"Bild"-Methoden Der erfundene Tod der Hannah Wolf

Manche Bekannte hielten die Studentin Hannah Wolf ein Wochenende lang für tot. Der Grund: Die "Bild"-Zeitung hatte ihr Foto ausgegraben und damit eine Geschichte über einen Mord reißerisch bebildert. Die Studentin ist entsprechend wütend - und geht nun gegen das Boulevardblatt vor.

BILD

Es ist eine klassische Boulevard-Panne auf der Hatz nach der emotionalen Story: Ein Mord geschieht, die Journalisten müssen die persönliche Geschichte des Opfers ins Blatt bringen - doch das eilig aus dem Internet beschaffte und gedruckte Foto zeigt gar nicht das Mordopfer. So geschehen in einem Bericht der "Bild"-Zeitung, Ausgabe Berlin-Brandenburg, nach einem mutmaßlichen Mord in einer Wohngemeinschaft.

Der Axel-Springer-Verlag teilt zu der schweren Panne mit, man werde "prüfen, wie dieser Fehler passieren konnte". Nach "Hinweisen von Lesern" habe man die Berichterstattung aus dem Internet genommen und eine Richtigstellung veröffentlicht. Außerdem habe man "versucht, mit der jungen Frau Kontakt aufzunehmen" und ihr "schnellstmöglich ein persönliches Entschuldigungsschreiben" geschickt. Die geschädigte Studentin Hannah Wolf sagt, sie habe bis zum Mittwochmittag keine Entschuldigung und keine Antwort vom Axel-Springer-Verlag oder der Redaktion erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Am Samstag haben die Berliner Ausgabe der "Bild"-Zeitung und "bild.de" eine Geschichte über einen brutalen Studentinnen-Mord in einer Wohngemeinschaft veröffentlicht. Über dem abgekürzten Namen des Opfers standen Ihr Foto und Angaben aus Ihrem Privatleben. Wie haben Sie davon erfahren?

Wolf: Eine Bekannte hat den Artikel mit meinem Foto gesehen und mir eine Nachricht geschickt, ich solle mich bitte schnell melden. Dann schickte sie mir den Link zur "Bild"-Geschichte über den WG-Mord. Sie wollte wissen, ob es mir gut geht.

SPIEGEL ONLINE: Stell dir vor, du liest "Bild" und erfährst, dass du tot bist? Klingt wie die erste Zeile eines Witzes.

Wolf: Zuerst habe ich auch gelacht, allerdings etwas hysterisch.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dann gemacht?

Wolf: Ich musste am Samstag arbeiten und habe den Artikel in meiner kurzen Pause gesehen. Ich hatte kaum Zeit zum Nachdenken. Am Nachmittag habe ich auf Facebook gepostet, dass ich lebe. Dann habe ich meine Eltern angerufen, und ihnen gesagt, dass, was immer sie auch über den Mord in Berlin hören, nicht stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Hatte sich die Nachricht von Ihrer vermeintlichen Ermordung schon herumgesprochen?

Wolf: Ich erhielt eine Menge besorgter Nachrichten, meinem Bremer Mitbewohner wurde sogar kondoliert. Er dachte sich aber schon, dass ich nicht seit dem Vortag tot in Berlin liege. Er hatte mich am Morgen noch kurz gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Gerücht auch Verwandte erreicht?

Wolf: Nicht direkt. Aber zwei Tage nach der Veröffentlichung wurde meine Mutter von Kollegen gefragt, warum sie denn zur Arbeit komme, nach so einem schrecklichen Verlust.

SPIEGEL ONLINE: Stammten die Informationen über Sie, also Studienfach und Foto, von Ihrer Facebook-Seite?

Wolf: Nein, dort gibt es mich nur unter Pseudonym. Mein ehemaliges Studienfach, das "Bild" erwähnt, steht nur im Impressum meines Blogs. Dort steht allerdings auch mein richtiger Name, mein korrektes Alter und auch, dass ich nicht mehr in Berlin wohne. All das passt nicht zum Opfer. Irgendwie wurde ich wohl per Google entdeckt - und dann passte das Foto mit Schlafzimmerblick, das es neben vielen normalen Bildern von mir gibt, einfach gut zum Boulevard-Klischee des liederlichen Mädchens, das mit fünf Kerlen zusammen wohnt.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen haben Sie in Ihrem Blog einen offenen Brief an "Bild" veröffentlicht. Was ärgert Sie am meisten?

Wolf: Fehler passieren jedem. Was mich aufregt, ist die Methode. Nach einem so schlimmen Gewaltverbrechen private Fotos und Details aus dem Leben ohne Rücksprache mit Verwandten zu veröffentlichen, das ist einfach widerlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich beim Springer-Verlag beschwert?

Wolf: Nein, das machen Anwälte. Von "Bild" kam, außer in der Richtigstellung, die am Montag abgedruckt wurde, bisher keine Reaktion.

SPIEGEL ONLINE: Fordern Sie Schadensersatz?

Wolf: Das werde ich versuchen. Aber es geht nicht um Geld oder um meine 15 Minuten Ruhm. Angehörige echter Opfer haben nach einer persönlichen Katastrophe nicht die Kraft, die "Bild"-Methoden zu thematisieren. Ich schon. Mein Beispiel soll zeigen, wie ethische Regeln durch "Bild" verletzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das erste Aufwachen nach der Todesnachricht?

Wolf: Ich bin mit höllischen Kopfschmerzen aufgewacht. Dass ich tot sei, konnte ich ja schnell entkräften. Aber in so eine Gewalttat hineingezogen zu werden, wenn auch indirekt, das greift einen schon sehr an.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Parallelen zwischen Ihnen und dem Opfer?

Wolf: Die Tote, um die nun die Familie trauert, hieß wohl auch Hannah. Aber Studienfach, Wohnort, Nachname und Alter stimmten bei uns nicht überein.

Das Interview führte Christoph Titz

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insgesamt 104 Beiträge
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kulinux 20.06.2012
1. Das kommt davon, …
… wenn man BILD liest. Schadet eben der geistigen Hygiene. Man sollte diese Lügenmaschine "nicht mal ignorieren". Kuli
franko_potente 20.06.2012
2.
Zitat von sysopBILDManche Bekannte hielten die Studentin Hannah Wolf ein Wochenende lang für tot. Der Grund: Die "Bild"-Zeitung hatte ihr Foto ausgegraben und damit eine Geschichte über einen Mord reißerisch bebildert. Die Studentin ist entsprechend wütend - und geht nun gegen das Boulevardblatt vor. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,839926,00.html
Tja, das wäre doch mal wa für den Verfassungsschutz. Verbieten dieses Schmierenblatt. Es grenzt an Volksverdummung und Volksverhetzung. Aber Nunja, in der Politik ganz oben verbandelt...mit BILD legt sich keiner.
DarkSpir 20.06.2012
3. Gruselig
Ich finde es gruselig wieviel Macht die Bildzeitung schon zu haben scheint, dass so viele Leute aus dem Umfeld der Studentin mit diesem Artikel versorgt werden konnten. Ich für meinen Teil kenne in meinem Bekanntenkreis höchstens einen oder zwei, die Bildzeitung lesen könnten. Aber auf Deutschland bezogen scheint diese Unsitte ja weiter verbreitet zu sein...
abby_thur 20.06.2012
4. Anmerkung:
Zitat von DarkSpirIch finde es gruselig wieviel Macht die Bildzeitung schon zu haben scheint, dass so viele Leute aus dem Umfeld der Studentin mit diesem Artikel versorgt werden konnten. Ich für meinen Teil kenne in meinem Bekanntenkreis höchstens einen oder zwei, die Bildzeitung lesen könnten. Aber auf Deutschland bezogen scheint diese Unsitte ja weiter verbreitet zu sein...
Nur wer die "Bild" liest, kann auch die Fehler entdecken. Diese landen dann bei bildblog.de oder sonstwo.
olli08 20.06.2012
5. Zeitung?
Zitat von sysopBILDManche Bekannte hielten die Studentin Hannah Wolf ein Wochenende lang für tot. Der Grund: Die "Bild"-Zeitung hatte ihr Foto ausgegraben und damit eine Geschichte über einen Mord reißerisch bebildert. Die Studentin ist entsprechend wütend - und geht nun gegen das Boulevardblatt vor. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,839926,00.html
Man muss sich endlich mal von dem Irrglauben losmachen, dass die "Bild" ein Zeitung sei. Das ist sie nicht!!! Sie ist ein reines Unterhaltungsmagazin, das seine Leser mit erfundenen, verfälschten oder erpressten Geschichte bei Laune hält, manipuliert, aufgeilt und verdummt. Die Ärzte hätten es nicht besser auf den Punkt bringen können: "Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht" (aus: Lasse reden)
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