahe Vorbildung.
Und nachdem jeder Student sein Jahr in der Pflege geleistet hat, hat der Staat immer noch keinen zusätzlichen Studienplatz geschaffen, sodass wieder ausgesiebt werden muss und die jungen Leute auf der Strecke bleiben. Wie genau hilft es denn dabei ein Studium in der Medizin zu ergattern?
frank moegling 19.12.2017
4. Sind denn unsere Vorstellungen von Bildung überhaupt gut genug?
Das Studium der Medizin steht ja nun am Ende unserer Bildungskette oder am äußeren Rand eines sich gleich einem Flussdelta wie zum Beispiel in der Camargue weit verzweigenden Bildungssystem. Es ist gut und macht nachdenklich, dass sich unsere höchste demokratische Rechtsinstanz das Bundesverfassungsgericht überhaupt mit dem Thema beschäftigen muss. Immerhin haben wir doch auch ein Grundgesetz mit Grundrechten in denen die Aufgaben, die Aufsicht und die Fürsorge des Staates über die Bildung hinreichend dargelegt sind. Da sich die jeweiligen Regierungen nicht in der Lage sehen eine nachhaltige Bildung zu diskutieren und die für unsere Gesellschaft dringend benötigten individuellen, kreativen und schöpferischen Fähigkeiten jedes einzelnen anzuerkennen und auch zu fördern, scheint es sinnvoll die Bildungspolitik von der Parteienpolitik zu lösen. Vielleicht ist dies ja eine Möglichkeit und die Rettung in unserem ehemaligen Land der Dichter und Denker, mit Unterstützung des Bundesverfassungsgericht diesbezüglich das Grundgesetz zu ändern bzw. zu ergänzen.
kayato_kasaki 19.12.2017
5.
Zitat von eichenbohle... die ein Medizinstudium beginnen wollen MÜSSEN, außer sehr gute schulische Leistungen, wenigstens 1 Jahr praktische Vorbildung mit entsprechender Ausbildung nachweisen können. Pflegedienst oder Notdienstassistent im Krankenhaus. Pflegedienst für Schwerkranke im Sozialdienst oder im Bereich der Rettungsdienste (Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Deutsches Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe). Zwei fliegen mit einer Klatsche: Aufstockung von medizinischem und Pflegepersonal und eine praxisnahe Vorbildung.
Noch besser, Einführung der Bürgerversicherung, dann erledigt sich das Problem von selbst. Aufstockung von medizinischem Personal, als ob es nicht schon viel zuviele Kostgänger der Kassen, besser Patienten gibt.
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