Kopftuch-Bilder als Diplomarbeit Die Verwicklungskünstlerin

Ayse Tasci ist Türkin, tief gläubig, lebt seit sieben Jahren in Deutschland - und nein, sie trägt kein Kopftuch. Die Frage, warum das so sei, hatte sie bald gründlich satt. Allerdings inspirierte sie das bunte Stück Stoff zu einer fotografischen Diplomarbeit über die Schönheit verhüllter Frauen.

Von Almut Steinecke

Ayse Tasci

Das rosafarbene Tuch, fein gearbeitet, schmiegt sich an die Wangen der Frau, reicht herab bis zu Schultern und Brust. Das Gesicht der Frau ist kaum zu sehen, das Tuch ist so schön, dass es seine Trägerin ziert.

Dieses Foto der verhüllten Türkin mit Kopftuch ist Teil der Diplomarbeit "Caprasik - Verwickelt" von Ayse Tasci, 28, ebenfalls Türkin. Sie hat soeben ihr Studium abgeschlossen, Kommunikationsdesign, Fachbereich Gestaltung, an der Folkwang-Hochschule Essen. Tasci hat türkische Frauen mit traditionellen Tüchern fotografiert, Musliminen mit madonnenhafter Anmut, im Profil, die Gesichter sind kaum zu erkennen, der Fokus liegt auf dem Kopftuch.

Ästhetisch sieht das zwar aus. Aber was bitte ist an solchen Bildern neu? Ist das Kopftuch nicht ein alter Hut? Wer will noch etwas darüber hören nach all dem Streit darüber, nach Sarrazins Spruch über "Kopftuchmädchen"?

Tascis Bilder locken auf neue Pfade - weil sie leise und eindringlich den Betrachter um etwas bitten: einen Blick hinter die Kopftuch-Kulisse zu werfen.

Aufgewachsen mit "Allah im Herzen"

Dabei war es genau der Wirbel ums Kopftuch, der Tasci zu ihrer Diplomarbeit inspirierte. Den habe sie nämlich erst in Deutschland so richtig kennengelernt, obwohl der Streit auch in der Türkei seit Jahren tobt und an den Universitäten ausgefochten wird.

Geboren wurde Tasci in Aydin, einer türkischen Stadt mit rund 140.000 Einwohnern an der Ägäis-Küste. Sie stammt aus einer Großfamilie, aufgewachsen mit neun Geschwistern, tiefgläubig, "mit Allah im Herzen", wie sie sagt, und in keiner Weise unterdrückt: "Meine Eltern haben mir alle Freiheiten der Welt gelassen, sie wollten einfach immer nur, dass es mir gut geht", sagt sie.

Nach ihrem Schulabschluss begann sie das Studium der Fotografie an der Marmara-Universität in Istanbul. Mit 21 Jahren kam sie nach Deutschland. "Ich wollte schon immer ins Ausland - das war für mich das totale Abenteuer", sagt sie, ihre braunen Augen blitzen. Tasci ließ ihr Studium zunächst ruhen, belegte einen Deutsch-Intensivkurs an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Sankt-Augustin, für ein Jahr. Sie nahm ihr Studium wieder auf, bewarb sich in Dortmund und in Essen um einen Platz für Kommunikationsdesign, entschied sich für Essen. Und wollte mit derselben Leichtigkeit weiterleben, wie in der Türkei, tief gläubig, aber dies nicht nach außen demonstrieren - doch ihr Umfeld reagierte darauf mit Stirnrunzeln.

"Warum sollte ich mich verschleiern?"

"Als ich vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen bin, war die erste Frage, warum ich eigentlich kein Kopftuch trage oder verschleiert sei", sagt Tasci. "Gleich danach wurde mir die Frage gestellt, wie es kommt, dass ich so anders, liberal und frei sei." Von einer Türkin erwarteten viele offenbar etwas anderes, mehr Tradition, mehr kulturellen Zwang. Sie zeigte sich unbeeindruckt. Das verunsicherte ihre Mitmenschen, sagt sie.

Tasci konnte mit solchen Fragen nichts anfangen. "Warum sollte ich mich denn verschleiern? Es sollte doch die eigene persönliche Entscheidung jeder türkischen Frau sein, ob sie ihren Glauben mit einem solchen Symbol nach außen sichtbar macht oder nicht." Für sie sei Glauben etwas Privates. "Eine private Verbindung zwischen mir und Allah. Für mich ist es wichtig, diese Verbindung zu spüren - und nicht, ob andere sie sehen."

Die Diskussionen nervten sie. "Diese Gespräche endeten immer gleich", sagt sie, "ich fühlte mich jedes Mal angegriffen und sprachlos." Sie entschied sich, das Thema visuell aufzuarbeiten. "Denn auch ich bin eine Muslimin."

Sie fragte sich: Was sind das für Frauen, die sich verhüllen? Wie fühlen sie? Und was bedeutet ihnen das Kopftuch?

"Mit fiel auf, wie toll viele Kopftücher aussehen, aber wie einnehmend sie gleichzeitig sind", sagt Tasci. "Sieht man eine verhüllte Frau, achtet man nur noch auf das Kopftuch - man achtet gar nicht mehr auf den Menschen dahinter." Ihre Vermutung: Viele Betrachter haben das Vorurteil, Frauen mit Kopftuch seien ungebildet und unterwürfig. Das wollte sie ändern.

Die Fotografin will die Gesichtslosigkeit überzeichnen

Ihr kam die Idee, verhüllte Türkinnen zu fotografieren und dabei so wenig Gesicht wie möglich zu zeigen, so dass die Pracht der Kopftücher in den Mittelpunkt rückt. Tasci wollte auf diesem Weg die Gesichtslosigkeit der Frauen überzeichnen, den Persönlichkeitsverlust herausarbeiten, den das Kopftuch durch seine dekorative Wirkung entfaltet. Tascis Hoffnung: Man sieht die Verhüllung, wird aber neugierig auf den Menschen dahinter.

Das Konzept für ihre Diplomarbeit stand. Tasci dachte sich den Titel "Caprasik - Verwickelt" aus, streifte durch Supermärkte, Cafés, Fußgängerzonen auf der Suche nach Kopftuch tragenden Frauen. "Die Suche war sehr anstrengend und frustrierend", sagt Tasci. "Viele Frauen hatten Angst, haben sich noch nicht einmal auf ein Gespräch mit mir eingelassen."

Sie hatte sich zur Prüfung angemeldet, hatte sechs Monate, dann würde sie die Diplomarbeit abgeben müssen. Entsprechend war der Druck, "ich war manchmal kurz davor, alles hinzuschmeißen".

Doch schließlich fand sie die erste Frau für ein Foto, dann noch eine und noch eine und lud sie nacheinander ins Fotostudio. Fast alle Frauen studierten selbst, viele auf Lehramt, obwohl sie jetzt schon wissen, dass sie so an kaum einer Schule in Deutschland unterrichten dürfen. Dass sie Schwierigkeiten kriegen, wenn sie ihr Kopftuch weiter tragen. "Die Frauen waren am Anfang ein bisschen schüchtern im Studio. Ich habe ihnen Zeit gelassen, in die Pose reinzukommen, um die Abwesenheit ihrer Gesichter in Ruhe darzustellen."

Eine der Frauen war Apothekerin. Sie habe ihren Job nur bekommen, weil sie in der Apotheke ihr Tuch ablege, sagt Tasci. "Darauf hat sie sich eingelassen, setzt es aber in der Mittagspause und auf dem Weg nach Hause gleich wieder auf."

Im Herbst wird die junge Türkin ihre Fotos, die auch im Netz zu finden sind, auf Reisen schicken: ihre Arbeiten sollen in in einer Kirche in Köln-Vingst ausgestellt werden.

Ein Foto hat Tasci allerdings ohne Tuch inszeniert. Es zeigt eine Frau im Profil, die ihre Haare wie einen Schleier über ihr Gesicht gezupft hat - eine Perücke, die einige gläubige Frauen in der Türkei tragen, etwa im Öffentlichen Dienst, um das Verbot zu umgehen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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brux 09.03.2011
1. Weltfremd
Da kann man der Diplomantin nur zurufen: Viel Glück bei der Arbeitssuche ! Ansonsten ist das Ganze so interessant, wie ein Reisebericht aus Lourdes. Wen interessieren heute noch religiöse Knallköpfe mit Realitätsverlust?
Moralinsaurer 09.03.2011
2. Kopftuch
Ich glaube gerne, dass nicht wenige Frauen umso schöner werden, je weniger man von ihnen sieht. Und was die Gläubigkeit angeht? Was glauben eigentlich Mohammedaner? Ihre Theologie ist kurz Gott ist groß. Es gibt keinen Gott außer Allah. Mohammed ist sein Prophet. Fertig. Die ersten beiden Thesen glauben die Christen auch. Neben Jesus ist der Hauptunterschied aber, dass der Gott des Islam wie auch der Juden ein unnachsichtiger, befehlender und strafender Gott ist, der christliche ein nachsichtiger und gnädiger. Da bleibe ich doch lieber bei meinem christlichen Gott..
Dr. J. Neumann 09.03.2011
3. Diplomarbeit über die Schönheit verhüllter Frauen
Kann der Verhüllung leider keine Schönheit abgewinnen.
Zwiebel, 09.03.2011
4. Altes Relikt
Das Kopftuch stammt aus einer Zeit, wo Männer zwar Frauen beherrscht haben, aber eben ihre eigenen Triebe nicht beherrschen konnten und daher zu diesem primitiven Hilfsmittel gegriffen haben. In unserer heutigen Gesellschaft sehe ich daher keinen Platz mehr für Kopftücher, welche die Weiblichkeit verhüllen sollen und dies gilt religionsübergreifend auch für christliche Ordensschwestern, Nonnen und ähnliches. Wer sich dermaßen mit der Vergangenheit verbunden fühlt, soll bitte auch auf die übrigen Annehmlichkeiten der modernen Zeit verzichten und zu Fuß oder mit dem Ochsenkarren reisen statt mit dem Flugzeug von Istanbul nach Frankfurt zu jetten. Ich finde es gut, dass Tasci hier zum Nachdenken anregt und zeigt, dass Frömmigkeit nicht vom Kopftuch, sondern wohl eher von den Gedanken im Kopf abhängen sollten.
Moski, 09.03.2011
5. Widersprüchlich
Frau Tasci argumentiert sehr widersprüchlich. Als sie nach Deutschland kam, wurde sie gefragt, warum sie als Türkin kein Kopftuch trägt - eine Frage, die sie als lästig empfand. Jetzt fotografiert sie Frauen mit Kopftuch (Zitat:) "Man sieht die Verhüllung, wird aber neugierig auf den Menschen dahinter." Wenn man neugierig auf Menschen ist, dann fragt man diese Menschen, tritt mit ihnen in Kontakt. Darf niemand neugierig sein auf eine Türkin, die kein Kopftuch trägt, und sie fragen, warum sie sich so entschieden hat? Widersprüchlich, sehr widersprüchlich.
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